Tuning-Apps für Android: Was ist möglich?

Martin Malischek

Tuning-Apps für Android versprechen viel: Mehr Speicher, mehr Performance und größere  Akkulaufzeiten. Doch halten sie was sie versprechen? Wir haben mit einem App-Entwickler eben diese Frage geklärt.

Tuning-Apps für Android: Was ist möglich?
Bildquelle: Vector illustration of a concept of high speed internet access. | shutter.

Darken ist bereits seit mehreren Jahren im Bereich Android-Entwicklung tätig, hat selbst die Tuning-App SD Maid in seinem Portfolio, und stand für uns Rede und Antwort. Im ersten Teil sprachen wir bereits über Antivirus-Apps für Android, im zweiten Teil nehmen wir Tuning-Anwendungen für Android unter die Lupe.

Läuft das Android-Gerät ohne Tuning-Apps langsam?

Zunächst gilt es die Frage zum Thema schlechthin zu beantworten: Braucht man Tuning-Apps überhaupt, damit ein Android-Gerät ordentlich läuft? Die Antwort fällt ernüchternd aus: „Grundsätzlich funktioniert ein Android Gerät wunderbar ohne diese Funktionen. Die Frage ist eher, ob man Vorteile aus der Nutzung der Funktionen gewinnt und was man dafür aufgibt.“, so der Entwickler. Das solle aber nicht heißen, dass diese vollkommen überflüssig sind. Denn Systembereinigungsanwendungen, prägnant von den meisten Anbietern als „Tuning-Apps“ deklariert, helfen, Dateien auszusortieren, die das System nicht mehr benötigt.

Darken erklärt: „Das Problem mit den meisten ‚Systemreinigern ist, dass diese aufdringlich sind und falsche Grundsätze vermitteln. Die Funktionen sollten wie ein Werkzeug behandelt werden: Benutzen bei Bedarf, nicht wie lebenswichtige Medizin, die man jeden Tag nehmen muss.“ Viele Apps machen jedoch genau das nicht und üben sogar mehr oder weniger subtilen Druck auf die Nutzer aus. Zum Beispiel mit Benachrichtigungen die eine dringende Notwendigkeit des Handelns suggerieren: „Dein Handy läuft langsam. Mache XY jetzt!“ oder „App XY kann dein Handy stocken lassen!“ wirken fast schon bedrohlich. Und es wird zu noch perfideren Methoden gegriffen: „In der gleichen Trickkiste sind auch noch so Dinge wie den SD-Karten Speicher und den Arbeitsspeicher in einem Wert anzuzeigen weil man dann größere Werte anzeigen kann.“

Welchem Zweck diese Meldungen dienen, beispielsweise dem häufigen Aufruf der jeweiligen Anwendung und so der Generierung von Werbeerlösen, sei an dieser Stelle dahingestellt.

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Android-Versionen: Das Google-Betriebssystem.

Was sollte mit einer Tuning-App überhaupt gelöscht werden, und warum?

Tuning-Apps haben sich das Löschen der Caches zur Hauptaufgabe gemacht – und damit genau genommen auch eine der wenigen alltagsrelevanten. Beim Cache handelt es sich um eine Art Zwischenspeicher, der etwa beim Beenden der App oder Herunterfahren des Geräts erhalten bleibt, nicht wie der Arbeitsspeicher, indem Informationen nur „übergangsweise“ gehalten werden. Deshalb kann es durchaus Sinn ergeben, den Cache zu löschen. Kurz gesagt wird der Zwischenspeicher genutzt, um Daten vorzuhalten, sodass diese nicht erneut generiert oder geladen werden müssen. Das spart Datenvolumen und Leistung.“.

