Interview mit Dr. Motte: “GEMA-Monopol brechen!”

Interview mit Dr. Motte: “GEMA-Monopol brechen!”

Techno-Urgestein Dr. Motte warnt davor, dass mit der GEMA-Reform der Gebühren für Clubs und Diskotheken 2013 die Musikkultur veröden könnte. Er fordert, die GEMA zu demokratisieren und ihr Monopol zu brechen.

Zum 1. Januar 2013 will die GEMA neue Tarife für Clubs und Diskotheken einführen. Diese bedeuten eine Erhöhung der Gebühren um bis zu 2000 Prozent – also das 20-fache. Sind die Clubs bald am Ende?, fragten wir zunächst. Die GEMA-Sprecherin Gaby Schilcher erklärte im Interview: “Unser System ist ausgeglichen und fair”, Olaf Möller von der Berliner Club Commission nannte das eine “Frechheit”. Nun befragen wir den weltbekannten DJ Dr. Motte, der sich im Rahmen des Vereins electrocult für die elektronische Musik- und Clubkultur engagiert – und die Tariferhöhung der GEMA stark kritisiert.

Du engagierst Dich im Rahmen der Initiative „Fairplay – Gemeinsam gegen GEMAinheiten“ gegen die neuen GEMA-Tarife für Diskobetreiber zum 1. Januar 2013. Wie groß sind die Chancen, mit der aktuellen Gegenkampagne etwas zu erreichen?

Ich sehe da keine Kampagne. Das sieht für mich anders aus. Die Online-Petition zumindest ist beachtlich, da haben bisher fast 220.000 Leute unterzeichnet. Es gibt also ein breites öffentliches Interesse. Alle Fraktionen des Berliner Abgeordnetenhauses und die Landesregierungen von Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern haben die Tarifreform abgelehnt.

Aber bringt das was? Die GEMA ist ja unabhängig.

Die GEMA gehört sich selbst. Die GEMA ist ein Verein und durch das im Grundgesetz verankerte Urheber-Wahrnehmungsgesetz die einzige überhaupt existierende Urheber-Verwertungsgesellschaft mit Monopol in Deutschland zugelassen. Aufgrund der rechtlichen Situation kann die GEMA machen, was sie will. Sie kann diktatorisch ihre Tarife festlegen, und das macht sie jetzt. Wir haben eine Diktatur der GEMA, die begehen da gerade Missbrauch ihres Monopols, wie die DEHOGA sagt. Deshalb müssen wir eine Verfassungsklage machen, wenn man dieses Monopol brechen will.

Die Vereinsmitglieder könnten etwas tun.

Deshalb haben wir am 25. Juni auch vor der Kulturbrauerei demonstriert, wo sich die GEMA-Vollversammlung traf – nicht um dort Krawall zu machen, sondern um die anwesenden Mitglieder zu informieren, was gerade passiert. In der Mitgliederpost der GEMA „Virtuos“ steht gerade mal eine halbe Seite dazu, und das reicht nicht. Man kann davon ausgehen, dass die Musiker selber nicht über die Tarifreform informiert sind und nicht wissen, was das bedeutet.

Wenn sie es jetzt wissen: Warum steht die Reform immer noch so?

Dazu muss man wissen, dass die GEMA eine 3-Klassen-Gesellscahft ist: Nur 5 Prozent der GEMA-Mitglieder sind stimmberechtigt, die „ordentlichen“ Mitglieder. Die haben bestimmte Umsätze oder sind ein Verlag, vertreten eine Lobby wie Warner, Sony/BMG, EMI. Alle anderen sind nicht stimmberechtigt, die „außerordentlichen“ und „angeschlossenen“ Mitglieder.

Bist Du Mitglied in der GEMA?

Ja, aber ich bin als außerordentliches Mitglied nicht stimmberechtigt.

Trotzdem bist Du als Künstler eigentlich Nutznießer dieser Reform und solltest mehr Geld bekommen….

