Lollipop Chainsaw Test + GIGA Gameplay: Der virtuelle Zuckerschock

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Suda51 ist einer der Gründe dafür, dass ich das Medium Videospiel so liebe. Mit Spielen wie „No More Heroes“ und „Killer7“ hat er bereits bewiesen, dass ihm Genre-Konventionen völlig egal sind. 2011 veröffentlichte er sein erstes Zugeständnis an die westliche Welt: „Shadows oft he Damned“ war ein recht konventioneller Third-Person-Shooter, der trotz eines sich in Motorräder verwandelnden, sprechenden Totenkopfs für Suda-Verhältnisse auf Sparflamme lief. Mit „Lollipop Chainsaw“ ist damit wieder Schluss und der japanische Spielemacher hat sich mit Hollywood-Schreiber James Gunn („Slither, „Super“), Silent Hill-Komponist Akira Yamaoka und dem Mindless Self Indulgence-Frontmann Jimmy Urine zusammengetan, um ein gigantisches „WHAT THE FUCK?!“-Nonsense-Spektakel zu liefern.

„Lollipop Chainsaw“ ist vier Stunden kurz, hat ein rudimentäres, wenig beeindruckendes Kampfsystem, eine extrem oberflächliche Story und hat mir trotzdem mehr Spaß bereitet, als jedes andere Spiel dieses Jahr.

Juliet Starling ist eine gerade 18 Jahre alt gewordene Cheerleaderin im Körper einer blonden Porno-Queen – und sie ist Zombiejägerin. Als ein von Rachelüsten geleiteter Goth ihrer Schule die Tore zur Hölle öffnet, schreitet sie mit ihrer ebenso sonderbaren Familie zur Tat, um die Untoten mit ihrer Kettensäge in handliche Stückchen zu Schneiden. Das ist so ziemlich alles, was es über die Geschichte zu wissen gibt und man sollte keine großen Twists erwarten. „Lollipop Chainsaw“ lebt nicht von seiner wendungsreichen Geschichte, sondern von seiner völlig abgefahrenen Welt und den gheinzigartigen Charakteren. Da ist keine Zeit für ausführliche Erklärungen.

Ebenfalls Tradition bei Spielen von Suda 51-Entwickler Grasshopper Games: Die Inszenierung ist wichtiger als das Gameplay, alles ordnet sich dem Prinzip „Style ofer Substance“ unter. Das ist bei „Lollipop Chainsaw“ mehr denn je der Fall. Grundsätzlich metzelt ihr euch wie in einem klassischen Action-Adventure à la „Devil May Cry“ oder „God of War“ durch die Zombiehorden. „Lollipop Chainsaw“ erreicht jedoch zu keinem Zeitpunkt die Tiefe dieser beiden Spiele. Während Dante und Kratos von Anfang an zig Combos aneinanderreihen und sich automatisch ein gewisser Spielfluss entwickelt, dauert es hier im schlechtesten Falle mehrere Stunden, bis Juliet mehr als zehn Combos zur Verfügung stehen.

“Die Bezeichnung “farbenfroh” ist bei diesem Spiel noch stark untertrieben

Daran ist das schlechte Balancing der Zombiemünzen schuld. In den 30 bis 40 Minuten langen Levels bekommt ihr gelegentlich die Möglichkeit, im Shop neue Combos zu kaufen. Für das gleiche Geld könnt ihr allerdings auch Stärke, Energie und andere Eigenschaften von Juliet verbessern. In eurem ersten Spieldurchgang bekommt ihr nur so wenig Münzen, dass ihr euch für einen dieser Bereiche entscheiden müsst – verbessert ihr Juliets Energie, bleibt kein Geld mehr für neue Combos. Damit nimmt man sich unter Umständen versehentlich selbst den Spaß am Spiel – im schlimmsten Falle nutzt ihr auch in der zweiten Hälfte des Spiels noch die gleiche „YYYY“-Combo wie im ersten Level. Tut euch also selbst einen Gefallen und ignoriert zunächst die Upgrades, sondern konzentriert euch auf den Kauf neuer Angriffsmöglichkeiten – „Lollipop Chainsaw“ ist auch auf dem normalen Schwierigkeitsgrad so einfach, dass ihr mit der zusätzlichen Energie wenig anfangen könnt.

