Community of Hate Teil 2: „Jemand schrieb mir, wie er mich vergewaltigen und ermorden würde.“(Kolumne, Interview)

Ich bin ein optimistischer Mensch. In allen Lebenslagen versuche ich zuerst das Positive zu sehen. Höre ich etwas Schlechtes über einen anderen Menschen, bleibe ich skeptisch, bis ich dessen Seite der Geschichte gehört habe. Damit fühle ich mich in der internationalen Gaming- Community immer öfter fehl am Platze – einer Community, in der Journalistinnen wegen angeblicher Korruption mit Vergewaltigung und Mord gedroht wird. Teil 1 könnt ihr hier finden.

Community of Hate Teil 2: „Jemand schrieb mir, wie er mich vergewaltigen und ermorden würde.“(Kolumne, Interview)

((You can find the english version of this article here))

Abertausende Gamer scheinen ihren Tag damit zu verbringen, sich in Foren über den Untergang der Videospiel-Industrie aufzuregen. Der gemeinsame Hass auf das böse Establishment, auf die angeblich geldgeilen und machtgierigen Geschäftsmänner von EA und Activision, scheint zu verbinden.

Wenn Tausende Gamer so sehr damit beschäftigt sind, alles und jeden zu attackieren, die ihrer Meinung nach nichts in der Unterhaltungsindustrie zu suchen haben, bleibt leider nur noch wenig Zeit für Details. Im Laufe des letzten Jahres entstanden immer mehr Beispiele, in denen auf kleine Ereignisse völlig unverhältnismäßig reagiert wurde.

In meiner letzten Kolumne bin ich ausführlich auf den aktuellen Fall rund um Microsofts ehemaligen Creative Director Adam Orth eingegangen – doch ihn hat es trotz seiner Kündigung tatsächlich noch sehr milde getroffen.

Lauren Wainwright, ihrerseits britische, freie Journalistin, hat eine ähnliche Situation durchgemacht und mir in einem ausführlichen Interview ihre Sicht der Dinge dargelegt: Wie fühlt es sich eigentlich an, in der Mitte eines gigantischen Shitstorms zu sein?

Ende letzten Jahres verteidigte sie in einem Tweet einige Journalisten, die über Twitter an einem Gewinnspiel des Spiele-Entwicklers Trion teilnahmen, um eine Playstation 3 zu gewinnen – ein Vorgang, der damals viel Kritik auf sich zog. Kritisiert wurde dieser Vorgang auch in einem Eurogamer Artikel von Rab Florence, in dem er den aktuellen Stand des Videospiel-Journalismus kritisierte.

Als Lauren  diesen Tweet losließ, war ihr gesamter Twitter-Account mit Tomb Raider-Bildern vollgestopft: «Mein Twitter-Account sah tatsächlich aus wie eine einzige Tomb Raider-Werbefläche, aber das war in dieser Form keine Absicht. Niemand hat mich jemals bezahlt, um ein Produkt zu bewerben oder positiv darüber zu schreiben. Ich mochte ganz einfach die Bilder und weil ich eine sehr aufgeregte Person bin, habe ich die Bilder direkt hochgeladen und darüber getweetet, ohne darüber nachzudenken.»

Wegen Laurens Verteidigung besagter Journalisten und ihrer offensichtlichen Tomb Raider-Affinität, erwähnte Rab Florence sie namentlich in seinem Artikel, da sie nun besonders verdächtig aussähe. Er betonte auch, dass er sich sicher sei, dass Lauren nicht tatsächlich von Square Enix – dem Publisher von Tomb Raider – gekauft wurde, verdächtig wirke es jedoch trotzdem.

Lauren geriet daraufhin in Panik. Sie schrieb eine Mail an Eurogamer, in der sie das Magazin auffordert, die entsprechenden Passagen zu entfernen, weil es sich um Verleumdung handle. Diesen Schritt bereut sie heute: «Heute würde ich  Eurogamer wohl nicht mehr mitten in der Nacht unter Tränen eine E-Mail schreiben. Das war ein großer Fehler – auch wenn ich noch immer glaube, dass das, was sie getan und wie sie sich verhalten haben, absolut falsch war. Aber auch ich war ein Idiot. Man kann also nicht wirklich gewinnen.» 

Lauren gibt zu, viele Fehler in ihrer Situation gemacht zu haben – vor allen Dingen, weil sie von der plötzlichen Aufmerksamkeit, die sie von der gesamten Spiele-Industrie bekam, völlig überrumpelt wurde.

