Interview mit Julia Neigel: “Die GEMA ist der einzig wahre Vertreter der Urheber”

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Interview mit Julia Neigel: “Die GEMA ist der einzig wahre Vertreter der Urheber”

Julia Neigel ist stellvertretende Aufsichtsrätin der GEMA. Im Interview erklärt sie, was sie dort macht, wieso sie sich hat wählen lassen – und worum es ihrer Meinung nach in den Konflikten um die Tariferhöhung 2013 und mit Youtube eigentlich geht.

Seit wenigen Wochen ist die Rock-Sängerin Julia Neigel – bekannt vor allem durch ihr Album „Schatten an der Wand“ von 1988 – stellvertretende Aufsichtsrätin bei der GEMA. Ihr selbst geht es um mehr als nur Disko-Tarife – sie hat sich auch aufgrund ihrer eigenen Vergangenheit mit dem Urheberschutz auseinander gesetzt, musste selbst jahrelang Prozesse führen, um die Rechte an ihren Stücken wieder zu bekommen. Genau deswegen hat sie sich vor drei Wochen entschieden, aktiver Teil der GEMA zu werden, die diese Urheberrechte schützt. Sie argumentiert leidenschaftlich gegen eine Aufweichung der Urheberrechte, wie sie von den Piraten vorgeschlagen wird. Ein Blick hinter die Kulissen der GEMA.

Zuletzt hatten wir über die GEMA-Tariferhöhung für Diskotheken zum 1. Januar 2013 ein Interview mit Dr. Motte geführt. Zum Hintergrund: Die GEMA will neue Tarife für Clubs und Diskotheken einführen, die eine Erhöhung der Gebühren um bis zu 2000 Prozent bedeuten – also das 20-fache, was manche Clubs vor arge Probleme stellt. GEMA-Sprecherin Gaby Schilcher erklärte im Interview: “Unser System ist ausgeglichen und fair”, Olaf Möller von der Berliner Club Commission nannte das eine “Frechheit”. Nun schildert die Musikerin Julia Neigel ihre Sicht der Dinge.

Wie sind Sie stellvertretende Aufsichtsrätin in der GEMA geworden?

Ich wurde schon vor drei Jahren darauf angesprochen, wollte mich aber zunächst nur alleine um die Wiederaufnahme meiner Karriere kümmern. Ich habe eine ziemlich lange Pause machen müssen, weil ich die Urheberrechte an meinen eigenen Songs gegenüber früheren Musikern in meiner Band einklagen musste. Mittlerweile bin ich stolze Besitzerin der Kompositionen meines eigenen Werkes “Schatten an der Wand” von vor 20 Jahren.

Was war damals passiert?

Ich war damals eine unbedarfte Musikerin und wollte mich wirklich nur auf die Musik konzentrieren und nicht mit Rechtsfragen auseinandersetzen. Ich wurde über den Tisch gezogen und ich musste dann prozessieren. Ab diesem Zeitpunkt war ich hellwach und hab mich mit den anderen Bereichen auch beschäftigt, mit den Rechten, die ich als Musikerin, Urheberin, Künstlerin habe. Und deswegen habe ich dieses Jahr „Ja“ gesagt, als ich noch mal gefragt wurde.

Was sind Ihre Aufgaben als stellvertretende Aufsichtsrätin?

Ich habe selbst den Wunsch geäußert, als Stellvertreterin zu agieren, weil ich weiss, dass die derzeitigen Aufsichtsräte sehr kompetent sind. So habe ich die Möglichkeit jederzeit mitzuwirken, ich bekomme auch alle Akten, die entschieden werden. Ich muss aber nicht in allem die Verantwortung übernehmen. Die Satzung der GEMA ist sehr umfangreich und seit Jahrzehnte gewachsen, man muss sich da reinarbeiten. Das ist eine hohe Verantwortung, ich vertrete ja nicht nur die Interessen für die, die auf der Vollversammlung sind, sondern auch Teil des Aufsichtsates über 64.000 Mitglieder.

Sie sind ordentliches Mitglied der GEMA?

Ja. Ich hätte das ganz früh werden können, hab mich aber um solche Dinge damals nicht gekümmert. Ich wurde es erst vor sechs oder sieben Jahren, nachdem ich mich intensiv mit der GEMA unterhalten habe, weil ich begriffen habe, das es wichtig für mich ist. Davor war ich lange angeschlossenes und ausserordentliches Mitglied.

