CEO von GoEuro im Interview: “Bus und Bahn statt Flug? Wir können noch mehr!”

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GoEuro ist ein Start-Up aus Berlin, das eine neue Art der Reiseplanung bieten möchte. Durch die Kombination von Bus-, Zug- und Flugdaten soll man viel Zeit und Frust sparen. Wir sprachen mit dem CEO über seine Idee und die Technologie dahinter.

CEO von GoEuro im Interview: “Bus und Bahn statt Flug? Wir können noch mehr!”

Der neue Dienst ist heute der Beta-Phase entsprungen. Er zeigt die gewünschte Route als Flug, Zug- oder Busfahrt an, nötigenfalls in einer Mischung aus allen, um die günstigste, kürzeste Variante zu finden. Immer mit dem Ziel der größtmöglichen Transparenz für den Anwender. Dafür arbeitet GoEuro mit Deutsche Bahn, Rail Easy, Eurolines und vielen anderen Partnern zusammen.

Der CEO Naren Shaam erzählt uns ein wenig über die Hintergründe und Herausforderungen seines Unternehmens.

GIGA: Wie ist Dir die Idee zu GoEuro gekommen?

Naren Shaam: Eigentlich hatte ich die Idee während einer Rucksack-Tour durch Europa. Ich war vier Monate unterwegs und es war sehr schwierig, die Transportmittel für den Landreiseweg zu durchschauen. Wie komme ich von Malaga nach Granada, gibt es einen Bus und so weiter. Insbesondere lokale Bus- und Zugverbindungen sind oft für ausländische Reisende nicht sehr gut zu durchschauen, ganz zu schweigen von den jeweiligen Rabattmöglichkeiten.

Aber mir wurde wirklich klar, dass GoEuro einen wertvollen Mehrwert bieten kann, als ich von Paris nach Stuttgart wollte und zu spät zum Flughafen kam.

GIGA: Und was sollte dieser Mehrwert sein?

Naren: Mir fiel auf, dass ich nur deshalb meinen Flug verpasst hatte, weil ich mehr als eine Stunde von der Innenstadt zum Flughafen Charles de Gaulle unterwegs war. Das heißt, ich brauche eine Stunde für die Anreise, warte eine Stunde am Flughafen, fliege eine Stunde und brauche noch eine Stunde vom Flughafen in Stuttgart bis in die Innenstadt.

Vier Stunden, in etwa so weit sind auch die meisten dichten Touristen-Hochburgen in Europa voneinander entfernt. In vier bis maximal sechs Stunden erreicht man fast jede der größeren Metropolen in Europa. Und in genau diesem Radius sind die Transportmittel vergleichbar — ob ich von einem Flughafen außerhalb der Stadt fliege oder einen Zug vom zentralen Hauptbahnhof nehme, der Unterschied ist oft marginal.

Noch ein Beispiel: Von London nach Paris. Um einen der Londoner Flughäfen zu erreichen, benötige ich mindestens eine Stunde. Dann warte ich dort eine Stunde auf den Flug, fliege eine Stunde und muss noch eine weitere Stunde für den Transfer ins Zentrum rechnen.

Als ich das sah, wusste ich, dass es ein einfaches Reisportal geben müsste. Es sagt einem, dass ich für den Flug von London nach Paris vier Stunden, nicht eine Stunde unterwegs bin und dass es 210 Euro kostet. Zug: Eurostar, auch vier Stunden, 160 Euro. Bus: EuroLines oder so etwas, 6 Stunden, 60 Euro.

Jetzt habe ich wirklich sinnvolle, umfassende Informationen, die es mir ermöglichen, die für mich geeignete Variante herauszufinden. Manch einer mag Busse nicht so gern und wird daher wegen des Preisunterschiedes bei gleicher Reisezeit den Zug nehmen. Andere mögen Busse und nehmen für die erheblich günstigere Buchung die längere Reise in Kauf.

Schon jetzt finden die Leute möglicherweise all das heraus. Aber sie benötigen dafür schlechterdings dutzende Tabs im Browser und mehrere Stunden.

GIGA: Ok, GoEuro sucht mir also alternative Reisemittel heraus.

