Apple Karten mausert sich

Sebastian Trepesch 3

Die Verbesserungen kommen schleichend: Apple arbeitet stetig an der Karten-App von iOS. Die Anwendung ist mittlerweile gut, finden die Nutzer. Was steckt dahinter?

Apple Karten mausert sich

Es war ein desaströser Start, als Apple mit iOS 6 einen eigenen Dienst präsentierte und Google Maps als Standard-Karten aus dem Betriebssystem warf. Sowohl inhaltlich als auch funktional konnte der Ersatz nicht im Geringsten mit der Konkurrenz mithalten.

Diese Zeiten sind vorbei. An den Kartendaten arbeitet Apple tagtäglich, die Funktionen sind stetig gestiegen. In unserer Umfrage zu iOS 10 sehen über 72 Prozent unserer Leser Apple Karten als sehr gut oder zumindest brauchbar an, nur gut 6 Prozent halten sie für unbrauchbar. (Der Rest nutzt sie nicht).

An der Umfrage kann weiterhin teilgenommen werden:

Vor eineinhalb Jahren konnte Apple bereits vermelden, dass der eigene Kartendienst auf dem iPhone dreimal so oft benutzt werde wie die anderen Dienste. Die starke Integration ins System wird dazu natürlich ihren Beitrag geleistet haben.

Darum ist Apple Karten deutlich besser geworden

Keine Frage, ein Kartendienst ist ein Großprojekt für sich. Für die Datenintegration setzt Apple einerseits auf zahlreiche andere Unternehmen und Dienste, zum Beispiel TomTom, Yelp, Tripadvisor, Flickr und – seit kurzem – Das Örtliche. Manche Dienstleister hat Apple übernommen, Beispiele: HopStop und Embark. Andererseits arbeitet der Konzern intensiv an den Daten, in der ganzen Welt. Auch in Deutschland kümmert sich ein Apple-Büro um die Arbeit am Dienst, in Berlin. Nutzer können direkt aus der App heraus Fehler melden, der Button „Problem melden“ wird nach dem Tipp auf das Info-I angezeigt. Verbesserungen werden nicht nur mit iOS-Updates veröffentlicht, bei diesen geht es vor allem um funktionelle Erweiterungen. Die Daten und Dienstleistungen werden schrittweise ausgerollt, nicht bei allen Nutzern gleichzeitig. So hat sich mit Start von iOS 10, aber auch im Nachgang sowie in den letzten Wochen wieder etwas getan.

Öffentlicher Nahverkehr: Kooperationen und Handarbeit

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Apple ist dabei, den öffentlichen Nahverkehr für große Städte zu integrieren. In Deutschland kommt man in Berlin mit Apple Karten vorwärts, vor ein paar Tagen kam mit Paris eine neue europäische Stadt hinzu. Eine derartige Integration ist nicht mit einem Akt erledigt – ständig muss Apple die Daten aktualisieren, um Baustellen, Ausfälle etc. einzupflegen. Der iPhone-Hersteller arbeitet mit über 500 Verkehrsbetrieben zusammen, bekommt aktuelle Änderungen zum Beispiel von den Berliner Verkehrsbetrieben.

Wo sind die Eingänge, nach welchem Schild muss man an der jeweiligen Station suchen? Apple hat, so erfuhr GIGA aus erster Hand, Fußvolk losgeschickt, das die über 90.000 Eintragungen weltweit vorgenommen hat. So führt die Navigation zur Bahn direkt in den Bahnhof und nicht auf die falsche Seite.

Da kann man sich mittlerweile durchaus trauen, die Route für den ÖPNV direkt in der Karten-App herauszusuchen.

Flyover: 3D-Ansichten, die fast schon StreetView ersetzen

Apple Karten 2017: Berlin 3D.

Eine Straßenansicht à la StreetView bietet Apple nicht, aber eine 3D-Satellitenansicht. Die Auflösung ist nun aber so hoch, dass man durchaus schon Ladenzeilen erkennen kann – zumindest lässt sich die Umgebung eines Zielorts recht gut auskundschaften. Folgende Städte in Deutschland kann man mittlerweile anzoomen und herumfliegen:

Augsburg, Berlin, Bielefeld, Braunschweig, Bremen, Dresden, Hamburg, Hannover, Karlsruhe, Kiel, Köln, Leipzig, Mannheim, München, Münster, Nürnberg, Schloss Neuschwanstein & Füssen, Stuttgart.

Für Österreich und die Schweiz sind verfügbar:

Graz, Linz, Salzburg, Basel, Bern.

