Endlich empören: Videospiele in den Medien (Kommentar)

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Mittlerweile ist es trauriges Ritual geworden. Irgendwo in der westlichen Welt tötet und verletzt ein junger Mann zig Menschen. Einige Stunden, manchmal Tage wird an die Opfer gedacht und getrauert, dann geht es an die Suche nach der Motivation. Natürlich wird dies nicht den dafür zuständigen Behörden überlassen – jede Zeitung, jeder Politiker, jeder Mensch mit Facebook- oder Twitter-Zugang scheint eine ganz eigene Theorie zu haben, an der er die Welt teilhaben lassen will.

Endlich empören: Videospiele in den Medien (Kommentar)

Bei dieser Suche kommen Zeitungen und Fernsehsender meist irgendwann auch beim Thema Videospiele an – und in dieser Sekunde scheint ein Schalter im kollektiven Gamer-Hirn umgelegt zu werden.

So auch dieses Mal. Vier Tage nach der Tragödie in Connecticut berichtet die BILD darüber, dass eine zerstörte Festplatte des Täters gefunden wurde und die Behörden ermitteln, was sich darauf befindet. Die britische SUN weiß es besser: Durch ein Interview mit dem Klempner(!) wollen sie herausgefunden haben, dass er seine gesamte Freizeit in einem fensterlosen Keller verbrachte und dort pausenlos “Call of Duty” spielte. Die Zeitung baut eine direkte Verbindung zwischen “Call of Duty” und der Tat auf, dutzende andere Zeitungen und Internet-Seiten kopieren diese Aussagen, als kämen sie von den Behörden selbst.

Und es scheint fast so, als säßen tausende Gamer startbereit vor dem PC, nur darauf wartend, wann sie endlich auf Facebook anfangen können, sich aufzuregen. Vermutlich habt ihr auch in eurer eigenen Freundesliste irgendwo eine Diskussion darüber laufen, wie inkompetent und böse die Mainstream-Medien sind.

Währenddessen gehen mir andere Gedanken durch den Kopf: Wieso scheinen so viele Menschen so viel Spaß daran zu haben, sich mit solcher Leidenschaft aufzuregen? Wieso ist es den gleichen Menschen oftmals egal, wenn die BILD gerade wieder Persönlichkeitsrechte verletzt und Leben zerstört? Wieso bedarf es Videospiele, um sich zu empören?

Ich liebe Games und wenn ihr auf GIGA unterwegs seid, ist die Chance groß, dass es euch da ähnlich geht. Videospiele sind und bleiben jedoch vor allen Dingen eines: Unterhaltung. Sie sind kein lebenswichtiger Inhalt. Es gibt viele Gründe, sich über Boulevard-Medien wie die BILD aufzuregen und sie zu kritisieren – ihr Umgang mit Videospielen ist jedoch noch der Kleinste.

Wenn man sich jedoch dazu entscheidet, sich mit den Artikeln auseinanderzusetzen, dann sollte vor allen Dingen eines gelten: Statt auf Facebook seine Wut hinaus zu schreien und mit zynischen Kommentaren um sich zu werfen („LOL, der isst doch auch Brot, ist Brot jetzt Schuld?!^^“) lieber Ruhe bewahren und konstruktiv bleiben.

So wie es etwa Fabian Siegismund mit High5 beim Frontal 21-Beitrag über Free to Play-Spiele getan hat. Statt hyperventilierend durch die Gegend zu rennen und sich über die Sendung aufzuregen, nimmt er sie argumentativ auseinander. Dafür gilt aber auch, dass man sich mit dem Ursprungsmaterial auseinander setzen muss. Und dann kann man gelegentlich zu ganz neuen Schlüssen kommen.

Ich sitze fast jeden Tag mehrere Stunden vor der Konsole und selbst ich muss mir bei Call of Duty regelmäßig an den Kopf fassen, wenn Treyarch und Infinity Ward sich gegenseitig mit möglichst brutalen Sterbeszenen zu überbieten versuchen. Ich, der durch jahrelangen Konsum von noch so brutalen Spielen und Filmen denkbar abgestumpft bin, werde von diesen Bildern mitgenommen. Man muss sich mal vorstellen, wie es auf Menschen wirkt, die diesen Spielen und Filmen im alltäglichen Leben nicht begegnen.

Selbstverständlich wirkt es verstörend auf sie und natürlich ist es im ersten Augenblick sehr einfach, den entsprechenden Zusammenhang herzustellen. Aber ist er wirklich so weit hergeholt? Ist es wirklich so dreist und beleidigend zu sagen, dass der tägliche, stundenlange Konsum von extrem brutalen Spielen wie Call of Duty auf einen möglicherweise psychisch kranken, in jedem Falle sozial zurückgezogen lebenden Jugendlichen in irgendeiner Art und Weise beeinflussen könnte?

Man kann der Meinung sein, dass es dreist und beleidigend ist – jedoch ist Zynismus oder das gleiche Maß an Dreistigkeit keine Antwort darauf. Ob Gewalt in Videospielen das Potential hat, an der Entstehung von Gewalt im echten Leben teilzuhaben, lässt sich nicht mit einem simplen “Ja” oder “Nein” beantworten. Die Antwort darauf lässt sich immer in den Biographien der jeweiligen Täter finden und ist ebenso aufwendig zu finden, wie sie kompliziert ist.

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