Google unter Druck: Ist Android in Wahrheit ein Flop?

Rafael Thiel 46

Na, beim Titel ungläubig reagiert? Ein Betriebssystem, das sogar mehr Nutzer als das alteingesessene Windows zählt, kann doch kein Flop sein. Hat GIGA einen an der Schelle? Das letztere kann ich in einem Open Setting nicht beantworten, wohl aber die Titelfrage. Denn ja, Google hat mit Android ein massives Problem.

Google unter Druck: Ist Android in Wahrheit ein Flop?
Bildquelle: Flickr/victoria white2010 (CC BY 2.0).

Wie viele Einwohner haben Europa, Ozeanien, Nord- und Südamerika zusammen? Kurz nachdenken, im Kopf überschlagen. Okay, die Lösung ist 1,8 Milliarden. Nun denn, von einer großen Zahl zur nächsten: Laut Google gibt es mittlerweile weltweit 2 Milliarden aktive Android-Geräte. Die paar Besitzer mehrerer Geräte berücksichtigt, könnten das über den Daumen gepeilt 1,8 Milliarden individuelle Nutzer sein. Genauso viele Menschen, wie vier Kontinente mit 40 Prozent der Landfläche dieses Planeten bevölkern, nutzen also alle dasselbe Betriebssystem – schon beeindruckend, oder?

Noch beeindruckender wird das dadurch, dass hinter all dem vorrangig ein Unternehmen steckt: Google. Doch natürlich kann Google alleine nicht ein Viertel der Weltbevölkerung erreichen. Die Erfolgsstory Androids beruht auch darauf, dass zahlreiche Partner weltweit an Bord sind und das Betriebssystem auf eigener Hardware vertreiben. Im Grunde war oder ist jedes Unternehmen, das irgendwie mit Technik und Technologien zu tun hat und etwas auf sich hält, in irgendeiner Form mit Android in Berührung. Da gibt es natürlich primäre Partner wie Samsung, Huawei, LG, Sony und viele weitere, die – mal mehr, mal weniger – attraktive Smartphones mit Android für Endverbraucher zusammenbauen, doch auch zahlreiche Zulieferer, die Prozessoren, Displays und andere Bauteile entwickeln und bereitstellen.

Hinter Android steckt also ein gigantisches Konstrukt. So gesehen kurbelt Android, überspitzt formuliert, einen ganzen Industriezweig nahezu im Alleingang an – und ein Ende ist nicht in Sicht, im Gegenteil. Aktuell sind die Augen vor allem gen China und Indien gerichtet, da diese im Gegensatz zu Europa und Nordamerika noch nicht gesättigt sind. Ach, und „gesättigt“ heißt in diesem Fall, dass Android die allgemein hin als Der Westen zusammengefassten Länder bereits mit rund 70 Prozent Marktanteil dominiert – von Schwellenmärkten wie Brasilien ganz zu schweigen. Wie kann da die Rede von einem Flop sein?

Im Grunde steht die Antwort auf diese Frage schon zwischen den Zeilen der obigen Lobeshymne: Android ist nur bei Smartphones erfolgreich. Die Betonung muss hier sogar tatsächlich auf „Smartphones“ liegen, denn „mobile Endgeräte“ wäre falsch – im Bereich Tablets nämlich hat sich Apple mit der iPad-Reihe eine unantastbare Position an der Spitze erobert.

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Android-Versionen: Das Google-Betriebssystem.

Android läuft auch auf Tablets, aber …

Natürlich gibt es auch Android-Tablets. Nahezu jeder Hersteller, der Smartphones mit Android baut, hat zu einem Zeitpunkt in den vergangenen Jahren auch mindestens ein Tablet mit dem OS herausgebracht, in der Hoffnung auf einer ähnlichen Erfolgswelle wie beim iPad mitreiten zu können. Nur leider entpuppte sich die erhoffte Erfolgswelle höchstens als seichte Strömung, die sich rasch an der Küste verirrte. Neben Apple baut aktuell nur noch Samsung High-End-Tablets (Windows-Tablets lassen wir außen vor).

Diese laufen zwar mit Android, erzielen aber auch keine nennenswerten Verkaufszahlen. Die Südkoreaner können sich das leisten, andere Android-Partner haben sich entweder komplett aus dem Tablet-Sektor zurückgezogen oder lancieren nur noch preiswerte Einsteigermodelle – die einzige Preisklasse, in der kein iPad-Ableger wildert. Allerdings sind die Gewinnmargen dabei auch kaum der Rede wert.

Der Erfolg des iPads hängt natürlich damit zusammen, dass Apple schlicht gute Arbeit geleistet hat. Ein Faktor, der dem derzeitigen Tablet-Monopol auch in die Karten gespielt hat, ist, dass Google vielleicht nicht schlechte, aber sehr wohl schlechtere Arbeit geleistet hat. Das Unternehmen aus dem US-amerikanischen Mountain View hat es verpasst, das eigene Betriebssystem an den größeren Bildschirm eines Tablets sinnvoll anzupassen und Entwickler davon zu überzeugen, anständige Tablet-Apps herauszubringen. Stattdessen ruhte man sich auf dem „eine-App-für-alle-Bildschirme“-Ansatz aus. Der machte zwar die Entwicklung leichter, aber den anderen Bedürfnissen und anderen Nutzungsszenarien, die Nutzer an Tablets haben, wurde damit nicht Rechnung getragen. Diese Kritik muss sich Google gefallen lassen, ein ausführlicher Kommentar dazu erschien schon letztes Jahr auf GIGA ANDROID – alle darin aufgeführten Punkte dürften noch heute zutreffen, denn Google hat Android auf Tablets praktisch aufgegeben.

Auf der nächsten Seite: Androids Multiplattform-Problem

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