Es gibt innerhalb der GEMA einen ganz schlechten Verteilungsschlüssel. Das meiste Geld aus den pauschal bezahlten Gebühren aller öffentlichen Veranstaltungen und öffentlicher Räume fließt in einen großen Topf, den E-Topf. Die GEMA unterscheidet zwischen ernster und Unterhaltungsmusik – wie früher zwischen völkischer und nicht-völkischer Musik. Ich frage mich: Warum? Die Gebühren im E-Topf gehen an die Mitglieder, die entsprechende Umsätze haben, mindestens 30.000 Euro im Jahr. Nach diesem System erhalten 5 Prozent der Mitglieder 65 Prozent der Einnahmen. Und der Rest bekommt eine Abrechnung, die geht auf Null raus.

Warum bist Du überhaupt noch in der GEMA?

Es gibt eine Kündigungsfrist von zwei Jahren. Wenn ich heute kündige, bin ich erst 2014 frei. Der Haken an der Geschichte: Wenn ich in einem Monat ein Stück veröffentliche, ist das automatisch wieder GEMA-pflichtig. Und damit verzögert sich dann meine Ausstiegszeit einen Monat weiter nach hinten. Bin ich also ein Sklave der GEMA und bekomme nur weil ich aussteige, Berufsverbot? Ich prüfe mit meinem Rechtsanwalt Rechtsmittel und eine Klage gegen die GEMA.

Das sind harte Worte: Sklave, Berufsverbot…

Wer braucht denn diesen Laden? Der ist doch nur zur Monetarisierung von Verwertungsrechten und dass die großen Verlage EMI, Sony-BMG, Universal, Warner ihre Interessen durchsetzen – gegen die Interessen der Veranstalter und der Kulturbetreiber. Bei dem System kann ich nicht dabei sein. Warum haben nicht alle Mitglieder Stimmrecht? Warum werden nicht alle Diskotheken zu allen Zeiten erfasst, wann welches Stück genau gespielt wird?

Du willst an dem ganzen System etwas ändern?

Mann muss dieses System durchschauen! Das passiert gerade überall in Deutschland, die Durchsetzung einer Rechte-Ökonomie. Die Konzerne machen Verträge mit den Behörden, die Politiker verkaufen das den Bürgern: Stuttgart 21, Mautgebühren für LKW, Wasserverträge in Berlin, die 1999 zu 50% illegal verkauft wurden mit Geheimverträgen – das ist das System in Deutschland. Der Besitz der Bürger wird verkauft, im Interesse einiger weniger gieriger Hedgefonds und Finanzbestrebungen. Inklusive was jetzt passiert mit dem ESM-Vertrag, dass ganz Europa versklavt wird mit Superbanken. Ich dachte, dieses System würde ich nie erleben, aber ich bin mittendrin.

Also ist die GEMA-Erhöhung nur ein Teil einer größeren Entwicklung.

Als hätten sich alle abgesprochen, was es dieses Jahr an Neuerungen gibt. Und da bleibt mir keine Luft zum Atmen mehr. GEMA, GVL, ZPÜ, GEZ, Rentenversicherungspflicht – das geht doch nicht! Wofür geben wir Geld aus, für Fußball im Fernsehen? Da werden doch nur Cash-Ströme gelenkt, das geht immer nur in bestimmte Kassen. Das muss man durchschauen – auch auf der kulturellen Ebene, durch die Rechteökonomie. Da ist die Kreativität der letzte Acker, der noch zur Verfügung steht.

Und nun?

Meine Existenz und die meiner Kultur, der elektronischen Tanzmusikkultur, ist komplett gefährdet. Das betrifft die ganze Veranstaltungsbranche in Deutschland, nicht nur die direkt Angestellten, sondern auch die Zulieferer, Gewerbe, Getränke, Magazine, Online und so weiter. Möglicherweise sind 1 Million Arbeitsplätze in Deutschland bedroht. Aber wir wehren uns! Wir entwerfen eine gemeinsame Kampagne der Clubbetreiber, um die Tarifreform 2013 zu stoppen. Und wir hoffen, dass immer mehr Leute die Petition unterzeichnen – eine Million Unterschriften sind das Ziel.

Foto: Yves Borgwardt / promo

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