Deutschland und die E-Scooter: Wird schon schiefgehen!

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Der „E-Scooter-Hype“ wird unsere Städte „überfluten“, die „Straßen verstopfen“ und einen „Krieg“ um den öffentlichen Raum auslösen. GIGA-Redakteur Stefan Bubeck fordert etwas mehr Optimismus.

Deutschland und die E-Scooter: Wird schon schiefgehen!
Bildquelle: Foto: GIGA; Illustration: Getty Images / Irina_Qiwi.

Dafür, dass E-Scooter hierzulande noch gar nicht angekommen sind, sind wir uns beim Vokabular aber schon ziemlich einig – das gilt für die Medien, aber auch öffentliche Kommentatoren. Die Macht der Worte zeigt sich in voller Pracht, wenn man die aktuelle Berichterstattung über E-Scooter und ihre baldige Zulassung in Deutschland verfolgt. Die elektrisch angetriebenen Tretroller werden unsere Städte „überschwemmen“ und die Städte „überrollen“. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigten zudem, dass auch bei uns bald ein „Chaos ausbrechen“ könnte. Hilfe, da rollt ja ein „Tsunami aus Abertausenden von Elektrorollern“ auf uns zu. Beim Herbeireden der Verkehrs-Apokalypse machen alle ein klein wenig mit.

E-Scooter: Ich hab’s euch doch gesagt

Nun ist es kein neues Phänomen, dass Journalisten, Experten und wer sonst noch alles etwas zu vermelden hat, eher skeptisch in die Zukunft blicken. Keiner will schließlich hinterher der verblendete Jubler sein, der die Probleme nicht hat kommen sehen. Ganz im Gegenteil – lieber ist man doch der weitsichtige Mahner. Dessen Worte lauten seit Anbeginn der Zivilisation: „Ich habs euch doch gesagt.“ Die einzigen Menschen, die alle Bedenken zu E-Scootern beiseite kehren, sind entweder nicht mehr bei Verstand oder Marketing-Heinis von E-Scooter-Herstellern, die ihr Produkt verkaufen wollen.

Ja, das ist schon richtig: Es wird Probleme geben. Unfälle durch zu kleine Reifen, E-Scooter-Fahrer auf Gehwegen (ist eigentlich nicht erlaubt), Sondermüll durch Akkus, Leih-E-Scooter in Bäumen hängend und in der Spree versinkend – irgendetwas davon oder vielleicht auch alles zusammen wird eintreten.

Sind nicht eher die Autos unser Problem?

Aber: Wenn man darüber diskutiert, wo es in Zukunft hingeht, dann sollte man stets berücksichtigen, wo man eigentlich herkommt. Übertragen auf E-Scooter bedeutet das: Wir haben hier und heute schon überflutete und lebensgefährliche Straßen in jeder Stadt. Das ist bereits seit Jahrzehnten so. Der Grund dafür ist der Deutschen liebstes Kind: Das Auto.

Statt E-Scooter zum nächsten Problembär zu machen, sollten wir den alten erstmal los werden. Jeder, der selbst Auto fährt, muss zugeben: Da sitzt man wirklich oft alleine drin und wenn man zum Auto auf der Nebenspur schaut, dann ist das auch nicht immer voll besetzt. Wir fahren stattliche 1,5 Tonnen spazieren, um von A nach B zu kommen – das ist einfach nicht effizient. Zum Vergleich: Ein kompletter E-Scooter wiegt in etwa so viel wie eine durchschnittliche Autobatterie. Die Autos müssen weg. Nicht alle, aber doch einige.

Eine überschaubare To-Do-Liste

Jeder Verkehrsteilnehmer, der gerade auf dem Radweg per E-Scooter unterwegs ist, kann nicht im gleichen Moment in einem Auto sitzen. Die große Frage ist also, wer die E-Scooter-Fahrer eigentlich sind, die bald „massenweise“ durch den Verkehr flitzen: Verzichten diese Menschen auf ihr Auto oder wären sie eigentlich zu Fuß gegangen und finden den Tretroller schlichtweg bequemer? So lange das nicht endgültig feststeht, sollten wir nicht mehr von Flut, Chaos oder Verstopfungen (der Straßen) sprechen.

Besser wäre etwas mehr Optimismus und gestalterischer Wille. Das nächste Kapitel im Straßenverkehr wird aufgeschlagen. Lasst uns dafür sorgen, dass es gut wird! Die To-Do-Listen für Politik und Gesellschaft sind verlockend kurz. Wir brauchen breitere und bessere Radwege, das ist die Aufgabe der Politik. Und wir brauchen Anstand und Rücksicht im Straßenverkehr, das ist die Aufgabe der Gesellschaft. Beides ist machbar.

(Hinweis: Die in diesem Kommentar geäußerten Meinungen stellen ausschließlich die Ansichten des Autors dar und sind nicht notwendigerweise Standpunkt der gesamten GIGA-Redaktion.)

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