Xbox One: Deutet ihre Öffnung auf das Ende des Konsolenkriegs hin?

Sebastian Moitzheim
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Microsoft überdenkt derzeit offenbar die Strategie, mit der sie die Xbox One von der Konkurrenz absetzen wollen: Statt exklusiven Spielen sollen Kompatibilität mit anderen Plattformen – inklusive der PlayStation 4 – und möglichst kleine Barrieren für (potentielle) Entwickler die neuen Verkaufsargumente sein. Dabei muss Microsoft allerdings aufpassen, Spieler und Entwickler nicht zu verprellen.

Xbox One: Deutet ihre Öffnung auf das Ende des Konsolenkriegs hin?

Fortschritt entsteht nicht immer aus einem noblen Entdeckergeist heraus, sondern oft aus der Not oder einfach durch Zufall. So glaube ich, dass die Verantwortlichen bei Microsoft um Xbox-Chef Phil Spencer derzeit in erster Linie enttäuscht sind von den schwachen Verkaufszahlen der Xbox One im Vergleich zur PS4, und dass sie eher aus diesem Grund Veränderungen vornehmen, nicht, weil sie den Konsolenmarkt revolutionieren wollen. Aber aus welchem Grund auch immer Microsoft diese Entscheidungen trifft (oder laut darüber nachdenkt), sie hinterfragen damit einige Aspekte von Spielekonsolen, die wir jahrelang als gegeben angesehen haben.

Eine offenere Xbox One

Schon seit einiger Zeit arbeitet Microsoft an der “Unified Windows Platform“ (UWP), das heißt unter anderem: Die Xbox One läuft nun auf einem modifizierten Windows 10, und der Windows Store wird mit dem Xbox Store verbunde  (UWP ist viel komplizierter und umfasst auch mobile Geräte, aber alle Details zu erläutern, wäre zu umfangreich für diesen Artikel). Außerdem überdenkt Microsoft seine Strategie für Exclusives – das eigentlich als Xbox-Exclusive angekündigte Quantum Break beispielsweise erscheint nicht nur für Windows 10, Xbox-Vorbesteller erhalten auch die Windows 10-Version gratis dazu; Scalebound, ebenfalls ursprünglich als Xbox One-Exclusive angedacht, wird möglicherweise ebenfalls für PC erscheinen. Und darauf folgte die Überlegung, die Cross-Play-Funktion von Rocket League auch für die PS4 zu öffnen. Zwischenzeitlich wurde sogar über Hardware-Updates für die Xbox One spekuliert, was die Xbox One noch näher an den PC rücken würde – mittlerweile hat Phil Spencer dies aber revidiert.

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Es braucht keine gedankliche Anstrengung, um die Vorteile hinter diesen (möglichen) Veränderungen zu sehen, für Microsoft, für andere Entwickler und für Spieler/innen. Microsoft (und seine Partner) kann seine selbstentwickelten oder -publizierten Spiele auf zwei Systemen verkaufen, wenn sie nicht mehr exklusiv an die Xbox gebunden sind, und die Umstellung auf UWP macht die beiden Microsoft-Systeme kompatibler – Spiele sind so leichter für beide programmierbar. Das Cross-Play bei Multiplayer-Titeln verhindert Überlegungen potentieller Käufer, sich doch für die PS4 zu entscheiden, weil die Community für Multiplayer-Games dort größer ist (und wahrscheinlich die meisten ihrer Freunde eine PS4 besitzen).

Spieler haben Entscheidungsfreiheit, auf welchem System sie einen Titel spielen können, wenn er für PC und Xbox erscheint, und haben bei Multiplayer-Games Zugang zur größtmöglichen Community.

Die Xbox One (und ein Stück weit auch der PC) wird offener und flexibler und der erste Schritt weg von der ziemlich albernen, strengen Trennung von konkurrierenden Konsolen wäre getan. Noch bleiben Spiele wie Quantum Break Microsoft-exklusiv, aber wer weiß: Microsoft ist der PS4 offensichtlich nicht feindlich gesinnt, und der nächste Schritt könnte sein, ganz auf Exclusives zu verzichten – was zunächst vielleicht ein seltsamer Gedanke ist, aber wenn man darüber nachdenkt, könnte man argumentieren, dass die Idee von Exclusives selbst das Seltsame ist: Wenn Sony-Filme nur auf einem Sony-Blu-Ray-Player laufen würden, wären wir alle empört, und, sagen wir, iTunes-exklusive Musikalben oder Amazon-exklusive eBooks bleiben die absolute Ausnahme und werden von vielen Verbrauchern mindestens mit Skepsis betrachtet. Und für die fehlende Cross-Play-Option zwischen Xbox One und Playstation 4 gibt es außer Sturheit auch kein glaubhaftes Argument. Dass Rocket League-Macher Psyonix die technische Herausforderung der Cross-Play-Funktion bewältigt hat, sie aber aufgrund von Sonys “Politik“ nicht implementieren darf, ist eine bezeichnend alberne Situation, die letztlich allen Beteiligten – Sony, Microsoft, Psyonix und den Spielern – schadet.

