Eine Woche mit einem 100-Euro-Handy: Das sind meine Erfahrungen

Robert Kohlick 6

Wieviel Smartphone bekommt man eigentlich für 100 Euro? Vor meinem kleinen Experiment sagte mir mein Bauchgefühl: Ein vernünftiges Smartphone für so wenig Geld? Das kannst du vergessen! Und danach? Nun, sagen wir so – das günstige Wiko Y80 hat mich auf jeden Fall überrascht.

Realitätscheck: Kann ein 100-Euro-Smartphone wirklich was?

In unserer Technik-Redaktion haben wir jederzeit Zugriff auf aktuelle Handys, wie das OnePlus 7T, das iPhone 11 Pro oder das Samsung Galaxy Note 10 Plus. Alles absolute Top-Smartphones, die jedoch nicht gerade günstig sind. Doch nicht jeder kann sich ein Flaggschiff-Smartphone leisten und für viele sind selbst aktuelle Mittelklasse-Smartphones noch zu teuer. Genau deswegen wollte ich herausfinden, wieviel Smartphone man inzwischen für gerade einmal 100 Euro bekommt.

Zum meinem Glück hatte uns unlängst Wiko ein neues Smartphone zukommen lassen: das Y80. Genauso minimalistisch wie der Name fällt auch der Preis des Handys aus. 99,90 Euro bezahlt man aktuell für das Wiko Y80 – ein perfekter Kandidat also für meinen kleinen Alltagstest. Für eine Woche tauschte ich das OnePlus 6 der Redaktion gegen Wikos 100-Euro-Handy – das sind meine Erfahrungen.

Eine Woche mit 100-Euro-Handy: Ein vielversprechender Start

„Das Teil kostet 100 Euro? Das ist bestimmt die reinste Gurke!“ Das war zumindest mein erster Gedanke. Das letzte Mal, dass ich mich mit derart günstigen Smartphones auseinandersetzen durfte, lag schon ein paar Jahre zurück. Umso erstaunter war ich, als ich das Smartphone auspackte.

Ich hatte mit einem billigen und schlecht verarbeiteten Plastik-Bomber gerechnet – stattdessen hielt ich ein Gerät in den Händen, das ich auf den ersten Blick in die Mittelklasse eingeordnet hätte. Vernünftig abgerundete Ecken, keine fiesen Spaltmaße, eine durchaus robuste Haptik und ein elegantes Erscheinungsbild. Nicht schlecht.

Dieser Eindruck hielt auch kurz nach dem Einschalten Bestand. Innerhalb kürzester Zeit wurde ich vom Einrichtungsbildschirm begrüßt. Der Großteil der Inbetriebnahme verlief sehr vertraut und geschmeidig ab – mir fielen keine Slowdowns oder Ruckler während der Bedienung auf. WLAN einrichten, Google-Konto synchronisieren, fertig. Sogar Android 9 Pie ist bereits auf dem Gerät vorinstalliert – top!

Eine Woche mit 100-Euro-Handy: Die ersten Probleme

Doch bereits kurz nach dem Start gab es das erste Problem: den begrenzten internen Speicher des Smartphones. Das Wiko Y80 bietet lediglich 16 GB internen Speicher, mein OnePlus 6 hingegen satte 128 GB. Kein Wunder also, dass nicht alle meine Apps und in der Cloud gespeicherten Dateien ihren Weg aufs Smartphone fanden. Da sich der Speicher via microSD-Karte erweitern lässt, ließ sich dieses Problem jedoch sehr einfach lösen.

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Doch kaum war dieses Thema vom Tisch, gab es schon das nächste Hindernis: Google Pay. Seitdem es die Möglichkeit zum kontaktlosen Bezahlen mit dem Smartphone gibt, mache ich kaum etwas anderes mehr. Egal ob im Supermarkt, im Klamottenladen oder beim Fast-Food-Laden meines Vertrauens – überall wird das Smartphone zum Bezahlen gezückt. Da das Wiko Y80 keinen NFC-Chip verbaut hat, fiel diese Art der Bezahlung während meines Tests für mich flach. Eine Einschränkung, mit der ich nicht gerechnet hatte und die mich daher kalt erwischte. Na gut, dann musste ich die nächsten sieben Tage halt wieder meine Brieftasche zücken. Gibt Schlimmeres.

Ähnlich ging es mir bei der Verwendung meines heimischen WLANs. Mit dem OnePlus 6 konnte ich früh gemütlich in der Küche sitzen und mir ein YouTube-Video anschauen und mich News-technisch auf den neusten Stand bringen. Das Wiko Y80 hingegen wollte sich nicht einmal mehr mit meinem Wifi verbinden – die Verbindung war zu schwach. Jetzt hatte ich die Wahl: Entweder im Flur frühstücken, auf das Smartphone am Frühstückstisch verzichten oder aber mein Datenvolumen anzapfen. Da ich eine verdammt faule Socke bin, entschied ich mich für Letzeres.

Eine Woche mit 100-Euro-Handy: Brauchbarer als gedacht

Neben diesen kleineren Einschränkungen war ich dennoch erstaunt darüber, wie wenig mir mein OnePlus 6 im Alltag fehlte. YouTube-Videos oder Netflix gucken, Podcasts hören und gleichzeitig surfen, über Slack und WhatsApp mit den Kollegen, Freunden und Familie chatten, das alles funktionierte relativ problemlos – und genau dafür nutze ich mein Smartphone nun mal 99 Prozent der Zeit.

Wie gesagt, „relativ problemlos“. Denn kaum versuchte ich ein paar Apps gleichzeitig offen zu haben, machte mir das Smartphone einen Strich durch die Rechnung. Irgendwann sind die 2 GB Arbeitsspeicher des Gerätes nämlich voll. Dann fängt das App-Management-System des Wiko Y80 an, rigoros Prozesse zu killen. Ab und an beendete sich deswegen einfach mal Spotify oder meine Podcast-App, wenn noch eine andere App öffnete.

