Der Abgang des Formgestalters: Kann Apple ohne Jony?

Sven Kaulfuss

Jony Ive ist von uns gegangen … Moment, falscher Text. Jony Ive ist von Apple gegangen. Die Nachricht zum Ende der Woche ließ nicht nur eingefleischte Apple-Fans aufschrecken. Auch ich blicke nun nostalgisch zurück und etwas besorgt in die Zukunft. Kann Apple ohne Jony?

Eigentlich sollte an dieser Stelle heute ein ganz anderer Text erscheinen. Doch bei Apple hatte man wohl etwas gegen das ursprüngliche Thema meiner Wochenendkolumne und schob kurz vor Redaktionsschluss noch fix den Abgang der „Design-Ikone“ Jony Ive dazwischen. Soll mir recht sein. So erhalte ich zumindest noch Gelegenheit, Danke zu sagen und den jüngsten Verlust für Apple einzuordnen.

Jony Ive gehört wohl zu den wenigen Designern, deren Name auch einer breiten Öffentlichkeit nicht unbekannt ist. Wer kennt schon die restlichen Formenkünstler bei der Konkurrenz von Samsung, Huawei und Co? Niemand! Sir Ive dagegen wurde am Ende selbst zur Ikone. Seine beruhigende Stimme konnte noch jedes Apple-Produktvideo perfekt untermalen. Damit ist jetzt Schluss, da hilft auch nicht das feigenblattartige Bekenntnis einer weiteren Zusammenarbeit zwischen Apple und Ives neuer Firma. Eine einzigartige Ära geht zu Ende. Mein Kollege Kaan Gürayer erfreut dieser Umstand, er weint dem ehemaligen Design-Chef von Apple keine Träne nach, macht sich noch lustig über dessen Leistung beim iPhone-Hersteller und erhofft sich am Ende neue Impulse für die Produktgestaltung bei Apple. Dafür gibt’s aber allerdings noch keine direkten Anzeichen – meiner Meinung nach.

Kleiner Scherz am Rande von GIGA – Jony Ive „verkauft“ mit seiner Stimme ein Samsung-Handy:

Jony Ive feat. Samsung.

Das Apple-Design: Produkt einer Seelenverwandtschaft

Als Jony Ive zu Apple kam, hatte er noch nicht viel zu sagen, Apples Industriedesign prägten zu der Zeit andere Personen. Es bedurfte eines Steve Jobs, der das Talent des jungen Gestalters entdeckte, ihn förderte und schlussendlich die Leitung und Verantwortung übertrug. Der heimgekehrte Apple-Gründer wollte eigentlich den deutschen Gestalter Richard Sapper mit der Aufgabe betreuen, doch der lehnte ab und skizzierte weiter lieber Küchenutensilien für Alesi und Computer für IBM. Für Apple letztlich die beste Fügung. Zwischen Jony und Steve entwickelte sich über die Jahre eine Seelenverwandtschaft, eine Symbiose die den iMac hervorbrachte, den iPod, das iPhone, das iPad und vieles mehr. Jony war der Künstler, Steve der notwenige Weichensteller und Lektor. Nur in dieser Sphäre konnte Ive sein kleines, eingeschworenes Team bei Apple formen und selber dabei wachsen.

Meine Gedanken zum Wochenende: Die Kolumne möchte Denkanstöße liefern, zur Diskussion aufrufen und den „News-Schwall“ der Woche zum Ende hin reflektieren. Eine kleine Auswahl der bisherigen Artikel der Kolumne:

Oftmals wird Jony Ive vorgeworfen, sich nur der Ideen des Formen-Papstes Dieter Rams zu bedienen, ja sogar „Diebstahl“ wurde ihm schon zugeschrieben. Blödsinn! Ive war einer der wenigen seiner Branche, der Rams nahezu zu 100 Prozent verstand und entsprechend handelte – Ähnlichkeiten im Entwurf sind dann nur konsequent. Ein Rad ist nun Mal rund, weil es so am besten funktioniert. Design existiert nicht um seiner selbst willen, Design hat einen Nutzen. Ich bin Jony Ive dafür dankbar, dass er sich von Rams hat inspirieren lassen. Noch heute gilt: Obwohl Apple-Produkte sehr zurückhaltend gestaltet sind, erwächst aus dieser Diskretion der eigentliche Clou. Sie verinnerlichen die 10. Regel von Rams: Gutes Design ist sowenig Design wie möglich.

Apple ohne Jony Ive?

Doch kann Apple nun auch ohne Jony? Sie werden es müssen. Ive hinterlässt nicht nur eine Leere bei Apple, sondern auch ein eingeschworenes Team. So ist es nur verständlich, dass es bei Apple künftig nicht nur diesen einen „Über-Designer“ gibt. Den praktischen Job übernehmen schon jetzt Evans Hankey (Vice President of Industrial Design) und Alan Dye (Vice President of Human Interface Design). Sie berichten dem COO Jeff Williams. Diese Konstellation kommt mir bekannt vor: Auch Ive war die meiste Zeit zuvor nur „Vice President of Industrial Design“ und überlies das Interface den Softwarekollegen. Die Rolle des eher passiven, mit dem CEO auf Augenhöhe befindlichen „Chief Design Officer“ wurde dagegen erst vor wenigen Jahren ausschließlich für Ive erschaffen. Insofern ist es ganz klug, diese Stelle offen zu lassen und eben nicht zu besetzen. Der nächste „Chief Design Officer“ muss sich erst noch aus den eigenen Reihen empor kämpfen, wie einst auch Jony Ive.

Spannende Dinge, die man hier noch über den Apple-Gestalter erfährt:

Bilderstrecke starten(15 Bilder)
15 Dinge, die man über Jony Ive und Apples Designteam wissen sollte

Und doch blicke ich etwas besorgt auf die Zukunft des Apple-Designs. Eben weil Jony Ive als überlebensgroßes Vorbild für die zurückgelassenen Kollegen sich als Bremse herausstellen könnte. Ive war – und das bestreite ich nicht – in Höchstform vor allem unter Druck. Das fordernde und fördernde Ping-Pong-Spiel einst mit Steve Jobs war befruchtend. Jetzt agiert er quasi nur noch als Pate in Form eines Beraters für den iPhone-Hersteller im Hintergrund. Echten Druck gibt’s schon lange nicht mehr. Der liegt dann eher bei den Apple-Kollegen, die Gefahr laufen, dem Paten auch in Zukunft nur gefallen zu wollen. Verzwickt und zugenäht – der harte Abgang wäre dann vielleicht doch für Apple besser gewesen.

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Sei es, wie es sei: Danke Jony, für all die schicken Apple-Geräte, die ich den letzten Jahrzehnten sammeln und nutzen durfte. Apropos: Ein original verpackter iPod shuffle der 3. Generation (der „Unverstandene“ ohne Tasten) liegt noch bei mir rum. Den bekommen mal meine Enkelkinder – die werden sich dann bei Sir Ive für die Wertsteigerung bedanken ;-).

Hinweis: Die in diesem Artikel geäußerten Meinungen stellen ausschließlich die Ansichten des Autors dar und sind nicht notwendigerweise Standpunkt der gesamten GIGA-Redaktion.

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