Naren: Ja, aber wir können noch mehr. Angenommen, Du möchtest von Heidelberg irgendwo hin fliegen. Welcher Flughafen ist billiger? Frankfurt, Karlsruhe oder Stuttgart? Das gleiche Spiel in Dresden. Leipzig, Prag oder Berlin? Kleine Städte um Hamburg herum: Hamburg, Bremen oder Hannover? Um München herum gibt es eine Menge günstiger Flüge nach Memmingen. Wer weiß schon, dass es in Memmingen überhaupt einen Flughafen gibt? Es gibt hunderte solcher Beispiele in Europa.

Und jetzt kommt wieder die umfassende Reiseinformation ins Spiel. Wie komme ich von Memmingen nach München und wie lange dauert der Transfer? Ist das wirklich günstiger, als nach München Franz Josef Strauß?

GIGA: Das klingt nach viel Information für den Anwender — was steckt dabei an Daten dahinter, was passiert hinter den Kulissen?

Naren: Ich habe das Unternehmen vor etwa einem Jahr gegründet, im April 2012. Die ersten sechs Monate brachte ich damit zu, Daten zu jagen. Das ist gleichzeitig die größte Herausforderung für uns. Der Zugang zu den Millionen von Datensätzen unterschiedlicher Anbieter in Europa.

Anders als bei Flughäfen sind die Daten zu Stationen und Haltestellen, Abfahrtszeiten und Rabattmöglichkeiten für Züge und Busse nicht standardisiert. Ob ich in Berlin nach TXL suche oder in San Francisco — ich komme immer in Berlin Tegel an.

Das funktioniert bei Bahnhöfen so nicht, London St. Pancras kann bei der Deutschen Bahn ganz anders heißen als bei Eurostar oder TGV. Wir müssen also alle Daten aller Anbieter sammeln und in ein Format übersetzen. Nur so können wir dem Anwender ein klares Bild der gewünschten Reisedaten zeigen.

Nächste Herausforderung: Es gibt ungefähr 25 größere Flughäfen pro EU-Land, aber mehr als 9.000 Bahnhöfe. Wenn man noch tiefer hineinschaut, liegt die Anzahl der Flüge zwischen zwei Destinationen bei etwa 12 bis 14 pro Tag. Dagegen fahren zwischen zwei Bahnhöfen manchmal bis zu zwei Züge pro Stunde. Die schiere Menge der Daten, die wir verarbeiten ist also unvorstellbar groß.

GIGA: Wie verdient GoEuro eigentlich sein Geld, zahlt der Kunde für die Dienstleistung?

Naren: Nein, wir nehmen von den Usern keinen Cent. Unsere Kunden sind eigentlich die Bus- und Bahnunternehmen. Wir verarbeiten ihre Daten so, dass mehr Menschen online Tickets kaufen. Das bedeutet mehr Planungssicherheit und damit bessere Auslastung, ein geldwerter Vorteil für Deutsche Bahn und Co.

Das einzige, was wir vom Anwender wollen, ist sein Vertrauen. Er muss daran glauben, dass wir für ihn die richtige Route finden, wenn er von Zwickau nach London will. Er muss lernen, nicht mehr selbst den nächsten größeren Flughafen herauszufinden und in die Suchmaske einzugeben, sondern direkt von seinem kleinen Ort aus zu suchen.

Eine Reise findet immer von einem bestimmten Ort zum nächsten statt. Mehr müssen die Leute nicht wissen, nur ihren eigenen Abfahrtsort und ihr Ziel. Den Rest erledigen wir, weil wir die Daten haben und damit umgehen können. Aber so eine Umstellung braucht Zeit, das wissen wir auch.

GIGA: Wie läuft denn die Buchung, zahle ich direkt an GoEuro für meine Tickets?

Naren: Nein, wir liefern nur die Route. Für die Buchung der jeweiligen Abschnitte leiten wir den Anwender direkt zu den Flug-, Bus- und Bahndienstleistern weiter. Das soll auch dabei helfen, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Wir sind kein unbekannter Mittelsmann, der plötzlich auch noch Geld oder sogar Kreditkartendaten will.

Für die sensiblen Transaktionen kann man sich wieder auf Institutionen wie die Deutsche Bahn oder ähnliche Unternehmen verlassen.

Außerdem haben wir natürlich die Möglichkeit, anderen großen Reiseportalen unsere Technologie zur Verfügung zu stellen. Es könnte also in Zukunft zur Norm werden, dass man nicht von Flughafen zu Flughafen sucht, sondern sich über mehrere Transportwege und Destinationen gleichzeitig informiert. Alles mithilfe unserer Datenbank, gegen eine Lizenzgebühr.

