Frankensteins ganzer Stolz: So spielt es sich mit einer Maus, die gleichzeitig ein Joystick ist

Robert Kohlick

Im ersten Moment klingt es nach der perfekten Kombination: Die Lexip Pu94 vereint Gaming-Maus und Joystick in einem Gerät. Ein grandiose Idee, die jedoch genauso grandios scheitert. Ich habe die innovative Gaming-Maus ein paar Wochen ausprobiert, das ist mein Fazit. 

Frankensteins ganzer Stolz: So spielt es sich mit einer Maus, die gleichzeitig ein Joystick ist
Bildquelle: Robert Kohlick @ GIGA.

Lexip Pu94: Aus zwei mach eins

Auf dem Markt für Gaming-Mäuse hat sich in den letzten paar Jahren nicht so viel getan. Echte Revolutionen sind Mangelware. Stattdessen treiben die Hersteller die Abtastrate und die maximale Empfindlichkeit ihrer Mäuse weiter in die Höhe, ändern einige Details an der Optik, verpassen dem Sensor ein alljährliches Upgrade und garnieren das Ganze zum Schluss mit RGB-Beleuchtung. Echte Alleinstellungsmerkmale suche ich als Kunde heutzutage oftmals mit der Lupe – wenn es sie denn überhaupt noch gibt.

Genau aus diesem Grund weckte die Lexip Pu94 bei mir ein solch starkes Interesse. Eine Maus mit eingebautem Joystick? So etwas hatte ich bis dato noch nicht gesehen. In meinem Kopf malte ich mir Szenarien aus, in denen der kleine Steuerungsknüppel mir von Nutzen sein könnte: Als Controller-Ersatz in Rennspielen, beim Scrollen im Browser – vielleicht kann man mit dem Teil sogar halbwegs vernünftig Dark Souls spielen.

Lexip Pu94: Wenn aus Euphorie Lethargie wird

Meine anfängliche Euphorie flacht etwas ab, als ich die Maus an meinen PC anschließen will. Da das mitgelieferte Kabel nur 1,6 Meter lang ist, kann ich es nicht vernünftig hinter meinem Schreibtisch verlegen und hinten an den PC anschließen. Stattdessen muss ich es vorne von der Tischplatte baumeln lassen und an einen meiner Front-Ports stecken. Na gut – immerhin kann man das Kabel dank Micro-USB-Stecker problemlos gegen ein längeres austauschen. Warum man bei einer 130 Euro teuren Maus aber beim Kabel spart, ist mir unbegreiflich. Kabellos kann ich die Lexip Pu94 übrigens nicht nutzen.

Meine Laune verbessert sich wieder etwas, als ich die Maus das erste Mal über mein Mauspad gleiten lasse. Dank der Keramikfüße fliegt das Peripheriegerät beinahe mühelos über die gesamte Breite meines Mauspads – und das trotz des hohen Gewichts von rund 140 Gramm. Der Keramikunterbau leistet auch auf anderen Flächen erstaunlich gute Arbeit. Während normale Teflon- oder Plastikfüße bei leicht angerautem oder unebenen Untergrund regelrecht über die Fläche kratzen, leistet die Lexip Pu94 in diesen Situationen deutlich weniger Widerstand.

Was mir direkt nach der Inbetriebnahme auffällt: Meine Bewegungen des Mauszeigers sind im Vergleich zu meiner Logitech G403 etwas abhackt und mitunter leicht verzögert. Die Polling Rate der Maus scheint nicht mit der Konkurrenz mithalten zu können – nach 1.000 Hz fühlt sich das auf jeden Fall nicht an. Das fällt vor allem beim Spielen von schnellen Ego-Shootern von Counter-Strike: Global Offensive negativ auf. Eine genaue Angabe zur Signalrate findet sich auf der offiziellen Webseite übrigens nicht.

Aber auch in anderen Spielen, in denen es weniger auf präzise und schnelle Eingaben ankommt, bin ich niemals so wirklich warm mit der Maussteuerung geworden. Das liegt vor allem an der Bauart der Maus. Auf der linken Seite der Lexip Pu94 befindet sich der Joystick, an der Spitze der Plastiksteg zum Nutzen der Pivot-Funktion, der das unabsichtliche Drücken der beiden Maustasten verhindern soll. Das Problem: Wenn ich die Tasten nun doch betätigen will, muss ich mit meiner Hand umgreifen und in den Claw- oder Fingertip-Griff wechseln. Das ist nicht nur mühsam, sondern nervt nach einer Weile auch.

Polling Rate? Claw-Grip? Wer mit diesen Begriffen nichts anfangen kann, dem erklären wir gerne die wichtigsten Grundvokabeln für Gaming-Mäuse schnell und einfach: 

Schnell und Einfach: Der Gaming-Maus-Guide.

Nette Idee, die jedoch kaum unterstützt wird

Es wird Zeit, das angepriesene Joystick- und Pivot-Feature auszuprobieren. Dank der Software können sowohl die Bewegungen des Joysticks sowie die Pivot-Bewegungen der Maus einem bestimmten Tastendruck oder einer anderen Mausfunktion zugewiesen werden. Vor allem beim Surfen in Chrome ist dieses Feature besonders angenehm. Hier kann ich den Joystick zum Auf- und Abscrollen auf GIGA.de benutzen oder um zwischen Tabs hin- und herzuschalten.

