Huawei fehlt eine klare Produktstrategie [Kommentar]

Kaan Gürayer
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Namenssalat gepaart mit einer fragwürdigen Produktpolitik ohne roten Faden: Huawei gibt anno 2017 ein zweifelhaftes Bild ab. Ist dem chinesischen Vorzeigekonzern der Erfolg zu Kopf gestiegen? 

Huawei fehlt eine klare Produktstrategie [Kommentar]

In „Battlestar Galactica“, dem nach nur vier Staffeln eingestellten Remake des Science-Fiction-Klassikers aus den Siebzigern, heißt es am Ende des Intros: „And They Have A Plan.“ Wer die Serie verfolgt hat, weiß natürlich, dass das Unsinn war und die kriegerischen Zylonen in Wahrheit gar keinen Plan auf Lager hatten.

Nun möchte ich Huawei nicht in die Nähe von rebellierenden Robotern rücken, aber auch beim erfolgsverwöhnten Mobilfunkhersteller ist kein Plan zu erkennen. Das fängt bei einer undurchschaubaren Produktpolitik an, geht über verwirrende Nomenklaturen und endet schließlich bei inkonsequenten Designentscheidungen.

Vor einigen Tagen wurde mit dem Huawei P10 Lite das neueste Mitglied der P10-Familie vorgestellt. Ein ambitioniertes Mittelklasse-Smartphone verpackt in einem hübschen Glasgehäuse – so weit, so normal. Auch der Preis ist mit 349 Euro für die gebotene Technik nachvollziehbar und bewegt sich im Rahmen der Konkurrenz.

Das technisch deutlich schlechter ausgestattete Galaxy A3 (2017) schlägt etwa mit einem UVP von 349 Euro zu Buche und das Galaxy A5 (2017), das auf einem Niveau mit dem P10 Lite spielt, kostet mit 429 Euro noch einmal ein ganzes Stück mehr als das Huawei-Smartphone.

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Konkurrenz von Honor

Vor der Konkurrenz muss sich das Huawei P10 Lite also nicht verstecken – zumindest von Außen. Denn der wahre Wettbewerb kommt ja von Innen in Form von Honor. Ein Honor 8 bietet eine deutlich bessere Ausstattung, kostet mittlerweile aber genauso viel wie das Huawei P10 Lite. In immer wiederkehrenden Aktionen, zum Beispiel vor einer Woche bei Media Markt, ist das Gerät sogar für 299 Euro zu haben.

Zugegeben: das Honor 8 wurde im Juli 2016 vorgestellt. Hier wird also der UVP eines brandneuen Smartphones mit dem gefallenen Preis eines beinahe ein Jahr alten Flaggschiffs verglichen. Ein legitimer Einwand, stimmt. Aber wen interessieren denn bittschön „faire Vergleiche“, wenn man auf der Suche nach einem neuen Smartphone ist und das beste Preis-Leistungs-Verhältnis haben möchte? Außerdem: Selbst bei aktuellen Smartphones machen sich die Geräte aus dem Unternehmen eigene Konkurrenz.

Ein Honor 6X, vorgestellt vor zwei Monaten, bietet eine vergleichbare Ausstattung – ist aber 100 Euro günstiger. Und bei allem Respekt für die Marketingabteilung von Huawei, aber der gefühlte „Image-Abstand“ zwischen beiden Konzernmarken ist nicht so groß, dass er einen Preisunterschied von 100 Euro rechtfertigt.

Verwirrende Nomenklatur

Huaweis fragwürdige Produktpolitik geht zudem Hand in Hand mit einer verwirrenden Nomenklatur. Aktuell hat der Hersteller drei Mittelklasse-Smartphones im Angebot: Huawei P9 Lite, Huawei P8 Lite (2017) und das jetzt vorgestellte Huawei P10 Lite. Das Problem: Durchschnittsverbraucher, die nicht täglich GIGA ANDROID lesen und den Mobilfunkmarkt mit Argusaugen beobachten, orientieren sich bei bei Produktnamen mit Zahlen an einer aufsteigenden Reihenfolge: je höher, desto besser.

Ein BWM 3er wird von einem BWM 5er übertrumpft, der wiederum von der 7er-Reihe ausgestochen wird. Und auch die Hausfrau, die sonst mit Computern gar nichts am Hut hat, weiß, dass ein Core-i7 stärker als Core-i5 ist und nur vom Core-i3 unterboten wird.

Nach dieser „Logik“, die Hersteller jeglicher Couleur seit Jahren in die Köpfe der Verbraucher reinhauen, sollte das Huawei P9 Lite besser als das Huawei P8 Lite (2017) sein – ist es aber nicht. Die Unterschiede mögen marginal sein, was erneut Huaweis fragwürdige Produktpolitik unterstreicht, sie sind aber vorhanden und zeigen sich unter anderem am Prozessor oder der Verarbeitungsqualität. Das Jahresanhängsel, da lehne ich mich nicht zu weit aus dem Fenster, dürfte von den meisten Verbrauchern schlichtweg ignoriert werden und wohl kaum als echtes Differenzierungsmerkmal dienen.

Dass das Huawei P8 Lite (2017) in Finnland übrigens als Honor 8 Lite in den Handel kommt und in anderen Ländern sogar als Huawei Nova Lite vermarktet werden soll, stellt den beinahe schon grotesken Namenssalat im Hause Huawei auf ziemlich plastische Weise dar.

Auf der nächsten Seite: Inkonsequente Designentscheidungen und Erinnerungen an Samsung.

Weitere Themen: Huawei P10 Plus , Huawei P10, Honor 8 Lite , Huawei P8 Lite 2017, Honor 6X, Honor 8 , Huawei P9 Lite , Huawei P10 Lite, Huawei Watch 2, Honor: Huaweis Ableger für „Digital Natives“

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