Anarchy Reigns Test: Die spinnen, die Japaner

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Es gibt gewisse Genre- und Entwickler-Kombinationen, die den gemeinen Spielenerd automatisch aufhorchen lassen. Ein Strategiespiel von Blizzard? Ein Shooter von Valve? Ein Brawler von Platinum Games? Alles Garanten für großartige Spiele, sollte man meinen. „Anarchy Reigns“ kann mit den hohen Standards der „Bayonetta“-Entwickler jedoch nicht ganz mithalten.

Wer von „Anarchy Reigns“ ein schnelles Hack‘n’Slay a la „Bayonetta“ oder „Metal Gear Rising: Reveangence“ erwartet, wird schnell enttäuscht werden. Für das Spiel verantwortlich zeichnet sich nämlich Masaki Yamanaka, der bei keinem dieser beiden Titel mitgearbeitet hat. Stattdessen war er an der Entwicklung des Wii-exklusiven „Mad World“ beteiligt, das mit langsamen, methodischen Kämpfen völlig andere Akzente setzte.

„Anarchy Reigns“ übernimmt nicht nur einige Charaktere von „Mad World“(unter anderem die beiden Hauptfiguren Jack Cayman und Leo Victorion), sondern spielt sich auch sehr ähnlich. Mit einem leichten und starken Angriff lassen sich zwar Combos erstellen, diese lassen sich bei jedem Charakter jedoch an einer Hand abzählen. Statt möglichst spektakuläre Angriffsketten hinzulegen, kommt es darauf an, im richtigen Moment ein paar Schläge vom Stapel zu lassen, um anschließend wieder zu Blocken und auszuweichen.

Dass „Anarchy Reigns“ so viel Wert auf Timing setzt, ist ganz einfach mit dem Mehrspieler-Modus zu begründen. Zwar verfügt das Spiel auch über eine etwa sechs bis sieben Stunden lange Kampagne, der Fokus liegt jedoch eindeutig im Online-Kampf gegen andere Spieler.  Wenn jeder der insgesamt 18 Charaktere  ellenlange Super-Combos vom Stapel lassen könnte, würde das zu einem unwahrscheinlich frustrierenden Spielerlebnis führen. Das heißt jedoch noch lange nicht, dass es keinerlei Möglichkeiten gibt, seine Angriffe zu kombinieren: Durch Pausen zwischen den Angriffen können verschiedene Schlag- und Trittkombinationen aktiviert werden.

Sowohl durch ausgeteilten, als auch durch erlittenen Schaden füllt sich eine Angriffs-Leiste, die es euch erlaubt, die Killer Weapon eures jeweiligen Charakteres zu benutzen. Diese erledigt kleinere Gegner in der Kampagne mit einem Schlag und zieht Bossen und anderen Spielern im Multiplayer einen wesentlich größeren Teil ihrer Energie ab, als es normale Schlagkombinationen vermögen.  Dann zerschnetzelt Jack seine Gegner mit einer in seinem Arm eingebauten Kettensäge, der schwarze Baron aktiviert seine mit Feuer umhüllten Phoenix-Handschuhe und diverse Cyborgs packen meterlange Energieschwerter aus. Auch diese Attacken sind jedoch blockbar und man kann ihnen aufgrund ihrer langsamen Geschwindigkeit recht einfach ausweichen. Sie sind deshalb nur in den Händen fähiger Spieler wirklich nützlich.

Dieses Kampfsystem funktioniert sowohl in der Kampagne, als auch in kleineren Mehrspieler-Matches großartig. Habt ihr erst einmal ein, zwei Stunden in das Spiel investiert, die verschiedenen Combos durch verzögertes Drücken einzelner Knöpfe verinnerlicht und euch an das Timing gewöhnt, entsteht ein Kampf-Rhythmus, wie man ihn zuletzt in „God Hand“ erlebt hat.

All das geht jedoch völlig zu Bruch, sobald sich mehr als fünf oder sechs Gegner gleichzeitig beharken. Dann werden die Kämpfe zu einem einzigen, gigantischen Clusterfuck, in dem man vor lauter Killer Weapons, Spezialeffekten und Charakteren die eigene Spielfigur kaum mehr ausmachen, geschweige denn kontrollieren kann.

