Medienverbot an deutschen Schulen: Von wütenden Schülern, ängstlichen Eltern und überforderten Lehrern

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Medienverbot an deutschen Schulen: Von wütenden Schülern, ängstlichen Eltern und überforderten Lehrern

Man sieht ihm die Anspannung nicht an. Michel Schröder ist verdammt grün hinter den Ohren, steuert gerade erst auf sein Abitur zu und muss nun auf der Blogger-Konferenz re:publica einen ganzen Saal voller Medienprofis von seiner schwierigen Mission überzeugen. Ganz schön mutig für einen Schülervertreter. Doch Michel weiß, was er will. Es geht ihm um die Abschaffung eines striktes Medienverbot an seiner Schule, um die Streichung eines verhassten Paragraphen, der den Schülern der Theodor-Storm-Schule in Husum jegliche Nutzung von Handys, MP3-Playern und iPods auf dem Schulgelände untersagt.

Michels Vortrag wird ein voller Erfolg. Lauter Applaus und etliche Lacher in die Richtung seiner Lehrer bestärken den eloquenten Nachwuchsredner an diesem sonnigen Berliner Nachmittag. Die Leute verstehen ihn. Zumindest hier auf der re:publica, der größten Blogger-Konferenz Deutschlands, ist das Anliegen der Schülerinitiative ein Selbstläufer. Mehr Zuspruch geht nicht.  Das war nicht immer so.

Das Medienverbot: Geboren aus Angst

Begonnen hat alles vor drei Jahren. Viele Eltern machten sich damals große Sorgen um den sich verändernden Medienkonsum ihrer Kinder. Die Nutzungszeiten von mobilen Endgeräten waren unter den Jugendlichen massiv gestiegen. Für immer mehr junge Menschen wurden Smartphones zum Nexus digitaler Lebenswelten. Mal eben Facebook checken, einen guten Gedanken twittern, auf YouTube kommentieren, ICQ und Skype  - ein massiver Wandel weg vom jugendgeschützten Heim-PC hin zur mobilen Eigenständigkeit erreichte seinen vorläufigen Höhenpunkt. Mehr Mobilität bedeutet somit vor allem weniger Kontrolle für die Erziehungsberechtigten, was wiederum zu neuen Ängsten führt.

Zudem sorgte zu dieser Zeit das Phänomen Cyber-Mobbing dafür, dass sich viele Eltern in ihren Sorgen bestätigt sahen. Besonders schlimme Einzelfälle wurden erstmals in einer breiten Öffentlichkeit diskutiert. Nicht nur an der Theodor-Storm-Schule sahen sich Eltern und Lehrer aufgerufen, sofort etwas zu tun. Die Idee eines Medienverbots war geboren.

Es folgten erste Treffen, viele Diskussionspanel und schließlich eine Abstimmung auf der Schulkonferenz – die Nutzung von elektronischen Geräten war fortan nicht nur im Unterricht, sondern auch in den Pausen und Freistunden verboten. Ein radikaler Einschnitt in die alltäglichen Lebenswelten vieler Schüler.

Anstatt sich den neuen Realitäten einer digital vernetzten Online-Generation anzupassen und deren Medienkompetenz im Schulunterricht zu fördern, brachte man sie, wie Michel es in seinem Blog ausdrückt, mit »der Mobbing-Keule zum Schweigen«. Enttäuscht von den »konservativen, technikfeindlichen Ansichten der Lehrer und Eltern«, regierten die Schüler mit Protest. Die Schüler organisierten sich mit Flashmobs, Plakaten und anderen Protestformen. Hunderte Schüler probten den Aufstand in der Pausenhalle. »Freiheit statt Angst« und »Die Mauer muss weg« war auf ihren Plakaten zu lesen.

Ein Aufbegehren, welches letztlich zu einem Kompromiss führte, der gelinde gesagt streitbar ist. Als Zeichen des Entgegenkommens wurde in Michels Schule ein Glaskasten – die sogenannte Medienzone – installiert, welcher es den Schülern nunmehr erlaubt, Laptops und Smartphones für dort die Unterrichtsvorbereitung zu nutzen. »Da gibt es genau eine Steckdose für über 1000 Schüler«, kopfschüttelt sich Michel als er von diesem – in seinen Augen – faulen Kompromiss berichtet.

»Mit der Cyber-Mobbing-Keule zum Schweigen gebracht«

Überhaupt spricht in  Michel Schröders Vortrag vor allem eines: Das Unverständnis. Zwischen ihm und dem Verbot klafft eine gewaltige Lücke divergierender Lebensrealitäten, die er sorgfältig und pflichtbewusst mit den besseren Argumenten zu füllen versucht.

Er bezeichnet Cyber-Mobbing als ein gesellschaftliches Problem, das durch das Verbot lediglich in die Nachmittag- und Abendstunden abgeschoben wird, er verweist auf die vorbildliche Entwicklung an anderen Schulen, an denen neue, elektronische Medien fest in Unterricht und Organisation eingebunden sind und er wird nicht müde, die pädagogischen Vorteile einer derartigen Integration für die eigene Organisation und inhaltliche Arbeit zu unterstreichen. Michel ist bulletproof und dennoch hört man ihn an seiner Schule nicht.

Medienverbote sind keine Lösung – aber was dann?

Alleine schon deswegen hat sich sein Auftritt auf der re:publica gelohnt. Der Support tat Michel sichtlich gut. Ob die Dinge dann aber letztlich wirklich so einfach sind, wie sie sich in seinem Vortrag darstellen, das muss bezweifelt werden. Denn auch wenn die Wut der Schüler vollkommen nachvollziehbar und die ins Feld geführten Argumente vollkommen stichhaltig und überzeugend sind – das eigentliche Problem, lässt sich nicht so leicht abschaffen wie ein Verbot.

Die Lücke klafft nicht nur zwischen den unterschiedlichen Lebenswelten, also zwischen den Digital Natives und den analogen Denkweisen, sie klafft eben auch zwischen einem trägen Bildungssystem und einer sich rasant verändernden Medien- und Wissenskultur.

Wer die neuen Medien auf sinnvolle Weise in die Schule holen will, der braucht dafür viel Geld, verallgemeinerungsfähige Modelle und einen nachhaltigen politischen Willen. Momentan fehlt all das. Doch damit nicht genug. Es braucht vor allem Lehrer, die nicht sowieso schon hoffnungslos überfordert sind von den ständig steigenden Anforderungen an ihre Arbeit. Die notwendige Diskussion um die sinnhafte Integration neuer Medien in erster Linie auf dem Rücken der Lehrer zu führen (was leider viel zu oft geschieht), ist somit auch keine Lösungen. Lehrer, die sich offen und lautstark auf Michels Seite stellen würden, gibt es nämlich mehr als genug – ohne ein grundlegendes Umdenken in Politik und Gesellschaft stehen auch sie auf einem verloren Posten.

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