Gut zu wissen: Wiko hat im Y80 auch eine Klinkenbuchse verbaut, die ich persönlich sehr oft genutzt habe – wenn auch unfreiwillig. Da die Bluetooth-Verbindung zu meinem Bose QC 35 II  in regelmäßigen Abständen abbrach oder ins Stocken kam, hatte ich irgendwann die Schnauze voll und wich auf die Klinke aus.

Lobend hervorzuheben ist die Akkulaufzeit des Wiko Y80. Dank der eher leistungsarmen Hardware und des 4.000 mAh großen Akkus, kam ich fast immer mit über 60 Prozent zurück nach Hause. Zum Vergleich: Mein OnePlus 6 dümpelte zu dieser Zeit normalerweise bei etwa 30-40 Prozent Akkuladung herum.

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Eine Woche mit 100-Euro-Handy: Hier muss man Abstriche machen

Doch dieser große Akku wurde in manchen Situationen von mir auch bis zum Äußersten strapaziert. Denn ich bin einer von diesen Leuten, die abends gerne mal vergessen, ihr Handy ans Ladekabel zu hängen. Bei dem OnePlus 6 ist das auch kein Problem. Dank Quickcharge habe ich innerhalb von 30 Minuten genug Strom getankt, um über den Tag zu kommen. Doch Schnellladen unterstützt das Wiko Y80 nicht. Nochmal kurz den Akku auftanken, bevor man mit Freunden weggeht? Fehlanzeige! Achja, geladen wird übrigens per Micro-USB.

Neben der eher mäßigen Leistungsfähigkeit und fehlendem NFC muss man auch in anderen Bereichen einige Minuspunkte in Kauf nehmen – vor allem bei der Kamera. Das Wiko Y80 setzt zwar auf ein Dual-Kamera-System, nette Worte lassen sich über die Qualität der Aufnahmen aber trotzdem keine verlieren. Selbst gut ausgeleuchtete Motive konnte ich mit dem Smartphone nicht ohne Bildrauschen einfangen.

Mit der Kamera eines aktuellen Flaggschiff-Smartphones wie dem Samsung Galaxy Note 10 konnte das Wiko bei Weitem nicht mithalten:  

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Auch eine Bildstabilisierung suchte ich vergeblich. Ein größes Ärgernis für mich, da ich nicht gerade die ruhigste Hand habe.. Zudem fehlte es allen Aufnahmen an Detailreichtum, Schärfe und satten Farben. Für einen schnellen Schnappschuss reichte die Qualität zwar aus, posten würde ich die Fotos aber niemals.

Auf den von mir sehr geschätzten Fingerabdrucksensor musste ich ebenfalls verzichten. Dafür bot das Wiko Y80 aber eine Gesichtserkennung an. Die hat zwar während meines Tests halbwegs funktioniert, wirklich verlassen würde ich mich auf diese Entsperrungsmethode aber bei der Qualität der Knipse nicht.

Auch beim Display hat Wiko gespart. Das fast 6 Zoll große Display, bietet lediglich eine Auflösung von 1.440 x 720 Pixel. Angucken kann man sich das ganze natürlich trotzdem noch, im direkten Vergleich zur FHD+-Auflösung des OnePlus 6 fällt der Unterschied aber recht deutlich auf. Gleiches gilt für die Blickwinkelstabilität und die Farbtreue des Displays. Wahrscheinlich bin ich vom OLED-Displays des OnePlus 6 zu verwöhnt, aber alles auf dem Wiko Y80 wirkte einfach blass und unspektakulär.

Eine Woche mit 100-Euro-Handy: Mein Fazit

Mein Erfahrungsbericht klingt an manchen Stellen zwar recht vernichtend, trotzdem bin ich sehr überrascht, wie viel Smartphone man inzwischen für gerade einmal 100 Euro bekommt. Ich hatte damit gerechnet, dass ich eine Woche lang mit einem Briefbeschwerer rumlaufen würde, den ich am liebsten gegen die nächste Wand flacken würde.

 

Stattdessen bekam ich ein Gerät, mit dem ich meinen Alltag sehr gut bestreiten konnte. Ich persönlich möchte zwar inzwischen nicht mehr auf Funktionen wie Fingerabdrucksensor, NFC, Schnellladen und ein OLED-Display verzichten – doch wenn man mal ehrlich ist, sind das alles Features, die man nicht unbedingt braucht. Da ich zudem nur wenige Fotos mit meinem Smartphone knipse, störte mich auch die eher mäßige Qualität der Kamera nicht. Das hingegen dürfte für viele andere ein K.O-Kriterium sein.

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Falls sich jemand von euch fragt, ob ich im Freundes- oder Bekanntenkreis auf mein „Billig-Handy“ angesprochen wurde – nein, wurde ich nicht. Keinem ist aufgefallen, dass es sich bei dem Smartphone um ein derart günstiges Modell handelt. Negative Kommentare musste ich mir also keine anhören. Das mag vielleicht aber auch daran liegen, dass ich inzwischen aus dem Alter raus bin, in dem das Handy noch als Statussymbol gilt.

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Würde ich das Wiko Y80 meinem OnePlus 6 vorziehen? Im Leben nicht! Doch ich könnte mir das Smartphone super als Zweit- oder Festivalhandy vorstellen – vor allem wegen der langen Akkulaufzeit. Abschließendes Fazit: Wer nur wenig Geld zur Verfügung hat, bekommt inzwischen auch für 100 Euro ein durchaus brauchbares Smartphone.

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