Deswegen ist es eine verpasste Chance, dass dem Einzelspieler-Modus nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Zu Anfang wählt ihr aus, ob ihr mit Jack oder Leo in den Kampf ziehen wollt. Beide Charaktere haben eine komplett eigene Geschichte, eigene Zwischensequenzen und Missionen. Um das letzte Level freizuschalten, müsst ihr jedoch die Kampagne beider Figuren durchgespielt haben.

In beiden Kampagnen werden euch vier Level präsentiert, die in Form einer großen, frei begehbaren Map daherkommen. Auf diesen Maps laufen überall Gegner herum, für jeden erledigten Feind gibt es Punkte. Jedes Level kommt (mit Ausnahme der letzten Map) mit drei Haupt- und Nebenmissionen daher. Um im Spiel voranzukommen müsst ihr möglichst viele Punkte sammeln, um dadurch die nächste Haupt- oder Nebenmission freizuschalten.

Die Nebenmissionen sind dabei nur dazu da, um in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Punkte zu sammeln, ohne in irgendeiner Art und Weise in die Geschichte eingebunden zu sein. Dann reitet ihr etwa einen meterhohen Mutanten durch die Gegend, um einen ebenso riesigen Cthulu-Roboter zu töten, bestreitet mit einem mit Flammenwerfern ausgerüsteten Fahrzeug  ein Checkpoint-Rennen oder müsst schlicht eine bestimmte Anzahl von Gegnern erledigen.

Habt ihr das Kampfsystem erst einmal verinnerlicht, werdet ihr in diesen Missionen ohne große Probleme Gold- und Platin-Medaillen einsacken und dadurch gleich eine Menge Punkte zu bekommen – dadurch wiederum schaltet sich unmittelbar danach die nächste Mission frei. Gerade zu Beginn des Spiels ist es jedoch viel zu oft nötig, eine Mission zwei Mal zu beenden oder auf der Map hin- und herzulaufen, um die benötigte Anzahl an Punkten zu erlangen.

„Anarchy Reigns“ hat zwar eine Story, worum es bei eben jener überhaupt geht, kann ich euch aber beim besten Willen nicht sagen. Während sich Jack mit einem zwei Meter großen Stier-Cyborg-Roboter mit Raketen unter den Füßen prügelt und Leo eine hunderte Meter lange Krake an Bord eines Flugzeugträgers in ihre Einzelteile zerlegt, ist irgendwo ein verräterischer Cyborg-Polizist unterwegs, den beide Protagonisten unbedingt fangen wollen. Währenddessen stellen sich euch alle fünf Meter wahnsinnige Schweine-Schrotthändler und Transformer-Mechs in den Weg, lassen einen kurzen Monolog vom Stapel und sind dann auch schon wieder verschwunden, nur um dann einige Stunden später an eurer Seite wieder aufzutauchen. Das alles wird garniert von Japano-Schmalz wie der getöteten Tochter von Jack und bösen Regierungs-Russen. Ich habe keine Ahnung, was mir die Mannen von Platinum Games da sechs Stunden lang präsentiert haben, der fehlende Sinn wird mit reichlich Charme jedoch wieder wettgemacht.

Fazit:

Auch wenn die Mehrspieler-Matches durchaus Spaß machen, hätte ich mir gewünscht, dass „Anarchy Reigns“ eine vollwertige Kampagne nach dem Vorbild von „Bayonetta“ oder „Mad World“ bieten würde. Dieses Universum ist so verrückt, dass ich gerne mehr Zeit darin verbracht hätte. Egal ob in der Kampagne oder im Multiplayer, das Spiel ist nichts für Einsteiger und fordert reichlich Einarbeitungszeit, bis man das richtige Schlagen/Blocken/Ausweichen-Timing drauf hat.

Dann jedoch entstehen vom großartigen Synthesizer-Hip-Hop-Soundtrack vorangetriebene, verdammt spektakuläre Kämpfe, wie man sie von Platinum Games gewohnt ist. Insbesondere, weil das Spiel hierzulande zum Budget-Preis von 28 Euro erscheint, müssen Platinum-Fans nicht zwei Mal darüber nachdenken, bevor sie erneut mit Jack, Bayonetta und Co. in den Kampf ziehen. Wem jedoch „Bayonetta“ und „Mad World“ bereits zu abgefahren war, der sollte um „Anarchy Reigns“ besser einen großen Bogen machen.

Wertung: 78%

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