FaceApp: Party-Gag oder Daten-GAU? 10 Fragen und Antworten

Frank Ritter 6

FaceApp ist die Smartphone-App der Stunde. Wer sich derzeit in den sozialen Netzen bewegt, kommt an den Selfies kaum vorbei, die auf geradezu magische Weise gealterte Personen zeigen. Aber was hat es damit auf sich und warum steht FaceApp gerade im Zentrum der Kritik? GIGA gibt Antworten auf die wichtigsten Fragen.

FaceApp: Party-Gag oder Daten-GAU? 10 Fragen und Antworten
Bildquelle: GIGA.DE.

1. Was ist FaceApp und warum ist die App gerade so erfolgreich?

FaceApp gibts schon ungefähr zwei Jahre, ist verfügbar für iOS und Android. Es handelt sich um eine App, mit der man Bilder von sich oder anderen mit einem Tap verändern kann. FaceApp fügt regelmäßig neue Filter hinzu, also neue Effekte. Einige davon sind kostenlos, andere müssen durch den Kauf einer Pro-Version bezahlt werden.

Derzeit macht vor allem ein kostenlos verfügbarer Alterungs-Effekt die Runde, der wirklich verblüffende Ergebnisse produziert. Viele Promis posten Bilder von sich in die sozialen Netze, etwa der Rapper Drake, Popstar Miley Cyrus oder die Fußball-Mannschaft von Hertha BSC. Das will jeder gerne selbst ausprobieren, die teilweise verblüffenden Ergebnisse teilt man gerne auf Facebook oder Instagram. So kommt es, dass FaceApp gerade (wieder) in aller Munde ist.

2. Wie funktioniert FaceApp?

Technisch hat sich im Bereich Bild-Manipulation in den letzten 3 Jahren sehr viel getan, die sogenannten Deepfakes haben beispielsweise medial große Wellen geschlagen. Während früher geübte Grafiker Stunden an vergleichbarer Bildbearbeitung gearbeitet haben, können das KI-Mechanismen wie die so genannten neuronalen Netzwerke im Bruchteil einer Sekunde – mit Ergebnissen auf absolut professionellem Niveau.

Technisch braucht man dafür ein Programm, das in drei Schritten arbeitet:

  1. Gesichter in hochgeladenen Bildern erkennen.
  2. Merkmale in den Gesichtern erkennen, zum Beispiel Augen, Nasen, Abstände zwischen genannten Merkmalen und so weiter.
  3. Diese Merkmale verändern und/oder austauschen, sodass im Ergebnis ein manipuliertes Bild konstruiert wird.

Die eigentliche „Magie“ findet im dritten Schritt statt. Der Algorithmus wurde vorher „trainiert“. Man hat ihm vermutlich tausende Bilder von einzelnen Menschen im jungen und fortgeschrittenen Alter gezeigt. Das Programm lernt anhand dieser Bilder die entsprechenden Änderungen im Prozess des Alterns, „weiß“ also, wie der Unterschied zwischen einer jungen und alten Person aussehen muss und wendet entsprechende Änderungen auch auf das hochgeladene Bild an.

3. Darf ich in FaceApp Bilder von anderen bearbeiten?

Notwendiger Einschub: Ich bin kein Jurist, meine Einschätzungen beruhen auf Laienwissen.

Wenn man ein Bild vom Gegenüber aufnimmt und die Person damit einverstanden ist, im Prinzip ja. Auch wenn der Aspekt, dass dessen Bild auf einen Server hochgeladen wird, bei Nicht-Aufklärung über diese Tatsache diskutabel ist. Sagt der aufgenommenen Person bitte, dass die Bearbeitung nicht auf dem Telefon stattfindet, sein Bild auf einen Cloudserver hochgeladen und dort bearbeitet wird.

Weiß der Aufgenommene nicht, dass ihr ihn aufnehmt: Nein. Damit wird gegen Persönlichkeitsrechte der aufgenommenen Person verstoßen.

Wenn ihr das Bild von Fremden nehmt, das ihr zum Beispiel im Netz gefunden habt: Ebenfalls eher nein. Eine Grauzone sind eventuell lizenzfreie Bilder von Personen des Zeitgeschehens, soll heißen: Promis. Aber weil die Rechtslage hier diffus sein kann, rate ich davon ab.

4. FaceApp ist aus Datenschutzgründen in der Kritik. Was wirft man der App vor?

FaceApp wird von einer russischen Firma gemacht, FaceApp Inc. Das erklärt zum Teil, warum vor allem Medien und Politiker in den Vereinigten Staaten darauf besorgt reagieren, etwa Senator Schumer von den US-Demokraten.

Die Firma nutzt Server von Amazon und Google, die nicht in Russland stehen, sondern beispielsweise in den USA.

Mit den Nutzungsbedingungen räumt man FaceApp das Recht ein, die Bilder weiterzuverwenden, etwa für Werbung oder andere Zwecke. Das ist klingt zunächst krass, andere Dienste haben allerdings ähnliche Bestimmungen, die in erster Linie der rechtlichen Absicherung dienen. FaceApp beteuert in einem Statement, persönliche Daten seiner Nutzer nicht an Dritte weiterzugeben oder zu verkaufen.

Datenschutzrechtlich haben deutsche Bürgern das Recht am eigenen Bild, das zum Persönlichkeitsrecht gehört. Heißt: FaceApp darf nicht einfach private Fotos der Nutzer nicht ohne explizite Erlaubnis für ihre Zwecke nutzen.

Rechtlich unbedenklich: So lässt FaceApp Charaktere aus Videospielen altern.