Doch manche Anwendungen sind nicht „perfekt“ entwickelt und nehmen so teilweise große Mengen an Cache-Speicher an, mit dem das Android-Gerät Probleme mit der Cache-Verwaltung kommen und so das Gerät etwas verlangsamt werden kann. Das Leeren des Caches muss nicht täglich passieren, „ab und zu“ könne man das aber machen. Eine vollständige Reinigung ist zwar nicht unbedingt sinnvoll, aber auch nicht schädlich: „Man hat vielleicht mehr gelöscht als nötig, aber  kostet nicht viel Zeit; was eine App im Zwischenspeicher braucht, regeneriert sich wieder.“

Es wäre jedoch falsch zu denken, das Smartphone würde hierdurch allzu sehr beschleunigt: „Der primäre Zweck eines Systemreinigers  ist, unnötige Dateien zu entfernen und Speicher freizuschaufeln.“ Beschleunigt werde das System hierdurch nur, wenn der Speicher, je nach System, unter 15 bis 5 Prozent liegt. Darüberhinaus schaffen sie lediglich Platz für andere Anwendungen, Medien und dergleichen. Das Entfernen fehlerhafter oder unnötige Dateien können jedoch auch beim Lösen von Problemen helfen. Hier sind beispielsweise Fehler beim Betrieb oder der Installation einer Anwendung zu nennen.

Fazit: „Sinnvoll als Werkzeug bei Bedarf, aber nicht als regelmäßiges Ritual.“

Es kann nicht nur einen Cache geben

Sowohl im Recovery-Menü als auch im Android-Betriebssystem kann man den Cache löschen, jedoch handelt es sich um zwei unterschiedliche Dinge: „Die Recovery-Option ‚Cache löschen‘ bezieht sich auf die System-Partition ‚/cache‘. Hier lagen in frühen Android-Versionen temporäre Dateien von App-Installationen aus dem Play Store. Heutzutage sind dort oft Dateien vom Recovery, manchmal der Dalvik-Cache (je nach Android-Distribution), und oft auch Dateien von OTA-Updates. Den App-Cache findet man hier nicht.“ Darken weiter: „Meine App SD Maid kann diese Partition auf einem gerooteten Android-Gerät leeren, lässt hier aber ein paar Dateien aus, falls diese vorhanden sind, bei deren Löschung Probleme auftreten könnten. Dies ist häufig bei Custom-Roms und Kerneln der Fall. Ohne Root-Rechte kann man diese aber nur über Recovery-Menü löschen.“

Mehr zum Thema: Android und Root

„Der App-Cache liegt offiziell in ‚/data/data/<Paketname der App>/cache/‘ (privater Cache) und auf SD-Karten ‚<SD-Karte>/Android/data/<Paketname der App>/cache/‘ (öffentlicher Cache). Die ‚Cache löschen‘-Funktion in den Android-Einstellungen und in den App-Einstellungen löscht die Inhalte dieser Ordner. Das ist auch das, was fast alle ‚Cache Cleaner‘-Apps machen: die ‚Cache löschen‘-Funktion des Systems aufrufen, mehr nicht. Der Trick, der das ermöglicht hat, funktioniert übrigens seit Android 6.0 nicht mehr.“ Allerdings erwischt man mit der Android-Funktion zum Löschen des Caches nicht immer alle Dateien: „Apps werden von Menschen gemacht, und Menschen machen Fehler. Hier kommen wir dann wieder zu SD Maid: Folgen Entwickler nicht den offiziellen Richtlinien und platzieren Cache-Dateien außerhalb der oben genannten Ordner, macht das Android-System damit gar nichts. Neben den oben genannten ’normalen‘ Orten probiert SD Maid hier verschiedene Mutation wie beispielsweise ‚_cache‘, ‚.cache‘, ‚files/cache‘ usw. durch und hat auch eine Datenbank mit bekannten Apps, die nicht den Regeln folgen.“ Die Systemfunktion für das Löschen des Caches sieht obendrein nicht in Ordner im SD-Karten-Speicher, die nicht den Richtlinien zur Benennung folgen. Die Ordner bleiben auch dann, wenn die App gelöscht wird. Darkens App hingegen sieht dort nach und versucht, entsprechende Ordner ausfindig zu machen, um diese dann zu löschen.