Auch das ist allerdings noch lange keine Voraussetzung, um diese Art von Shitstorm auszulösen. Das bekam Anita Sarkeesian, Medienkritikerin und Gründerin des Blogs Feminist Frequency, zu spüren. Sie startete eine Kickstarter-Kampagne , in der sie Geld für ihre Video-Serie «Tropes vs. Women in Video Games» sammelte. In den Videos möchte sie die Frauenrolle in Videospielen analysieren und versuchen zu erklären, wieso Frauen als Helden noch immer eine so untergeordnete Rolle spielen.  Der erste Teil der zwölfteiligen Reihe wurde bereits veröffentlicht.

Ich möchte an dieser Stelle nicht näher auf ihre Argumente und Videos selbst eingehen, das hat Tobi mir in seinem Artikel Sexismus und Games bereits abgenommen. Hier geht es um die Reaktionen, die Sarkeesian für dieses Kickstarter-Projekt erntete. Und diese waren – völlig egal, ob man ihr zustimmt oder nicht – absolut schockierend.

Jegliche Artikel und Aussagen, die sich für die Gleichberechtigung nicht nur in Videospielen, sondern auch in der gesamten Videospiel-Industrie einsetzen, werden von Gamern auf der ganzen Welt fast schon reflexartig angegriffen, zumindest aber als «nervig» bezeichnet, wie wir selbst erfahren mussten. Mit Anita Sarkeesian bekamen viele Leute eine Galleons-Figur, an der sie ihre gesamte Wut darüber, dass man ihren ihre Videospiele kaputt machen will, auslassen konnten. Und das taten sie. Mit Morddrohungen, Beschimpfungen und einem Flash-Game, in dem man Sarkeeisan das Gesicht zerschlagen konnte.

Leider können wir dieses Verhalten nicht einmal als Ausnahme bezeichnen – Lauren hat nämlich etwas sehr ähnliches durchgemacht:

«Mich erreichten ungefähr drei Monate lang konstant Hassmails, -nachrichten, Beschimpfungen und so weiter. Meine Telefonnummer und Adresse wurden online gepostet und es ist tatsächlich sehr beängstigend, wie viele Leute mich angerufen haben, mich bei verschiedenen «Services» angemeldet haben und so weiter. Eine sehr wütende Person hat mir eine mehrere tausend Wörter lange Todesdrohung geschrieben, in der er mir schrieb, wie er mich vergewaltigen und ermorden würde.»

Und was hat sie getan, um eine solche Behandlung zu erfahren? Nun, Eurogamer nahm ihre Drohung auf rechtliche Schritte sehr ernst und entschied sich daraufhin, die entsprechenden Passagen aus dem Artikel von Reb Florence zu entfernen – und Lauren beschwor dadurch den wahren Shitstorm erst herauf. Denn selbstverständlich begannen die Leute nun, mehr über Lauren zu recherchieren – und was sie fanden, passte genau ins Bild. In zwei Fällen schrieb sie für Square Enix nämlich sogenannte «Mock Reviews»: Das sind Tests, die vor dem Release eines Spiels für den internen Gebrauch eines Publishers geschrieben werden, damit dieser in etwa abschätzen kann, wie das Spiel von Journalisten zum Release aufgenommen wird.

«Wenn man ein Produkt selbst mag, denken die Leute traurigerweise, dass du dich an die entsprechende Firma verkauft hast. Das ist lächerlich.», so Lauren.

«Ich habe Journalisten getroffen, die sagten, sie würden Call of Duty mögen und denen daraufhin vorgeworfen wurde, sie wären Marktschreier im Dienste von Activision. Mir wurde das Gleiche in Bezug auf Square Enix vorgeworfen, weil ich zufällig Tomb Raider liebe und für das Unternehmen «Mock Reviews» erstellt habe. (...) Ich habe niemals ein Advertorial oder Marketingmaterial geschrieben und war niemals an PR-Plänen beteiligt. Ich habe einen Test geschrieben. (...) Diese Reviews gelangen niemals an die Öffentlichkeit, beeinflussen sie nicht und sorgen nicht dafür, dass ich die Produkte einer Firma mehr oder weniger mag. Am Ende des Tages ist es einfach nur Arbeit. Wenn das neue Tomb Raider Müll wäre, würde ich das wohl am Lautesten deutlich machen.»