... und hatten als solches auch kein Stimmrecht in der GEMA-Vollversammlung ...

Falsch! In der Struktur der GEMA dürfen nicht nur die ordentlichen Mitglieder wählen, sondern auch Delegierte, im Moment fast 100 Leute, die von den angeschlossenen und außerordentlichen Mitgliedern gewählt werden. Sie haben genauso die Möglichkeit, die Dinge zu beeinflussen.

Eine häufige Kritik ist, dass die Grenze, um ein ordentliches Mitglied zu werden, zu hoch angesetzt ist…

Da bedarf es 30.000 Euro Einnahmen über die GEMA innerhalb von fünf Jahren, also 6.000 Euro pro Jahr – das ist nicht wenig, aber auch nicht unerreichbar. Wichtig ist ja, dass diejenigen, die in den Vollversammlungen sind, hauptberuflich tätig sind und von ihrem Beruf leben, nicht nur nebenbei Musik machen. Aus meiner Sicht sind diese 6.000 Euro im Jahr bei einem Musiker möglich, der Songs schreibt und viel auf der Bühne steht. Man muss dazu also keine Hits geschrieben haben, um diese Summe zu erreichen.

Warum haben Sie sich in den Aufsichtsrat der GEMA wählen lassen? Haben Sie ein Projekt?

Natürlich! Die GEMA lebt von den Mitgliedern, deswegen ist es gut, wenn in der GEMA-Vollversammlung Mitglieder agieren, die sich bewusst mit ihren eigenen Existenzen und mit ihrem Recht beschäftigen. Wir sind die stillen und leisen Ideen-Erfinder, die die Menschen oftmals gar nicht sehen hinter der Musik. Damit meine ich: Die Sänger sind oft gar nicht die Urheber, auch wenn es bei mir anders ist. Wir müssen zusammenstehen und uns für unsere Interessen einsetzen, damit es diesen Beruf auch noch in Zukunft gibt – angesichts der Entwicklung in der Gesellschaft.

Von welcher Entwicklung sprechen Sie?

Es gab in den letzten 20 Jahren durch das Internet eine Entwicklung, dass das geistige Eigentum infrage stellte – zuletzt besonders durch die Piratenpartei. Das ist unverschämt und unsozial und kein bisschen demokratisch. Auch deswegen habe ich beschlossen, mich einzumischen und auch diejenigen zu vertreten, die nicht so schnell dabei sind, sich in diese Materie einzuarbeiten. Für viele Musiker ist die GEMA eine Wand an Informationen, die gehen lieber ins Studio und schreiben Songs. Da sehe ich mich wie Konstantin Wecker als jemand, der die Brücken baut zu den angeschlossenen und den außerordentlichen Mitgliedern. Ich will auch mehr Bewusstsein für das geistige Eigentum in der Öffentlichkeit schaffen.

Als Sie Ende Juni im Berliner Frannz Club gewählt wurden, gab es auf der Straße davor eine Demonstration von Diskothekenbetreibern gegen die Tariferhöhungen zum 1. Januar 2013. Wie stehen Sie in diesem Konflikt?

Die GEMA ist über ein Jahr dem DEHOGA hinterhergelaufen, um Tarifverhandlungen zu führen. Aber der DEHOGA hat sich geweigert. Die GEMA musste ihre neuen Tarifvorstellungen im Bundesanzeiger veröffentlichen, um den völlig üblichen Verhandlungsgang in Bewegung zu setzen. Diese sind die Grundlage für Verhandlungen, die jetzt erst beginnen. Der DEHOGA hat den Clubs große Angst gemacht, dass alle von Veränderungen der Tarife im Negativen betroffen wären – was falsch ist! Über 60 Prozent der Tarife sind für Clubs entweder gleich geblieben oder sogar günstiger geworden. Viele der Clubs haben das lange Zeit nicht gewusst.

Viele Clubs haben das durchgerechnet und kommen auf eine Erhöhung der Gebühren um das zehn- bis fünfzehnfache…

Ich habe bei der Initiative Musik verschiedene Beispielsrechnungen gesehen. Dort haben sie hochgerechnet, dass die GEMA bei zehn Prozent der Ticketeinnahmen eigentlich nur 2% vom Gesamtumsatz des Clubs nimmt. Das ist der Durchschnitt, den man will. Zuvor hat die GEMA zum Teil für einen Tag Musikauswertung von einer Disko z.B. 40 Euro bekommen – da verdient sogar der Türsteher mehr. Das stand in keinem Verhältnis. Es gibt zudem auch Angemessenheitsregelungen in den Tarifen, die Nachlässe gewähren. Und die GEMA ist erst jetzt in Verhandlung mit den Clubs getreten. Die Tarife, die jetzt veröffentlicht wurden, sind Verhandlungsbasis. Etwas anderes zu behaupten ist ein unschöner Trick seitens des DEHOGA.