Konzentriert ihr euch auf den Kauf neuer Attacken fegt ihr jedoch schon bald mit wahnwitzigen Attacken durch die Gegnerhorden und sackt dadurch Unmengen an zusätzlichen Münzen ein. Tötet ihr nämlich mindestens drei Zombies gleichzeitig mit einem Schlag, gibt's einen fetten „Sparkle Hunting“-Bonus, inklusive kurzzeitiger Zeitlupe und einem bildschirmfüllenden Feuerwerk. Generell scheint „Lollipop Chainsaw“ im Alleingang sämtliche Farben zurückbringen zu wollen, die dank all der grau-braunen Shooter der letzten Jahre auf der Strecke geblieben sind. Trennt Juliet den Zombies ihre Körperteile ab, sprühen ihnen kein Blut sondern Regenbogen und Herzen aus dem Körper. Aktiviert ihr Juliets Power-Modus wird diese unverwundbar, tötet jeden Zombie mit einen Schlag, badet dadurch den ganzen Bildschirm in Regenbogenfarben – und im Hintergrund beginnt der 80er-Hit „Mickey“ zu spielen. Es ist unmöglich, mit Worten zu beschreiben, auf wie vielen Ebenen das großartig ist.

Lollipop Chainsaw“ nimmt sich selbst – Gott sei Dank – zu keiner Sekunde ernst und geht mit dieser Entscheidung sehr offensiv um. Vielleicht ist es das dümmste Videospiel aller Zeiten ist. Es versucht es zumindest zu sein. Als der enthauptete Kopf von Juliets Freund Nick, den sie immer mit sich herumträgt, fragt, warum da eigentlich ständig Regenbogen aus den Zombies fliegen, wenn sie sterben, antwortet Juliet simpel: „Because of awesome“.

Nichts könnte dieses Spiel besser beschreiben, als diese Antwort.  Vom grandiosen Soundtrack, der sich aus so ziemlich sämtlichen Genres dieser Welt bedient und zusätzlich noch von Akira Yamaoka eigens komponierten Stücken aufgewertet wird, über die technisch schwache Grafik, die allein durch ihren farbenfrohen Stil und das großartige Charakterdesign überzeugen kann, bis hin zu den Dialogen, die nicht stumpfsinniger sein könnten: „Lollipop Chainsaw“ präsentiert sich als Abgesang auf den Anspruch und als Zelebration des Nonsense. Was Spaß macht, kommt ins Spiel, völlig egal, ob es Sinn macht oder nicht.

Fazit

„Lollipop Chainsaw“ muss sich einiges an Kritik gefallen lassen. Die Story ist komplett sinnlos, die Darstellung von Juliet als dummes, kleines Sexobjekt könnte dem ein oder anderen nachhaltig verstören und das Kampfsystem kommt erst zur Geltung, wenn man sich im Shop mit reichlich Kombos versorgt hat. Am negativsten fällt jedoch die Spielzeit auf – ungefähr vier Stunden werdet ihr für den ersten Durchgang brauchen. Grasshopper Games sorgte jedoch für reichlich Wiederspielwert: Mit einem Ranking-Modus könnt ihr eure Punkte in jedem Level mit denen eurer Freunde vergleichen, dutzende Kostüme, MP3s und Artworks können nur durch mehrmaliges Durchspielen freigeschaltet werden. Auch ein zweites, besseres Ende wartet darauf, entdeckt zu werden.

Besonders cool sind die abgefahrenen Bossgegner

All diesen Kritikpunkten zum Trotz: Kein anderes Spiel hat mir 2012 so viel Freude bereitet und mich so oft zum Lachen gebracht. Wem der Humor von „Lollipop Chainsaw“ zusagt und wer Fan von einem der früheren Spiele von Suda 51 ist, der kann und sollte unbedingt zugreifen, insbesondere für den recht geringen Preis von 45 Euro. Fans des Genres warten dagegen besser auf „DmC“.

Wertung: 79%

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Weitere Themen: Killer Is Dead, Grasshopper Manufacture

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