Interview: Gefeuerter WebOS-Chef will Open Source treu bleiben

Matthias Schleif

Nachdem in der letzten Woche schon der leitende Angestellte der WebOS-Sparte bei HP, Jon Rubinstein, seinen Platz geräumt hatte, musste gestern auch Chefentwickler Brian Hernacki seinen Hut nehmen. Während dieser noch seinen Schreibtisch leer macht, liegt Rubinstein bereits an einem mexikanischen Strand und geniesst seine Freizeit. Joshua von “the verge” hat mit ihm telefoniert.

Interview: Gefeuerter WebOS-Chef will Open Source treu bleiben

Es ist ja schon ziemlich selten, daß derart hoch geschätzte Mitarbeiter einfach so auf die Straße gesetzt werden, doch das “Bäumchen Bäumchen”-Spiel spielt man beim Weltkonzern Hewlett-Packard ja schon eine ganze Weile. In nur 19 Monaten hat Jon Rubinstein, eben jener Leiter der WebOS-Sparte, immerhin vier CEOs kommen und drei wieder gehen gesehen. Die letzte CEOin, Meg Whitman (ex-Yahoo), sah er nur kommen, denn die hat das WebOS-Projekt nun beschleunigt auf Eis gelegt und ihn sozusagen überlebt.

Inklusive Meg sind es aber dennoch vier verschiedene “Chefs” in so einer kurzen Zeit und man ist versucht zu sagen: “das kann ja nix werden”. Doch Nachtreten ist nicht des Rubinstein Art, mit Schuldzuweisungen hält sich der ehemalige Apple-Mitarbeiter sehr zurück, dennoch verteidigt er sein Projekt vehement. WebOS sei “ganz sicher nicht tot”, sondern Teil einer spannenden Entwicklung namens Open Source. Das für Handys, Smartphones und Tablet gleichermaßen geeignete Betriebssystem, das er nach seiner Zeit bei Apple für Palm entworfen hatte, sei für bestimmte Anwendungsmuster (use patterns) immer noch “am besten geeignet”. Und wie zum Beweis seiner Worte klingelt plötzlich im Hintergrund sein Palm Veer

Der Computerriese HP habe einfach nicht genau gewusst, worauf er sich mit dem Kauf von Palm einlasse, jammert Rubinstein dann doch ein wenig rum. Zum Zeitpunkt der Übernahme sei “HP selbst nicht gut genug aufgestellt” gewesen, als dass sie ein so wagemutiges Projekt mit der richtigen Unterstützung hätten ausstatten können. Ein weniger wankelmütiger Konzern hätte WebOS und die passende Hardware sehr wohl zu einem Erfolg führen können, glaubt der Ex-Abteilungleiter, der angeblich von “vorn herein nur ein zeitlich begrenztes Engagement” bei HP geplant hatte. Nach der Entwicklung von WebOS und der Markteinführung eines passenden Tablets hätte ohnehin “eine neue Zeitrechnung” beginnen sollen, was durch die wechselhafte Firmenleitung – man erinnere sich nur mal an den Stunt von Leo Apotheker im letzten Sommer – nun beschleunigt worden sei.

Erfolg mit open source?

Im Gegensatz zu den ganzen Erfolgstypen aus den US-Serien der 80er, die sich gern zum morgendlichen Eintritt ins Büro zuerst einmal zwei Finger breit “Bourbon” in einen Stamper gossen, sei es für Rubinstein auf Nachfrage “noch zu früh für eine Margarita”, so “kurz nach dem workout”. Vielleicht ist das der große Unterschied zwischen einem Arbeitslosen wie ihm und JR Ewing, dem Big Boss von Dallas.
Aber Scherz beiseite, Rubinstein ist nur einer von vielen, die mit einem Open Source Projekt “vorerst gescheitert” sind, und das ist schade! Wie groß eine eigenes OS als Erfolgsfaktor wirklich werden kann, zeigt nicht zuletzt Google mit Android. “Vielen Herstellern”, analysiert Mr. Rubinstein schon ganz richtig, “stünde ein mehr eigenständiges Image sehr gut zu Gesicht”. Stattdessen hantieren alle mit dem gleichen Windows rum und wundern sich, dass sie nicht mehr als getrennt von der Masse wahr genommen werden.

Man kann sich wirklich fragen, welcher global player aus dem IT-Bereich zu einem solchen Schritt noch die Kraft und den Willen aufbringen soll, wenn schon der stinkreiche Hewlett-Packard-Konzern daran scheitert. Bis dahin müssen Rubinstein – und vielleicht auch Kollege Hernacki – wohl weiter “unfreiwillig arbeitslos” bleiben, wie Jon Rubinstein betont, doch mit den Jahren haben sich eben auch Ansprüche entwickelt. “Nein, Research in Motion“, den Erfindern des Blackberry, könne er “wohl eher nicht weiterhelfen”. Das liege aber weniger an RIM selbst, die sich seit einiger Zeit auf dem absteigenden Ast befinden, sondern an dessen Standort in Kanada! Dort sei es “einfach zu kalt”, um menschlich leben zu können. Die langen harten Winter habe er “schon als Student in New York immer kaum ausgehalten”…und so ein ganz bißchen hat man das Gefühl, er habe vielleicht doch gerade an einer Margarita genippt.

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