Google TV vs Apple TV: Wer erobert den Milliardenmarkt?

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Google TV
Porsche verkauft Brillen, Camel macht auf Schuhverkäufer: Schon immer haben starke Marken ihren Namen gegeben, um Produkte an Mann und Frau zu bringen, von denen sie eigentlich keine Ahnung haben. Jetzt will der mächtige Google Konzern ins Fernsehgeschäft einsteigen. Google TV nennt sich das Projekt, das Fernsehen und Internet verbinden soll.

Daran haben sich schon einige die Zähne ausgebissen. Doch für die neue Idee gibt Google weit mehr als seinen Namen. Der Eindruck nämlich täuscht: Fernsehen berührt die Kernkompetenz des Unternehmens – die Werbung.

Diese Nachricht sollte das Highlight der Entwicklerkonferenz Google I/O werden: Google steigt ins Fernsehgeschäft ein! Ein Milliardengeschäft, wie jeder weiß. Und immer, wenn Google versucht, sich ein neues Geschäftsfeld zu erschließen, fangen jene an zu zittern, die sich bereits dort tummeln.

Ob Textverarbeitung, E-Mail Dienste, Handys: Wenn Google einen neuen Markt erobern möchte, macht das Unternehmen dies meist mit Pauken und Trompeten. Dann werden Superlative ausgepackt, gerne wird auch die Revolution verkündet. Man kennt das – von Apple

Google TV soll eine solche Revolution werden. Doch den Start hat das Unternehmen einigermaßen verpatzt. Eigentlich soll man die neue Technik bequem vom Sofa aus bedienen können. Dafür benötigt man ein kabelloses Gerät, zum Beispiel ein Handy mit dem Google-Betriebssystem Android Das aber ließ sich am Donnerstag Abend, bei der Präsentation in San Francisco, zunächst nicht mit der dafür benötigten Computer-Box verbinden, die wiederum am Fernseher angeschlossen ist. Es läge wohl an den vielen WLAN-Smartphones im Raum, spekulierte Google-Projektleiter Rishi Chandra verlegen.

Fernsehen muss einfach sein

Man sollte einem Vorführeffekt in der Regel keine größere Bedeutung beimessen. Doch in diesem Fall bringt er einen Erkenntnisgewinn. Er weist nämlich den Grund, warum Internet und Fernsehen bisher nicht zusammen gehen wollen.

Fernsehen funktioniert wie das Radio. Alles, was man tun muss, ist einen Knopf drücken – und schon kann die Entspannung beginnen. So funktioniert Technik, die begeistert: simpel, vertraut, zuverlässig.

Das Internet und sein Vermittler, der Computer, sind das genaue Gegenteil: chaotisch, morgen schon von gestern, stetig ausfallgefährdet. Deswegen ist der Computer für viele noch immer mehr Arbeits- als Freizeitgerät. Sie benutzen ihn, weil sie müssen, nicht, weil sie wollen. Der Computer ist ihnen kein Freund. Weil man sich auf Freunde verlassen können muss.

Warum also sollte man so jemanden dorthin lassen, wo die Entspannung seinen Platz hat, ins eigene Wohnzimmer? TiVo, Boxee, Roku and Vudu – sie alle versuchen das Internet auf den Fernseher holen. Mit überschaubarem Erfolg. Daneben werden Fernsehgeräte immer häufiger mit integriertem Internetzugang ausgeliefert. Ein Viertel aller verkauften Fernsehgeräte sollen diese Möglichkeit bereits bieten.

Apple TV ist ein Dinosaurier

Auch Apple hätte gerne ein Stück von diesem Kuchen ab. Mit Apple TV kann man zeitversetzt fern sehen oder Youtube Videos anschauen. Aber Apple TV wird im Vergleich zu anderen Geschäftszweigen des Unternehmens stiefmütterlich behandelt: Zu wenig Neuerungen, zu wenig Fortschritt. Apple TV ist im Computerzeitalter ein Dinosaurier; Apple TV, so heißt es oft, sei Steve Jobs Hobby, mehr nicht.