Apple Karten: Dank iOS 10 intelligenter und detailreicher

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Mit iOS 10 hat das Design verbessert und übersichtlicher gestaltet, indem zum Beispiel unwichtige Informationen ausgeblendet werden. Viele kleine Icons beschreiben POIs (besondere Orte), verschiedene Restaurant-Typen sind unterschiedlich gekennzeichnet, Sehenswürdigkeiten mit einem darstellenden Symbol gekennzeichnet.

Die Navigation ist vielseitiger und intelligenter, die Zeiten für die Wegplanung und Erinnerungen werden zum Beispiel dynamisch und unter Berücksichtigung der aktuellen Verkehrssituation genutzt. Zudem weiß die App tageszeitabhängig, ob sie den Weg ins Büro oder nach Hause vorschlagen sollte. Oder, dank Kalendereintrag, zu einem Termin. Die Einstellungen sind mittlerweile umfangreicher, unter anderem können Mautstraßen bei der Routenplanung ausgeschlossen werden. Zudem gibt es in Verbindung mit einer Bluetooth-Freisprecheinrichtung im Auto eine automatische Speicherung des Parkplatzortes.

Ganz neu ist die Anzeige von Ladestationen für Elektroautos in Deutschland – Apple arbeitet hierfür mit RWE Mobility, New Motion, EnBW Allego, E-Wald, Heldele, Stromnetz Hamburg, Bosch eMobilty, Tesla Superchargers und weiteren Anbietern zusammen. Standorte von Fahrrad-Mietstationen dürften, wie in London, Paris und New York, noch folgen.

Außerdem haben Entwickler die Möglichkeit, ihre Anwendungen an die Karten-App anzubinden. Erst seit wenigen Tagen bietet Das Örtliche die Möglichkeit für eine Tischreservierung direkt in der Karten-App an.

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iOS 10.3 brachte für 3D-Touch-Geräte eine Wettervorhersage in die Karten-App – einfach am gewünschten Ort mittelfest auf die Temperatur drücken.

Zu tun gibt es noch genug

Apple zeigt sich gewillt, Apple Karten weiter engagiert zu entwickeln. Denn der Konzern, so durften wir aus Apple-Kreisen erfahren, sieht die App als einen sehr wichtigen Bestandteil des Nutzererlebnisses von iOS. Im Fokus steht aktuell der weltweite Ausbau der „dynamische Karte“, wofür ein jetzt in Indien neu eingerichtetes Entwicklungsstudio zum Einsatz kommen soll.

Es gibt genug zu tun, schließlich bietet Hauptkonkurrent Google Maps die meisten der Funktionen ebenfalls oder zumindest ähnliche Lösungen an. Zudem hinkt Apple Karten funktional in manchen Bereichen hinterher. Der Suchmaschinengigant bringt doch noch oft etwas bessere Treffer bei der Navigation auf der Landkarte. Die hohen Privatsphärebestimmungen bei Apple könnten daran eine kleine Mitschuld tragen, die aber viele Apple-Nutzer priorisieren dürften. Die „Intelligenz“ des Systems werde laut Anbieter direkt auf dem iPhone berechnet, Apple sammle nicht die eingegebenen Zielorte. Bestes Kennzeichen ist, dass für die Karten-App keine Anmeldung erforderlich ist und eine Verknüpfung mit der Apple ID erfolge nicht.

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iOS 10: Das muss man für die Bedienung von iPhone und iPad wissen.

Wem die intelligenten Ergebnisse nicht gut genug sind, wer deshalb auf Differential Privacy von iOS 10.3 hofft, der soll nicht zu viel erwarten: Die neue Datensammelei wird zumindest vorerst Apple Karten nicht direkt nützen. Der Entwickler nutzt bei den Karten schon länger ein eigenes System, um die Verkehrssituation etc. analysieren zu können. Alles natürlich ebenfalls unter strenger Beachtung der Privatsphäre der Nutzer, wie Apple regelmäßig betont.

Apple Karten fehlt gegenüber der Konkurrenz vor allem ein Offline-Modus und Fahrradnavigation. A propos Navigation: Als Navi-Lösung gewertet landete Apple Karten bei Stiftung Warentest bei einem Test im März auf dem letzten Platz. Positiver formuliert: Mit Note 2,7 war man gar nicht so weit entfernt von Google Maps, Note 2,2.

Die App ist mittlerweile mehr als nur brauchbar, Apple Karten mausert sich. Für die Entwickler gibt es aber noch genug zu tun.

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