Cybermobbing - Willkommen im digitalen Zeitalter, du Opfer

Tobias Heidemann
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Cybermobbing greift um sich. Diesen Eindruck erweckten in jüngster Zeit zahlreiche Medienberichte. Demnach überschreiten Jugendliche im Netz immer häufiger die Grenze einer harmloser Lästereien und bewegen sich mit Verleumdungen, Drohungen und übler Nachrede im Bereich einer Straftat. Auch die Zahl der Lehrer, die zum Ziel der digitalen Attacken werden, steigt offenbar beständig. Wie schlimm ist es wirklich? Ist das Phänomen Cybermobbing ein Problem des Internets? Warum wird überhaupt gemobbt und was können Betroffene unternehmen? Diese und andere Fragen wollen wir mit euch und einem Hamburger Lehrer diskutieren.

Cybermobbing - Willkommen im digitalen Zeitalter, du Opfer

Eigentlich sollen sie ein Ort des sozialen Austausches und der Kontaktpflege sein. In Netzwerken wie Facebook, Schüler- oder Studie-VZ geht es in erster Linie um Freundschaften. Man lernt neue Leute kennen und hat die Möglichkeit, sich anderen über das erstellte Profil mitzuteilen. Für immer mehr Jugendliche wird das Netz jedoch zur Hölle.

Ein lästernder Kommentar unter einem eingestellten Bild, ein übles Schimpfwort im Chat oder das Verbreiten eines falschen Gerüchts – die Definitionsgrenzen des Cybermobbings zu ziehen, scheint nicht einfach. Wer aber schon einmal zum Ziel einer solchen Online-Beleidigung wurde, dem fällt die Definition plötzlich gar nicht mehr so schwer: Cybermobbing beginnt dort, wo es anfängt weh zu tun.


Eine zerbrochene Freundschaft oder ein fieser Spitzname gehören dabei zu den eher harmlosen Folgen des Cybermobbings. Die bisher veröffentlichten Studien zum Thema Cybermobbing kommen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. In Bezug auf die direkten Konsequenzen der Online-Diffamierungen herrscht allerdings erstaunliche Einigkeit unter den Wissenschaftlern: schwere Schlafstörungen, schlechtere Noten, Angstzustände, lange Krankheit, Einsamkeit und totale Verzweiflung – die befragten Opfer des Cybermobbings klagen stets über die gleichen Symptome und Probleme.

Doch wovon reden wir hier überhaupt? Wie verbreitet sind die Online-Angriffe auf die Persönlichkeit und wer ist davon betroffen? Das Zentrum für empirische pädagogische Forschung der Universität Koblenz-Landau hat 2000 Schüler der ersten bis 13. Klasse befragt und kam zu dem Ergebnis, dass 40,5 % der Befragten das Phänomen kennen. 16, 5% wurden selber bereits einmal zum Ziel des digitalen Bashings. Auch die Uni Münster untersuchte das Problem und ermittelte unlängst, dass 36% der Jugendlichen als Opfer von Cybermobbing betroffen sind. 21 % der Befragten könnten sich sogar vorstellen, selbst zu Online mobben.

Immer schön nach unten treten

Eine Randerscheinung des digitalen Zeitalters ist Cybermobbing also schon mal nicht. Auch die Hintergründe des Phänomens wurden bereits mehrfach untersucht und brachten sehr interessante Aspekte ans Tageslicht. Eine Pilotstudie der Universität Hohenheim fand heraus, dass es vor allem die besonders beliebten und gut integrierten Schüler sind, die in den Chatrooms, Instant Messengern und sozialen Netzwerken ihren Aggressionen freien Lauf lassen.

Demnach sind es nicht die Klassen-Außenseiter, die sich im Schutze der Anonymität den Frust der täglichen Disserei von der Seele schreiben – es sind vor allem die populären Schüler. Wer hingegen offline auf dem Schulhof oder während des Unterrichts einstecken muss, der bezieht auch online weiter Dresche; in 80% der Fälle von jemanden, den sie persönlich kennen. Cyber-Bullys treten gerne von oben nach unten.

Doch ganz so einfach lässt es sich dann doch nicht konstruieren, das Bild vom bösen Aggro-User. Der Internetforscher Urs Gasser will herausgefunden haben, dass überdurchschnittlich viele Mobber selbst zum Ziel einer Diffamierung wurden, bevor sie damit begannen, andere im Netz zu verletzen. Cybermobbing als Reaktion auf Cybermobbing? Ein Teufelskreis also?

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