Interview mit GEMA-Sprecherin: “Unser System ist ausgeglichen und fair.”

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Da die Erhöhung der Tarife für Diskotheken zum 1. Januar 2013 für viel Unmut sorgt, sprachen wir mit GEMA-Sprecherin Gaby Schilcher über das neue Tarifsystem, die jahrelange Bevorzugung von Diskotheken und das miese Image der GEMA.

Interview mit GEMA-Sprecherin: “Unser System ist ausgeglichen und fair.”

Die Tarifreform ist eine Vereinfachung, gleichzeitig aber auch eine massive Erhöhung der Tarife. Wie rechtfertigen Sie das?

Das ist eine sehr punktuelle Ansicht des Ganzen. Die Mehrheit aller Veranstalter, dazu gehören Vereine, Kneipiers, Veranstaltungsagenturen, Wirte, Diskotheken, wird in Zukunft weniger bezahlen, zum Teil deutlich weniger. Für Großveranstaltungen mit hohem Eintrittsgeld und großen Flächen wird es teurer, zum Teil sehr viel teurer. Unterm Strich zahlen aber alle in Zukunft das Gleiche.

Warum überhaupt eine Reform, wenn das Gleiche dabei herauskommt?

Bis jetzt ist es so, dass kleine Veranstaltungen im Vergleich relativ viel zahlen müssen, während große eine Art Mengenrabatt genießen. Das ist nicht mehr ausgewogen. Also haben wir uns entschlossen, den Tarifdschungel auszumisten und Transparenz zu schaffen, Klarheit und Einfachheit, wie es von Politik und Öffentlichkeit immer wieder gefordert wird. Wir haben die 11 Tarife und Untertarife in zwei zusammengeführt, einen für Live- Musik und einen für Tonträgerwiedergabe. Das ganze ist linear aufgesetzt. Sie bezahlen für jeden Quadratmeter und jeden Euro Eintrittsgeld, den Sie mehr haben, im Vergleich gleich viel mehr. Das heißt in der Konsequenz, dass kleine und mittlere Veranstaltungen weniger belastet werden , ein mittlerer Bereich bezahlt das Gleiche, und einige wenige, wie Diskotheken, werden in Zukunft deutlich mehr bezahlen.

Und genau deswegen gibt es scharfe Kritik, GIGA-User sprechen von „Abzocke“. Die Gebühren der GEMA für Diskotheken verzehnfachen sich teilweise. Ist das vertretbar?

Bei den Diskotheken ist das ein spezieller Fall, da wurde bisher in einer Pauschale das Eintrittsgeld gar nicht berücksichtigt, sondern nur die Fläche und die Öffnungstage. Das war sehr unscharf und vor allem viel zu niedrig. In Diskotheken steht die Musik im Mittelpunkt. In einem Restaurant können Sie die Musik ausschalten, die Leute kommen wegen des Essens. Aber in die Disko kommt man wegen der Musik. Wenn Sie die Pauschale runterrechnen, gehen pro Abend nur zwischen 30 und 50 Euro an die Komponisten, Textdichter, Verleger. Das kann nicht sein! Bei unseren Nachbarn wie Frankreich und der Schweiz ist der Diskotarif teilweise zehnfach und höher! Das wissen auch viele Diskotheker, die bestätigen das, wenn man mit ihnen unter vier Augen spricht!

Wie sollen die Diskos im Tarif dastehen?

Wir haben den Diskothekenbereich ganz normal in den Veranstaltungstarif eingebunden. Das heißt, ein Diskotheker bezahlt genauso viel wie jemand anders, der sich einen Raum mietet, einen DJ reinstellt und dann eine Party veranstaltet. Es kann nicht sein, dass der Diskotheker hier nur einen Bruchteil dessen zahlt, was ein ander zahlt, der den gleichen oder noch mehr Aufwand hat. Die Diskotheker zahlen also deutlich mehr, aber endlich angemessen!

Was heißt das in Zahlen?

Die Grundlage des Tarifs sind zehn Prozent der Eintrittsgelder. Es bleiben also noch 90 Prozent, und Diskotheken und andere Veranstalter machen ja auch Umsatz mit Getränken. Das ist ein angemessener Wert, der auch vom Deutschen Patent- und Markenamt immer wieder als Richtlinie genommen wird. Das ist für Einzelne deutlich mehr, aber entsprechend lächerlich war vorher die Summe.