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FaceApp lässt ikonische Videospielcharaktere alt aussehen.

5. Warum bearbeitet FaceApp die Bilder nicht auf dem Smartphone selbst, sondern auf Rechnern im Netz?

Bei der Nutzung merkt man praktisch nicht, dass die Bilder nicht auf dem eigenen Smartphone bearbeitet werden, sondern auf einen Server hochgeladen, dort verarbeitet und wieder heruntergeladen. Dass das in der App nicht transparent gemacht wird, ist tatsächlich ein berechtigter Kritikpunkt.

Andere Apps wie Snapchat oder die Kamera-Apps von Huawei- und Apple-Handys nehmen die Bildbearbeitung direkt auf dem Handy vor. FaceApp gibt als Grund für die Server-Berbeitung „Performance“-Gründe an. Nicht zu Unrecht, denn es gibt durchaus schwächere Geräte, bei denen die Bearbeitung sehr lange dauern oder gar nicht funktionieren würde. Die Macher argumentieren außerdem, dass Konkurrenten die Software leichter klauen könnten, wenn sie nicht auf ihren eigenen Cloud-Servern durchgeführt werden würden.

Die Firma hinter FaceApp verspricht, einen Großteil der Bilder nach 48 Stunden wieder zu löschen. Der Grund, warum die Bilder so lange behalten werden sei, dass man verhindern wolle, dass ein- und dasselbe Bild immer und immer wieder hochgeladen wird.

Auch wenn FaceApp verspricht, keinen Schindluder mit den Bildern – Porträtfotos sind immerhin hochsensible persönliche Daten – zu treiben ist das, was damit in der Cloud passiert, unklar – abgesehen von der gewünschten Bearbeitung.

6. Lädt FaceApp unkontrolliert Bilder aus der eigenen Galerie ins Netz?

Nein, dieses Gerücht wurde von FaceApp dementiert und von Sicherheitsexperten mittlerweile widerlegt.

7. Wie kann ich meine über FaceApp hochgeladenen Bilder löschen lassen?

Aktuell ist der einzige Weg, FaceApp zur Löschung der eigenen Daten von den Servern zu bewegen, der über die Feedback-Funktion in der App. Geht auf das Zahnrad-Symbol, wählt „Fehler melden und Protokolle senden“, schreibt „Privacy. Please delete all my pictures and personal data.“ in die Nachricht. Eigentlich soll man „Privacy“ in die Betreffzeile eingeben, das geht in der deutschen Version derzeit allerdings nicht.

8. Warum sind Programme wie FaceApp umstritten?

Auf FaceApp bezogen geht es um die nicht-transparente Kommunikation, das persönliche Daten ins Netz hochgeladen werden und die Unklarheit, was damit passiert. Denn: Wo persönliche Daten vorhanden sind, können diese missbraucht werden. Das muss nicht einmal Absicht des Anbieters einer solchen App sein. Wenn die Daten schlecht oder nicht gesichert im Netz liegen, können Dritte diese Daten abgreifen und missbrauchen. Aber, noch einmal deutlich: Es handelt sich um ein theoretisches Risiko, es gibt derzeit keine Anzeichen für einen Datenmissbrauch durch FaceApp.

Umstritten sind Gesichtserkennungs-Programme im Allgemeinen, weil sie missbraucht werden können … und werden. Wenn man Kameras in den öffentlichen Raum platziert, im Live-Bild Gesichter erkennen lässt und tatsächlichen Personen zuordnet, realisiert das eine ganz neue Art der Überwachung. Klingt nach einem Horrorszenario, wird aber beispielsweise in China schon umgesetzt und ermöglicht lückenlose Bewegungsprofile für einzelne Menschen.

Das ist aber noch nicht alles. Da die Algorithmen immer ausgefeilter werden, können sie auch Gefühlsregungen identifizieren, Menschen in Ethnien klassifizieren und vieles mehr – die Anwendungsfälle sind fast grenzenlos. Wir als Gesellschaft müssen uns dieser Gefahren bewusst sein und eine gesunde Grundskepsis gegenüber neuen Technologien mitbringen. Es gibt Stimmen, die aufgrund des Gefahrenpotenzials ein komplettes Verbot für Gesichtserkennung fordern. Fairerweise muss man betonen, dass diese Gefahren auch ohne die vergleichsweise harmlose FaceApp existieren würde.

9. Lernt der Algorithmus der FaceApp auch durch selbst hochgeladene Bilder, werden also persönliche Daten genutzt, um den Algorithmus weiter zu verbessern?

Dass der Algorithmus anhand der hochgeladenen Bilder weiter lernt, Merkmale im Gesicht auseinanderzuhalten, halte ich persönlich für denkbar. Andere Anwendungsfälle sind Spekulation.

10. Woher kommt die Lust am Alter? Gerade auf Instagram geht’s doch um Jugend, Dolce Vita und einen makellos inszenierten Alltag.

Erstmal ist so ein Foto zu posten ein netter Gag, über den man lachen muss oder große Augen macht. Ich kann mir aber tatsächlich vorstellen, dass nach Jahren, in denen viele Instagram-Nutzer nach immer mehr Perfektion streben, ein kleiner Trend zu mehr Alltag, Realismus und echtem Leben entstanden ist, der ohne rosarote Tünche auskommt. Dass sich so etwas über einen Alterungs-Effekt seine Bahn bricht, ist natürlich eine nette Ironie.

Und: Das Thema Alter muss irgendwann auch auf Instagram präsent sein, denn das Medium ist schon seit Langem kein Jugendphänomen mehr. Es spielt eine Rolle in unserem Alltag, egal ob man 18 oder 80 ist.

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