Bereits mit dem mobilem Betriebssystem Android ist Google dem Konkurrenten Apple mächtig auf den Fersen. Vermutlich schon während der kommenden Monate wird es auf mehr Handys zu finden sein als das Apple-Betriebssystem OS. Fällt Apple bald auch im Fernsehgeschäft hinter Google zurück?

Zunächst: Nichts davon was Google auf der Entwicklerkonferenz angekündigt hat, ist technisch bahnbrechend. So wie die meisten bisherigen Hersteller wird Google eine so genannte Setup-Box anbieten, die man mit dem Fernseher verbinden muss. Alternativ dazu hat man mit Sony einen Fernseher entwickelt, der die entsprechende Technik bereits verbaut hat.

Beide Varianten gibt es bereits – beide mit überschaubarem Erfolg. Elektronikhersteller wie LG, Panasonic und Samsung haben jüngst HD-Fernseher mit integriertem Netzzugang in die Läden gebracht. Die kaufentscheidende Frage, warum man solche Geräte zwingend haben muss, lassen sie unbeantwortet. Ob sich das in Zukunft ändern wird, hängt von der Frage ab, wie man das Internet mit dem Fernseher so geschickt verbinden kann, dass der Mehrwert groß und nachhaltig ist.

Folgende drei Punkte könnten den Ausschlag darüber geben, ob Google TV ein Erfolg wird.

  1. Der Fernseher muss Fernseher bleiben.

    TV und Internet sind beim Fernseher keine gleichberechtigten Partner. Der Fernseher dient der Entspannung, der Zuschauer ist passiv. Um das Internet dort zu integrieren, muss es Zulieferer bleiben. Indem es zum Beispiel On-Demand-Filme anbietet. Und zwar als umfassendes Angebot. Der Zuschauer muss finden, wonach er sucht, sodass er entscheiden kann, wann er was sehen möchte. Oder, indem das Internet Zusatzinformationen liefert. Die Textnachricht zum Bewegbild beispielsweise, so wie der Teletext damals, nur schöner.

    Ob der Internetkonzern Google verstanden hat, dass er dieses Paradigma akzeptieren muss, sich also dem Fernsehen unterordnen muss?

  2. Von der Integration des Internets in das Fernsehgerät darf der Zuschauer kaum was merken.

    Wer ist bereit, mehr Geld dafür auszugeben, wenn dadurch das Leben komplizierter wird? Genau das geschieht durch den Kauf eines internetfähigen Fernsehers zunächst, die erste Hürde ist also groß. Google allerdings könnte das Zeug haben, eine einfach zu bedienende Technik anzubieten. Mit dem Betriebssystem Android und dem Browser Chrome werden bei Google TV nämlich zwei Techniken zum Einsatz kommen, die sich bereits bewährt haben. Außerdem arbeitet das Unternehmen mit kompetenten Partnern zusammen: Den Fernseher baut Sony, der Chip kommt von Intel und die Fernbedienung von Logitech

    Auf der anderen Seite: Welche bahnbrechende Erfindung gibt es in der Technikgeschichte, die gleichberechtigt von Platzhirschen ihrer jeweiligen Branche entwickelt wurde? Die Strukturen in den Unternehmen sind unterschiedlich, die Interessen vielfältig. Da verliert man gerne die Wünsche der Kunden aus den Augen.

  3. Die Integration des Internets in den Fernseher braucht neue Erlösquellen.

    Damit es genug Anbieter für Zusatzinhalte auf dem Fernseher gibt, müssen sich solche Angebote rechnen. Hier liegen die größten Chancen für Google TV. Denn Google ist Werbe-Experte. Kaum einer weiß besser, wie und welche Werbung man wo platzieren muss, damit sie die gewünschte Wirkung erzielt. Google will an den Milliarden-Werbeumsätzen des Fernsehmarktes teilhaben. Es ist davon auszugehen, dass dies Google gelingen wird.

Wird Google TV also ein Erfolg? Googles Kalkül jedenfalls ist klar: Das neue, lukrative Geschäftsfeld soll mit starken Partnern erobert werden. Das ist so ziemlich das genaue Gegenteil zu Apples „Wir machen alles selbst“-Strategie. Wenn Apple mit Google mithalten will, muss Steve Jobs mindestens eines tun: Aus seinem Hobby wieder einen Beruf machen.

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