Es gibt dennoch großen Unmut. Wie gehen Sie mit dem negativen Image um, das die GEMA auch im Zusammenhang mit dem Youtube-Konflikt bekommen hat?

Das sind natürlich zwei komplett unterschiedliche Themen. Es gibt in Deutschland ca. 3000 Diskotheken, wir sprechen aber von Hunderttausenden von Veranstaltungen im Jahr, die wir von der GEMA lizensieren, und der allergrößte Teil dieser Veranstaltungen wird in Zukunft deutlich weniger bezahlen. Kleine Veranstalter, Kulturbereiche, Vereine haben jetzt viel mehr Spielraum, weil die Belastung nicht mehr so hoch ist, dem muss man auch Gehör schenken, das darf man nicht unberücksichtigt lassen. Das zweite Thema ist Youtube, eine ganz andere Geschichte, die Sperrungen haben mit der GEMA nichts zu tun…

... wobei die Außenwirkung trotzdem schlecht für die GEMA ist.

Da kann man auch noch früher anfangen: Welchen Stellenwert haben geistiges Eigentum und Kreativität und Schaffen von Künstlern in unserer Gesellschaft? Sind wir bereit, hier eine Bezahlung vorzunehmen oder ist alles einfach for free? Die GEMA wird oft verwechselt mit bekannten Interpreten, die große Konzerte machen und Werbeeinnahmen haben, aber von denen sprechen wir ja nicht – wir sprechen von denen, die irgendwo in ihrer Kammer komponieren oder schreiben, die diese Dinge schaffen und nicht im Rampenlicht stehen. Es kann nicht sein, dass so jemand nebenher noch Taxi fahren muss. Er soll von seiner Arbeit leben, wenn denn diese Musik genutzt wird in der Öffentlichkeit! Und das ist der Job der GEMA! Unsere Aufgabe ist es, von denjenigen, die die Musik nutzen, sei es bei Veranstaltungen, Diskotheken, Restaurants oder bei Plattformen wie Youtube, eine angemessene Vergütung für die zu bekommen, denen das zu verdanken ist.

Wie erklären Sie sich dann das schlechte Image?

Es ist leicht, die GEMA als Spielverderber zu stigmatisieren: „Diskotheken sperren zu“ und „Youtube sperrt alles“, „Die GEMA sind die Bösen und alle anderen sind die Guten“. Das ist eine beliebte Meinung, aber das ist polemisch und unreflektiert, man muss sich das genau anschauen, wie wird hier die Schaffenskraft der Kreativen anerkannt? Da wird die GEMA nie bejubelt werden, „Toll, ihr sorgt dafür, dass 60.000 Urheber in Deutschland und im Ausland leben können!“, sondern da wird immer wahrgenommen, wir müssen bezahlen, das ist doch nicht fair, Musik kommt doch aus der Steckdose…

In den Diskotheken wird aber eher die Musik der Stars gespielt, weniger von den Kleinen…

Manche haben Erfolg, andere nicht. So ist das im Leben. Aber das Thema ist hier völlig außen vor. Wir kriegen die Titellisten von Live-Veranstaltungen, von Radio- und Fernsehstationen, von den Bars und Diskotheken, und wir schütten das aus für die Musik, die gemeldet wurde. Wenn jemand in diesen Bereichen Erfolg hat und gut frequentiert ist, dann kann er davon leben. Aber wenn niemand die Songs spielen, interpretieren oder aufführen will, dann nicht.

Die neuen Tarife sollen nach Willen der GEMA zum 1. Januar 2013 kommen. Gibt es Chancen für eine Modifizierung?

Derzeit läuft noch ein Schiedsstellenverfahren, vielleicht wird an der einen oder anderen Stelle noch geschraubt, das ist ja kein Thema. Wir sind ja weiter in Verhandlungen mit diversen Verbänden. Aber das grundsätzliche System, das lineare System, wird kommen. Wir gehen nicht davon aus, dass die Schiedsstelle das anders beurteilen wird. Es ist ausgeglichen und fair.

Die Sicht der Clubbetreiber und damit die Antwort auf Gaby Schilcher liefert Olaf Möller, der “Zustände wie auf Ibiza” befürchtet: GEMA-Streit: „Die Tarife sind eine Frechheit“ – Olaf Möller (Club Commission) im Interview

Bild: “Khalama Disco – Villa Carlos Paz (Cba.)” von cesarfotos (cc) bzw. privat

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