Another Earth: Kinokritik - Science Fiction lebt!

Tobias Heidemann
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Du denkst bei dem Wort "Science Fiction" sofort an "Transformers" oder "World Invasion: Battle Los Angeles"? Dann wird es dir "Another Earth" nicht gerade leicht machen. Als Gewinner des diesjährigen Sundance Film Festivals lockt das Debut von Mike Cahill eher mit großen Gefühlen als mit einem großen Budget. Es gibt jedoch gute Gründe, warum selbst Freunde bildschirmfüllender Explosionen sich in diesen Film verlaufen sollten.

Another Earth: Kinokritik - Science Fiction lebt!

Der erste – und wie ich finde wichtigste Grund – lautet Brit Marling. Was für eine Frau! In den amerikanischen Medien wird ja gerne mal mit Superlativen um sich geworfen und auch die 27-jährige Marling wurde dort bereits mit Vorschusslorbeeren förmlich begraben. Als “die neue Meryl Streep” wird das Nachwuchstalent von unseren amerikanischen Filmfreunden gehandelt – eine Ehrung, die bisher nur sehr wenigen Schauspielerinnen zu Teil wurde.

Wir dürfen den Amis in diesem Fall ohne wenn und aber beipflichten. Brit Marling spielt die Rolle der Rohda Williams so umwerfend gut, so faszinierend und vielschichtig, dass sie den Rest der Nachwuchszunft gnadenlos auf die Ränge verweist. Marling trägt “Another Earth” ganz allein und es macht einen Heidenspaß, ihr dabei zuzusehen.

Doch “Another Earth” hat noch sehr viel mehr zu bieten als die Entdeckung der Brit Marling. Der Film weiß aus einer minimalistischen Prämisse eine maximale Wirkung zu entfalten. Wie “Moon” oder “Monsters” zuvor braucht auch “Another Earth” nicht mehr als eine interessante Ausgangsidee, um seine Zuschauer zu fesseln. Was wäre, wenn am Himmel plötzlich eine zweite Erde auftauchen würde, auf der eine zweite Version von dir lebt? Wie wäre es, wenn man sich selbst treffen würde? Was würdest du zu dir sagen?

Mit diesen Fragen zieht uns “Another Earth” gleich zu Beginn in einen hoch spekulativen Kosmos, in dem das Undenkbare zur Selbstverständlichkeit geworden wird. Warum die Drehbuchautoren die Erde Nummer zwei am Firmament erscheinen lassen und warum wir immer wieder TV-Bilder vom Versuch der Kontaktaufnahme mit dem planetaren Doppelgänger gezeigt bekommen, daraus macht “Another Earth” ein großes Rätsel, das sich erst sehr spät lösen lässt.


Im Zentrum des Films steht nämlich eine ganz andere Geschichte. Die beginnt mit einem schrecklichen Unfall. Es ist die Nacht, in der die zweite Erde zum ersten Mal am Himmel erscheint. Die junge Rohda rast nach einer Party vollkommen betrunken in eine Kleinfamilie. Nur Familienvater John (William Mapother – bekannt aus “Lost”) und Rhoda selbst überleben den Unfall. Rhoda wandert für vier Jahre in den Knast und John wird zum verwahrlosten Einsiedler.

Die Wege der beiden kreuzen sich erneut, als Rhoda ihre Strafe abgesessen hat und nach einem gescheiterten Selbstmordversuch plötzlich vor Johns Tür steht. Was folgt, ist ein sehr intimes Portrait einer zweiten Chance. Wir begleiten Rhoda und John bei ihrem unverhofften Neuanfang, der jederzeit zu zerbrechen droht.

Fazit
“Another Earth” ist mutiges amerikanisches Independent-Kino. Intensiv, hautnah und mit viel Raum für eigene Gedanken erzählt der Film eine alte Geschichte von Schuld und Vergebung unter neuen Vorzeichen. Das Debut von Mike Cahill ist nach “Moon” und “Monsters” ein weiterer Beleg für die derzeitige Wiederentdeckung des klassischen Science-Fiction-Kinos durch neue, unvoreingenommene Filmemacher. Wo sonst kann man die wichtigsten Fragen menschlicher Existenz als Kammerspiel behandeln und gleichzeitig das ganze Universum auf den Kopf stellen. Da man mit Brit Marling obendrein auch noch eine der vielversprechendsten Schauspielerinnen der letzten Jahre gewinnen konnte, bekommt “Another Earth” von uns den Stempel: “Auch ohne Aliens klasse”.

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