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Beziehung zu Spielern und Entwicklern in Gefahr

Bei allen offensichtlichen Vorteilen muss Microsoft aufpassen, seine Beziehung zu Spielern und Entwicklern nicht zu schädigen.

Dass zum Beispiel Quantum Break nun auch für den PC erscheint, ist grundsätzlich begrüßenswert: Mehr Spieler/innen haben so Zugang zu einem allem Anschein nach so innovativen wie schwer zu vermarktenden Spiel.

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Gleichzeitig ist allerdings auch die Verärgerung einiger Spieler über diese Entscheidung nachvollziehbar (wenn auch nicht die Intensität, mit der manche diese Verärgerung bekundet haben):  Anders, als viele Kritiker hämisch anmerkten, geht es um mehr als nur darum, dass Spieler/innen nicht wollen, dass mehr Leute in den Genuss von Quantum Break kommen. Es geht auch darum, dass Microsoft, wie jeder Publisher, mit den Exclusives wirbt und dass diese für viele einer der Entscheidungsgründe für eine Xbox One statt einer PS4 sind. Wenn man die Konsole nicht anstatt, sondern zusätzlich zu einem Gaming-PC gekauft hat, ist man natürlich verstimmt, wenn der Vorteil der Xbox One, vielleicht der Grund, warum man sie statt der Konkurrenz-Konsole gekauft hat, plötzlich irrelevant wird. Microsoft hat so gerade die Sorte Spieler/innen verärgert, die sie mit der UWP und der Gratis-PC-Version von Quantum Break für sich gewinnen wollten, diejenigen, die Konsole und PC nutzen.

Auch für Entwickler bringt die Annäherung von Xbox One und PC nicht nur Positives. Zwar dürfte es so unkomplizierter sein, Spiele für beide Plattformen zu entwickeln, und gerade die Entwicklung von Xbox-Games und -Apps wird so auch günstiger, da Entwickler dank der Windows-Basis der Xbox nicht mehr zwangsweise Development-Geräte kaufen müssen; doch während die Unified Windows Platform eine Öffnung des Xbox One-Betriebssystems bedeutet, geht sie bei Windows 10 mit einer Schließung (in Teilen) einher. Laut Epic-Gründer Tim Sweeney will Microsoft damit nicht weniger als ein Monopol für Spieleentwicklung unter Windows aufbauen. Durch die Bevorzugung des Windows Stores gegenüber anderen Stores – Steam, GOG etc. – und die standardmäßig nicht aktivierte Möglichkeit, Windows Store Apps von den Websiten der Entwickler zu laden, würde Microsoft User und durch die konstante Verbesserung der UWP unter Vernachlässigung des alten win32-Systems ebenso Entwickler zur Nutzung der UWP-Architektur zwingen. Mir fehlt die Expertise, Sweeneys Kritik endgültig beurteilen zu können, aber eine leichte Tendenz in Richtung eines geschlossenen Systems wie dem von Apple lässt sich bei Windows nicht abstreiten, und wenn sie vom ehemaligen Publisher eines der wichtigsten Microsoft-exklusiven Spiele-Franchises (Gears of War) kommt, sollte Microsoft solche Kritik sehr ernst nehmen.

Gears-of-War

Microsoft darf die Kritik von Spielern und Entwicklern nicht ignorieren, denn sie benötigen die Unterstützung beider Gruppen für die Umsetzung ihrer Idee einer Xbox One, die sich mehr durch Offenheit und Kompatibilität zu anderen Plattformen als durch exklusive Spiele auszeichnet. Dann allerdings könnte Microsoft hier wegweisende Schritte gehen, die ersten Schritte zum Ende des Konsolenkriegs und der gegenseitigen Anfeindungen von Konsolenspielern und “PC-Master-Race“, und zu einer Welt, in der Spiele einem möglichst breiten Publikum zur Verfügung gestellt werden und endlich Besitzer aller Plattformen gemeinsam zocken können.

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