Die GEMA-Sprecherin Frau Schilcher war da etwas bestimmter: Die Tarife seien jetzt fix und würden so eingeführt, sagte sie.

Die Tarifverhandlungen finden trotzdem statt. Es werden Einzelverhandlungen mit allen Clubs geführt. Und es gibt ja noch die Schiedsstelle beim deutschen Patent- und Markenamt, die die Tarife überprüft und eine Empfehlung abgibt. Natürlich muss die GEMA die Tarife veröffentlichen, damit es Verhandlungen gibt. Denn erst dann beginnen ja die wahren Verhandlungen, das ist die Praxis, seit Jahrzehnten.

Sie werben also dafür, den Ball flach zu halten…

Erstmal ruhig bleiben. Ich habe kein Interesse daran, dass es den Veranstaltern schlecht geht. Ich finde es aber in Ordnung und richtig, dass man die Tarife unter den Veranstaltern gerechter macht. Es ist schon lange ungerecht, dass Diskotheken weniger bezahlen müssen für Musik, obwohl dort viel mehr Musik aufgeführt wird als in einem Konzert. Gerecht bedeutet auch, dass man sich den Gesamtumsatz der Clubs ansieht und ins Verhältnis setzt. Wie das am Ende der Verhandlungen aussieht, weiß ich natürlich nicht, aber kein Mensch will damit, dass Diskotheken platt gehen!

Ein anderes Aufregerthema im Zusammenhang mit der GEMA ist Youtube…

Auch da muss man die Wahrheit kennen: Die Piraten wollen die Enteignung des geistigen Eigentums, egal wie sie es schönreden. Und da kooperieren sie sehr gerne mit der Internetindustrie mit selbem Ziel – Youtube ist da ein Beispiel. Ich habe selbst mal ein Live-Video bei Youtube sperren lassen, weil es miserabel klang und ohne meine Zustimmung aufgenommen und eingestellt worden war. Davor fragte mich Youtube, ob ich bereit bin meinen eigenen Namen auf der Sperrung zu verwenden. Hätte ich nicht zugestimmt, würde dort jetzt als Sperrmelder die GEMA stehen, was nichts anderes ist als Hetzpropaganda durch Youtube. Die GEMA sperrt gar nicht, aber sie schreiben es dann einfach hin, wenn der Sperrer seinen Namen wegen Angst vor Shitstorm nicht nennen will. Hinzu kommt, nun steht dort: “Julia Neigel hat die Rechte nicht freigegeben.” Da müsste aber dort richtigerweise stehen: „Julia Neigel hat deswegen die Rechte nicht freigegeben, weil ihr Einverständnis nicht vorlag und obendrein Youtube ihr nichts zahlt, aber damit Geschäfte macht.“ Zudem: Bei Videos, die über 60.000 Mal angeklickt werden, meldet sich Youtube bei demjenigen, der das Video hochgeladen hat und bietet einen Mitverdienst pro Klick an, in dem Werbung vor das Video geschaltet wird. Und wissen Sie, wer leer dabei ausgeht? Die Urheber, die Künstler, die Plattenfirma, die Verlage – und das wird von den Piraten verschwiegen, nur um Wähler einzufangen, obwohl sie es wissen. Das ist die Wahrheit über Youtube und die Propaganda der Piraten. Die sagen nur: “Die Gema verweigert das Nutzungsrecht”, und haben nur ein Interesse: der GEMA zu schaden und die Urheber zu schwächen, um damit Geschäftsmodelle und Wählerinteressen zu optimieren.

Warum wollen sie der GEMA schaden?

Die GEMA ist der einzige wahre Vertreter der Urheber. Derzeit wird viel durch Besagte Propaganda betrieben, um Urheber zu schwächen, damit steht die GEMA am Meisten im Schussfeld – und dabei wird bewusst zuviel verschwiegen. Das halte ich für unseriös.

Zuletzt hat Julia Neigel nach längerer Pause das Album “Neigelneu” herausgebracht – ihr könnt es bei .

Foto: Christian Barz/Universal

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Weitere Themen: Julia Neigel, Gema


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