Hallo Doppelmoral: Microsoft und der Datenschutz in Zeiten von PRISM [Kommentar]

Frank Ritter 5

Im Zuge der Enthüllungen um das Überwachungsprogramm PRISM des US-amerikanischen Geheimdienstes NSA wurde gestern bekannt, dass Microsoft umfangreich kooperiert hat, um der NSA Zugriff auf private Korrespondenzen per E-Mail, Chat oder Videoanruf zu gewähren. Das ist nicht nur unmoralisch, sondern wirft auch ein ganz neues Licht auf die Datenschutz-Kampagne, mit der Redmont noch vor wenigen Monaten die Konkurrenz von Google zu diskreditieren versucht hat.

Die Daten, die die NSA von Microsoft anfordern konnte und bei denen Microsoft, laut Informationen des britischen Guardian, an der Umgehung von Verschlüsselungs-Technologie mitgearbeitet hat, umfassen E-Mail-Kommunikationen aus Microsofts Outlook.com-Dienst (früher Hotmail), Messenger-Kommunikationen, Daten vom Cloud-Speicher SkyDrive sowie Video-Chats mit Skype. „Wir haben nur Daten herausgegeben, die man von uns verlangt hat und zu deren Herausgabe wir verpflichtet waren“, – das ist das Credo von Microsoft, mit der man sich gegen die nun aufkeimenden Vorwürfe verteidigt.

Ob es tatsächlich stimmt, dass Microsoft Daten und aufgezeichnete Kommunikationen nur selektiv mithilfe des dafür notwendigen Gegenstücks zu einem Durchsuchungsbefehl herausgegeben hat, oder ob der NSA umfangreicher und unkontrollierter Zugriff auf alle Daten und Unterhaltungen gewährt wurde, ist zum jetzigen Zeitpunkt freilich nicht überprüfbar.

Angesichts der jüngsten Enthüllungen im PRISM-Skandal ist zumindest das letztere Szenario des unkontrollierten Zugriffs auf persönliche Kommunikation aller Nutzer der Microsoft-Dienste aber durchaus denkbar. Denn wenn die NSA einen Terrorismusverdacht gegen Einzelpersonen hegt – wie auch immer dieser definiert sein mag – wird eine im allgemeinen keiner öffentlichen Kontrolle unterliegenden Behörde zum Lesen von E-Mails und Abhören von Skype-Gesprächen wohl kaum auf eine richterliche Anordnung warten.

Mindestens jedoch ist davon auszugehen, dass die NSA Daten auf breiter Front und nicht allzu selektiv angefordert hat. Dafür spricht, dass die NSA Exabyte-weise Daten verarbeiten soll; außerdem standen im Mai des Jahres alleine 875.000 Menschen unter US-Terrorverdacht. Man sollte nicht vergessen dass auch die Korrespondenzen mit Nicht-Terrorverdächtigen ausgewertet und gespeichert werden. Soll heißen: Die Chancen stehen nicht schlecht, dass von nahezu jedem, der diese Zeilen liest, Kommunikationsfragmente auf NSA-Servern liegen.

Es wäre voreilig, allein Microsoft vorzuwerfen, willfährig mit den Behörden kooperiert zu haben, denn bislang ist höchstens im Ansatz bekannt, in welchem Umfang andere Technologiefirmen aus dem Silicon Valley der NSA geholfen haben, etwa Google oder Facebook. Aber eines ist klar: Dieser Spot von vor einem halben Jahr wirkt geradezu naiv im Angesicht der aktuellen Enthüllungen.

Die Doppelmoral springt den Betrachter geradezu an, selbst wenn die Aussage „Wir lesen Ihre Mails nicht, um Anzeigen zu verkaufen“ strenggenommen keine Lüge ist.

So resigniert das klingen mag: Man muss sich wohl damit abfinden, dass private, nicht-verschlüsselte Kommunikation über das Netz nicht wirklich privat ist und ausgewertet wird – maschinell auf jeden Fall, aber häufig genug auch von Menschen. Eine abgesicherte Privatsphäre wird damit wohl dauerhaft keine kredible Werbebotschaft mehr sein — egal ob bei Microsoft oder jedem anderen Technologiekonzern.

Bild: Ausschnitt aus dem Microsoft-Werbespot „Scroogled“

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