Doch was genau Lauren für Square Enix nun eigentlich getan hat, war schnell nicht mehr wichtig: Was die Presse und die Leser sahen war, dass Lauren einen Twitter-Account voll mit Tomb Raider-Bildern hatte und als Freelancer für Square Enix gearbeitet hat. Und schon war für alle klar: Lauren ist korrupt. Auf vielen internationalen Spiele-Websites wurde die Story ausgiebig behandelt. In der anhaltenden Panik entfernte Lauren die öffentlichen Hinweise auf ihre Arbeit bei Square Enix, was sie in den Augen der Öffentlichkeit und Presse selbstverständlich nur noch verdächtiger machte. Auf die Frage, welche Journalisten sie tatsächlich kontaktiert und um ihre Seite der Geschichte gebeten haben, hat sie eine kaum motivierende Antwort:

«Ich glaube Kotaku war das einzige Magazin, das wirklich daran interessiert war, was passiert ist, anstatt nur meinen Namen beschmutzen zu wollen.», so Lauren. In einem Artikel von Stephen Totilo auf Kotaku kam sie dann tatsächlich selbst zu Wort. Nicht so in Artikeln des Penny Arcade Report und Forbes.

«Ich bekam eine ziemlich eilige Nachricht vom Penny Arcade Report, der eine Antwort innerhalb von fünf Minuten verlangte, als die ganze Sache so richtig losging. Er (Anmerkung der Redaktion: Ben Kuchera) hatte sich bereits eine ziemlich hässliche Meinung über mich gebildet, also habe ich nicht einmal geantwortet.

Forbes sagten, sie hätten versucht, mich zu kontaktieren, was nicht stimmt. Mittlerweile habe ich mit dem damaligen Redakteur gesprochen und herausgefunden, dass der Artikel komplett reaktionär war, anstatt die Wahrheit wiedergeben zu wollen. Das ist ziemlich beunruhigend, vor allen Dingen, weil ich zur damaligen Zeit gerne mit ihnen gesprochen hätte.»

Im Falle von Forbes erklärte der Autor Erik Kain in einem nachfolgenden Artikel, dass Lauren sich komplett zurückgezogen hätte und der Presse keine Antworten  geben würde, was Lauren dementiert.

Das Bild war damit fertig gezeichnet: Alle Indizien sprachen gegen Lauren, die Presse verdammte ihre Aktionen fast geschlossen und selbst kam sie kaum zu Wort – nicht nur, weil sie nur selten gebeten wurde, ihre eigenen Kommentare abzugeben:

«Es ist jedoch schwierig sich zu äußern, wenn dein Boss dich darum gebeten hat, nicht darüber zu sprechen und selbst die kleinste Antwort zu Bemerkungen der üblen Sorte führt.

Zudem haben sich eine Menge Leute dazu entschieden, alles was ich sage zu ignorieren, weil es einigen offensichtlich Spaß macht, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen und rumzuschreien.

Wenn ich mich dazu entschieden habe, mich zu äußern, bekam ich privat viele positive Reaktionen. Ich habe auf Neogaf gepostet und jeder, der mir zustimmte, teilte mir dies in privaten Nachrichten mit, statt es öffentlich im Forum zu schreiben, was ich sehr seltsam fand.»

Neogaf ist eines der bestinformierten und meistbesuchten Gaming-Foren der Welt – der entsprechende Thread hat über 200 Seiten.

Für die Gaming-Community war der Fall klar: Lauren ist schuldig und musste bestraft werden und was folgte war die bereits erwähnte Hasskampagne.

An dieser Stelle ist es völlig egal, ob die Vorwürfe an Lauren nun berechtigt waren oder nicht: Ein solches Maß an Hass kann nicht gerechtfertigt werden. Die Gaming-Community hatte erneut einen «Bad Guy» gefunden, an dem sie alle Probleme, die sie mit dem modernen Spiele-Journalismus so haben, festmachen konnten. Hat man sich doch gedacht, dass die alle korrupt sind!

Weil diese gesamte Geschichte die eigenen Vorurteile gegenüber vielen Redakteuren so wunderbar untermauerte, musste sie einfach stimmen. Und in den Augen vieler Leute scheint dies tatsächlich Grund genug zu sein, die privaten Kontaktdaten zu verbreiten und eine breit angelegte Hass-Attacke zu starten. Nicht nur im Falle von Lauren, sondern auch bei Anita Sarkeesian, Adam Orth und zig weiteren Personen, die sich in den letzten Monaten aufgrund eines vermeintlich falschen Satzes den Gamer-Shitstorms ausgesetzt sahen.

Folge uns auf Facebook, Twitter oder Youtube. So bist du immer auf dem neuesten Stand.

Weitere Themen: GIGA-App: Update bringt neue Themenkanäle, GIGA-EM Spielplan 2012, GIGA

Neue Artikel von GIGA GAMES

GIGA Marktplatz