Patent-Ängste: Kleine Entwickler flüchten vor den Trollen

Flavio Trillo
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Die jüngsten Patent-Schlachten zwischen Apple und dem gefühlten Rest der Welt haben nicht nur Auswirkungen auf die Brieftaschen der Anwalts-Armadas. Auch kleine, unabhängige Entwickler fühlen das Damoklesschwert, das Patent-Troll Lodsys über ihre Köpfe hält – was einige bereits zum Rückzug bewegt.

Vor einigen Wochen begann die Firma Lodsys damit, verschiedenen Entwicklern Abmahnungen zu schicken. Innerhalb einer gesetzten Frist müssen sich die Betroffenen entscheiden: Entweder sie unterzeichnen eine Lizenzvereinbarung, die Lodsys Gebühren in Höhe von 0,575 Prozent der Einnahmen zuspricht, oder sie wehren sich gegen die Abmahnungen.

Diverse Entwickler baten daraufhin Google oder Apple über Twitter um Unterstützung im Streit mit dem Patent-Troll Lodsys. Andere verkündeten, dass sie ihre Programme aus dem US-App Store entfernen, um den drohenden Prozessen zu entgehen. Bislang ist weder Apple noch Google den Bitten der Entwickler nachgekommen. Es wird vermutet, das die Lizenzvereinbarungen, die sie selbst mit dem Rechtsvorgänger von Lodsys unterzeichneten, sie daran hindern.

Häufig werden in solchen Verträgen Klauseln verwendet, die es den Lizenznehmern verbieten, gegen die lizenzierten Patente vorzugehen. Ansonsten verlieren sie ihre Rechte, was die beiden Unternehmen vermeiden wollen. Es sieht also so aus, als wären iOS- und Android-Entwickler aufs ich allein gestellt, wenn es gegen den Troll-Giganten Lodsys geht.

Wie die britische Zeitung The Guardian berichtet, ist es vielen iOS-Programmierern schon jetzt zu risikoreich, den US-Markt weiter zu beliefern. “In den USA Software zu verkaufen hat schon jetzt die Grenze der Nicht-Rentabilität überschritten”, schreibt Shaun Austin via Twitter. Schließlich folgen dem Beispiel von Lodsys bereits weitere Rechteinhaber, so etwa die Firma Kootol aus Indien.

Das Unternehmen verfügt angeblich über Patentanmeldungen in den USA für “Echtzeit-Nachrichten-Streams” und Nachrichtenfunktionen, wie sie zum Beispiel von Twitter und Facebook verwendet werden. Diese Anmeldung ist allerdings laut Experte Florian Müller nicht mehr zu stoppen und wird zu einem vollwertigen Patent erstarken.

Laut Pressemitteilung von Kootol befinden sich neben Facebook und Twitter eine Reihe weiterer großer und kleiner Entwickler und IT-Firmen unter den Adressaten seiner Schreiben. Auch Iconfactory, die im App Store unter anderem mit dem Spiel Frenzic* vertreten sind, gehören dazu.

Craig Hockenberry, langjähriges Mitglied der Iconfactory beschreibt in seinem privaten Blog, wie sehr er die Entwicklung am Software-Markt bedauert. “Unsere Erfahrung zeigt, dass die gesamten Einnahmen eines Produktes von den Kosten für Patentstreitigkeiten aufgefressen werden können”, schreibt er. Wenn man sein gesamtes Herz, viel Zeit und Schweiß in ein Programm gesteckt habe, könne man davon noch nicht einmal leben.

Doch ist Rückzug der richtige Weg? Sollte man dem Troll nicht bestimmt entgegentreten und sich aus Prinzip wehren? Nein, mein Florian Müller. Entgegen den Ratschlägen vieler Anwälte, die ein gutes Geschäft riechen mögen, sieht er insbesondere für kleine, unabhängige Entwickler nur einen vernünftigen Ausweg: Das Lizenzabkommen unterschreiben.

Alles andere wäre finanziell äußerst riskant und könnte mit dem persönlichen finanziellen Ruin enden – ohne dass man damit irgendetwas gewonnen hätte, weder materiell noch spirituell. Der gezielte Einsatz eines Anwaltes, dessen Kosten möglicherweise zwischen mehreren Betroffenen geteilt werden, solle die Qualität der Vereinbarung bewerten helfen. Nur so könne man die Angelegenheit zu einem einigermaßen glimpflichen Ende führen. “Schneidet Euch nicht die Nase ab um das Gesicht zu wahren”, warnt Müller wiederholt.

Ein guter Rat, doch trägt diese Aussicht womöglich zu noch stärkerer Abwanderung der Software-Schöpfer aus dem US-amerikanischen Markt bei. Auch Simon Maddox* macht sich aus dem Staub und seinem Ärger über Lodsys über Twitter Luft: “Screw you, Lodsys.”

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