In den meisten Spielen kann der Joystick aber nicht ansatzweise sein komplettes Potenzial entfalten. Da der kleine Steuerknüppel nicht als separater Controller erkannt wird, kann ich ihn oftmals nicht analog, sondern nur digital benutzen – das heißt, ich weise ihm nur einzelne Tasten zu. In Rennspielen wie Burnout Paradise kann ich mit dem Controller weder sanft beschleunigen, noch eine leichte Linkskurve fahren. Entweder gebe ich Vollgas, oder mein Wagen bleibt halt stehen. Schade.

Wenige Spiele machen von dem Joystick und der Pivot-Funktion bislang tatsächlich Gebrauch. Zu diesen Ausnahmen gehören auch die Weltraum-Simulationen Star Citizen oder Elite Dangerous. Hier kann ich die beiden Zusatz-Features dazu nutzen, um mein Raumschiff sanft in Bewegung zu setzen, abzubremsen, mich sanft nach links und rechts zu bewegen und sogar die Nase des Schiffes mit der Pivot-Funktion der Maus steuern. Diese speziellen Anwendungsfälle, in denen alles so funktioniert, wie es soll, muss ich zwar mit der Lupe suchen, aber wenn es dann mal klappt, fühlt sich das ganze erstaunlich gut an.

Baustelle: Treibersoftware

Grundsätzlich finde ich in der Treibersoftware der Lexip Pu94 alle Einstellungen, die ich von einer modernen Gaming-Maus erwarte: Ich kann die DPI nach meinen Wünschen kalibrieren, die RGB-Beleuchtung an meine Bedürfnisse anpassen und den einzelnen Tasten je nach Programm unterschiedliche Shortcuts zuweisen. Letzteres nimmt aufgrund der anfangs verwirrend aufgebauten Benutzeroberfläche aber viel Zeit in Anspruch.

Genauso verwirrend ist die Tatsache, das bereits von Haus aus einige Programmprofile angelegt sind, deren Einstellungen mitunter für mich keinen Sinn ergeben. Beim Starten von Chrome deaktiviert sich etwa die gesamte RGB-Beleuchtung der Maus.

Kleine Anmerkung am Rande: Die Treibersoftware ist bislang nur in Englisch und Französisch verfügbar, eine deutsche Lokalisation fehlt. Ach ja, und wundert euch übrigens nicht, wenn die Software-Oberfläche beim Öffnen und Bedienen bei euch ein bisschen abspackt – das ist halt so und sieht dann so aus:

Die RGB-Beleuchtung der Lexip Pu94 gewinnt für den aufgerufenen Preis wirklich keinen Blumentopf. Die Ausleuchtung der Unterseite fällt aufgrund der gefühlt wahllosen Platzierungen der LEDs unregelmäßig, die Auswahl an unterschiedlichen Beleuchtungsmodi sehr spärlich aus. Und selbst die Einstellungen der vorhandenen Leuchtmuster lassen zu Wünschen übrig. Wähle ich etwa die Option „Farbverlauf“, ist die Geschwindigkeit des Farbwechsels auf der langsamsten Stufe immer noch zu schnell. Wirklich ausgereift wirkt die Software noch nicht.

Unterm Strich: Eine Gaming-Maus, die nichts für Gamer ist

Lexip hat sich meiner Einschätzung nach bei der Konzeption der Pu94 zu stark auf die Einbindung des Joysticks und der Pivot-Funktion versteift – und selbst da klappt nicht alles reibungslos. Die beiden innovativen Funktionen können aktuell nur von den wenigsten Spielen ausgereizt werden. In den meisten Titeln verkommt der Joystick bei mir dadurch zu einem unhandlichen Macro-Speicher, während ich die Pivot-Funktion oft komplett links liegen lasse.

Doch selbst wenn ich die beiden Zusatzfunktionen komplett ausklammere, kann ich mit gutem Gewissen die Lexip Pu94 keinem Gamer ans Herz legen. Die Bauform ist zu unhandlich, die Polling Rate zu gering, das mitgelieferte Kabel zu kurz, die Software immer noch eine Baustelle – insgesamt fühlt sich die Lexip Pu94 nicht nach einem fertigen Produkt, sondern eher nach Hardware-Early-Access an. Und für einen Preis von rund 130 Euro kriegt man bei der Konkurrenz deutlich mehr Gaming-Maus für sein Geld – .

Trotz allem hoffe ich, dass Lexip dem Konzept auch weiterhin treu bleibt, nochmal zurück ans Reißbrett geht und in ein paar Jahren mit einer neuen Version der Pu94 versucht, den Markt so richtig aufzumischen. Denn die grundlegende Idee, Maus und Controller in einem Gerät zu vereinen, finde ich auch nach dieser Erfahrung mit der etwas anderen Gaming-Maus weiterhin spannend und interessant.

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