„Klassische Task-Killer, die alle Apps beenden, sind sinnfrei“

Zur Frage, ob Android Task-Killer sinnvoll sind, unterstreicht der Entwickler, was in Enthusiastenkreisen seit Jahren bekannt ist: „Ungenutzter RAM ist verschwendeter RAM.“ Die klassischen Task-Killer, die per Knopfdruck alle Apps beenden, seien sinnfrei. Weiter erklärt Darken im Interview: „Nur weil eine App noch im Arbeitsspeicher ist, heißt das nicht, dass diese auch aktiv Ressourcen verbraucht.“ Der einzige Effekt, den das Entfernen aus dem Arbeitsspeicher habe, seien erhöhte Ladezeiten oder sich selbst neu startende Anwendungen, weil sie auf bestimmte Ereignisse reagieren müssen. Android selbst verfügt über ein sehr gutes Arbeitsspeichermanagement. So werden Anwendungen Prioritäten zugeordnet: Die höchste erhalten die, die gerade geöffnet und damit für den Nutzer sichtbar sind.  Wird eine neue Anwendung geöffnet und benötigt sie mehr Arbeitsspeicher als gerade frei ist, wird die App mit der aktuell niedrigsten Priorität geschlossen. Das Beenden von Anwendungen macht nur Sinn, wenn Apps tatsächlich das System in Mitleidenschaft ziehen – dies sei allerdings nur selten der Fall. Anwendungen, die etwas anderes suggerieren, seien mit Vorsicht zu genießen. Auch Warnungen wie „dein Handy ist zu heiß“ und „Prozessor kühlen“ gehören zu den fragwürdigen Meldungen von Tuning-Apps.

Fazit zu Task-Killern: „Nur in den seltensten Fällen sinnvoll.“

Längere Akkulaufzeiten mit Tuning-Apps? – „Eine 1-Klick-Wunderlösung gibt es nicht“

Die Akkulaufzeit ist tatsächlich nicht so einfach zu beeinflussen, wie manche Apps versprechen. Das einfache Beenden aller Anwendungen ist kontraproduktiv, stattdessen sollte man die größten Stromverbraucher eines Smartphones ausfindig machen. Das sind faktisch die mobile oder WLAN-Internetverbindung, das Display und Bluetooth. Darken erklärt, dass manche Apps zwar letztere Funktionen abschalten, um eine längere Akkulaufzeit herbeizuführen, jedoch sei das Augenwischerei. Denn in dieser Zeit verliert das Smartphone seine Funktionalität und weder Instant Messaging-, noch weitere Benachrichtigungen können durch das Ausschalten der Internetverbindung auf das Gerät gelangen. Möchte man herausfinden, ob bestimmte Anwendungen für einen hohen Akkuverbrauch sorgen, sollte man sich eine Anwendung zum Aufspüren von Wakelocks zulegen oder ab Android 6.0 in der Akku-Sektion der Geräteeinstellungen nachforschen. Mit diesen Optionen kann man Apps ausfindig machen, die das Gerät häufig aus dem Ruhezustand holen und somit aufwecken, um bestimmte Aktionen durchzuführen. Im Normalfall ist dies jedoch auch kein Grund, eine Anwendung ständig mit einem Task-Killer zu beenden. Als alternative Vorgehensweise schlägt Darken vor, den Entwickler der App über das aggressive Verhalten und den damit einhergehendem Akkuverbrauch zu benachrichtigen beziehungsweise nachzufragen, woran das liegt. Im Zweifel solle man die App wechseln, denn alles Andere wäre ein schlechter Kompromiss.

So sorgt das manuelle Beenden über die Systemeinstellungen einer Anwendung dafür, dass keine Benachrichtigungen mehr ausgespielt werden und man so einen schlechten Kompromiss eingehe. Zumindest mit dem in den Systemeinstellungen angebotenen „Beenden erzwingen“ kann man sicherstellen, dass die App sich nicht selbsttätig neustartet. Den Vorgang automatisieren kann man beispielsweise mit der App Greenify, die eben auf die oben benannte „Beenden erzwingen“-Funktion zurückgreift. Ohne Root-Rechte wird einfach automatisch dieser Vorgang für alle angehakten Anwendungen durchgeführt.