GIGA: Habt ihr keine Bedenken, eure eigene Plattform damit zu kannibalisieren?

Naren: Das ist eine Entscheidung, die wir treffen müssen. Im Moment ist das aber noch weit entfernt. Wir sind 15 Vollzeitkräfte, die sich auf das Projekt GoEuro konzentrieren. Für später können wir uns aber sehr gut vorstellen, unsere Daten mit den „Großen“ zu teilen und Lizenzvereinbarungen zu treffen.

GIGA: Du kommst ursprünglich aus Indien, hast an der Harvard Universität in Massachussetts studiert — warum ist GoEuro in Berlin?

Naren: Ich hatte nach der Uni das Glück, in New York einen gut bezahlten Job zu haben. Leider hasste ich ihn, so dass ich mich schnell nach etwas anderem umsehen wollte. Anfangs habe ich versucht, GoEuro von dort aus zu starten, aber dann war schnell klar, dass das nicht geht. Die Konsumenten und die Partner sind in Europa, die Bahnunternehmen sitzen hier, mit der Zeitumstellung und allem wäre es einfach zu umständlich geworden.

Man hört in Übersee viel von Start-Ups in Europa. Berlin und London stechen dabei häufig hervor. Paris und Barcelona auch ein wenig, aber vor allem diese beiden Hauptstädte. Für uns Unternehmer ist es enorm wichtig, inmitten von anderen guten Start-Ups zu arbeiten.

Das Ökosystem ist unglaublich hilfreich und je mehr von uns auf einem Haufen sitzen, desto besser. Tatsächlich hängt von der Nähe zu anderen Start-Ups der Erfolg von jedem Einzelnen ab. Wir zehren davon, dass Rocket Internet hier in Berlin so erfolgreich ist. Wir profitieren von äußerst erfolgreichen Start-Ups wie Soundcloud, denn sie ziehen die richtigen Leute an.

Dazu gehören talentierte Entwickler, aber auch Investoren, die uns unterstützen. Darüber hinaus ist allein das Wissen, dass im unmittelbaren Umfeld kleine Unternehmen es in nur wenigen Jahren von der Gründung zu globaler Präsenz geschafft haben, beruhigend und motiviert ungemein. „Ich kann es auch schaffen!“

Man könnte meinen, dass die nötigen Ressourcen von den „großen Kleinen“ aufgesaugt werden. Aber wenn es dir nicht gelingt, die von dir benötigten Mittel und die Talente für deine Idee abzuwerben, solltest Du wahrscheinlich kein Unternehmer sein. Also sind wir in Berlin, gerade weil hier schon viele andere vor uns einen Platz gefunden haben. Das stärkt die Gemeinschaft und hilft so auch uns.

GIGA: Was sind eure Pläne für die Zukunft — wann kann ich über GoEuro Reisen durch ganz Europa buchen?

Naren: Wir arbeiten daran. Die Datenübernahme ist aber sehr langwierig, gleichzeitig wachsen in den Märkten, die wir bereits zu großen Teilen erschlossen haben, neue Anbieter nach. In Deutschland wurde gerade der Busreisemarkt geöffnet — jetzt kommen wöchentlich neue Unternehmen hinzu, die wir natürlich berücksichtigen wollen.

Wenn man sich die Menge der Daten pro Land vergegenwärtigt, wird einem klar, was für eine Mammut-Aufgabe die Erschließung eines einzelnen Landes ist. Am Anfang haben wir mit Deutschland und Großbritannien angefangen. Von da aus arbeiten wir uns langsam vor, Nachbarland für Nachbarland, immer zwei Länder zur Zeit.

Dafür brauchen wir dringend gute Leute.

GIGA: Man kann sich also bei euch bewerben?

Naren: Auf jeden Fall! Wir suchen fähige Entwickler, die uns dabei helfen, die massiven Datenberge zu verarbeiten und zu ordnen. Das ist sehr schwierig — deshalb brauchen wir Unterstützung.

Wir suchen auch noch Mitarbeiter in ein paar anderen Bereichen, zum Beispiel SEO, Server-Administration und mehr.

Wir danken Naren Shaam für das Interview!

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