Echtes Tuning für Android-Geräte

Natürlich haben wir auch nachgefragt, was denn nun getan werden muss, um das Smartphone „sauber“ zu halten. Die Antwort fällt ernüchternd aus, impliziert aber glücklicherweise auch, dass es nicht so kompliziert ist wie uns manche App weißmachen möchte: „Nicht jeden Schrott installieren! Vor allem vorsichtig sein bei Apps aus unbekannten Quellen.“ Nutzer hätten mehr Einsicht in ihr System und könnten mit Tools wie SD Maid besser Probleme selbst lösen. Nutzern ohne Root hilft manchmal nur das Zurücksetzen des Geräts. Hat eine Tuning-App viele positive Bewertungen, muss das nicht zwangsläufig ein Indiz dafür sein, dass diese nützlich ist und nur sinnvolle Features bereitstellt. Suggerieren doch viele Anwendungen, dass sie unbedingt jeden Tag ausgeführt werden sollten und bereits heute wieder Unmengen von Speicherplatz freigegeben und den Prozessor gekühlt haben. Oft genug ist bei solchen Apps der Placebo-Effekt stark genug, um gute Bewertungen zu evozieren – oder die App selbst empfiehlt dem User ständig, dass er doch bitte bewerten solle.

Zu Darken und SD Maid

SDMaid im Video: Funktionen im Überblick.

Matthias „Darken“ Urhahn betreibt selbst eine Systembereinigungs-App für Android, die jedoch keine falschen Versprechungen macht, sondern nüchtern zeigt, was möglich ist. Aus diesem Grund zogen wir den Entwickler zu einem Interview heran und bieten ihm im Gegenzug für seine Fachexpertise an, etwas über seine App zu sprechen.

Welche Vorzüge bietet SD Maid?

„Ich würde SD Maid nicht ‚Tuning-Tool‘ nennen. ‚Tuning-Tool‘ hört sich immer an als hätte das Handy danach 5 PS mehr, aber solche Wunder-Apps gibt es nicht.
SD Maid ist ein Werkzeug das dir beim Verwalten von Apps und Dateien hilft. SD Maid wird dir nicht sagen, dass dein Handy zu langsam läuft und dass du jetzt reinigen musst oder sonst irgendwie versuchen dich psychologisch zu beeinflussen beziehungsweise sich selbst nützlich reden. Du bekommst Ergebnisse angezeigt. Was du damit machst, bleibt dir überlassen.“ Wenn beispielsweise etwas nicht gelöscht werden kann, werde das auch klar so angezeigt. Andere Apps machen das nicht, um für den Nutzer eine „erfolgreiche“ Reinigung präsentieren zu können.

Die Ehrlichkeit stellt der Entwickler auch über die Bedürfnisse der Nutzer: „Manche Apps sind ganz okay, zwar nicht so gründlich wie SD Maid, aber sehr einfach zu bedienen und recht hübsch. Das gute Bild wird dann aber oft wieder dadurch getrübt, dass  sie sinnlose Funktionen einbauen. Warum ist klar: die Nutzer wollen das. Aber nicht alles was der Nutzer will, ist auch gut. Dann gibt es noch andere Apps, die können gründlich sein, hinterlassen aber einen ziemlich schlechten Nachgeschmack durch zwielichtiges Verhalten. Das sind Dinge wie Meldungen, die den Nutzer unter Druck setzen. Behauptungen, dass eine App das Handy verlangsamen würde oder bestimmte Apps ‚unsicher‘ sind obwohl das gar nichts mit der Realität zu tun hat.“

Zu den Kernfunktionen von SD Maid gehört die möglichst gründliche Bereinigung des Caches, die App-Kontrolle, mit der mit Root-Rechten auch System-Apps gelöscht sowie eingefroren werden können und das Löschen von App-Resten, die bei der Installation auf dem Gerät bestehen bleiben. Auf der Übersichtsseite kann man alle diese Funktionen schnell und einfach in einem Durchgang ausführen. Der Basisversion ist kostenlos, wer den Entwickler unterstützen oder zusätzliche Funktionen nutzen möchte, zahlt für den SD Maid Unlocker derzeit 2,38 Euro.

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