Kopfhörer: Warum sie für dich anders klingen als für mich

Stefan Bubeck

Wie sich ein Kopfhörer anhört, das hat nicht nur mit seinen Bauteilen zu tun. Ein großer Teil der wahrgenommen Klangqualität lässt sich durch die Bauart und vor allem den Nutzer erklären, so GIGA-Audioexperte Stefan.

Ob eine Grafikkarte schnell genug für Crysis aktuelle Spiele-Hits ist, das lässt sich eindeutig per Framerate bestimmen – diesbezüglich gibt’s keine gefühlten Wahrheiten. Anders bei Kopfhörern, hier scheint es zuweilen fast so, als hätten die Nutzer in Amazon-Reviews über völlig unterschiedliche Modelle geschrieben: Der eine beklagt „schrille Höhen“, ein anderer lobt „die vielen Details im Hochtonbereich“. Wer hat denn da nun recht? Nun, für diese gegensätzlichen Einschätzungen gibt es tatsächlich Gründe, die auch wissenschaftlich belegt sind.

1. Der Sitz ist entscheidend

Fangen wir mit einer banalen Gegebenheit an: Kopfhörer klingen nur so, wie sie klingen sollen, wenn sie gut sitzen. Das gilt sowohl für Over-Ears, bei denen das komplette Ohr umschlossen ist, als auch für In-Ears, die den Ohrkanal versiegeln müssen. Schon wenn da eine winzige Lücke vorhanden ist (z.B. durch einen dicken Brillenbügel oder zu kleine Silikonpassstücke), merkt man das für gewöhnlich am fehlenden Bass. Ich persönlich habe dieses Problem mit den Apple AirPods (ohne „Pro“), die aufgrund ihrer „Open-Fit-Bauweise“ (ohne Silikonpassstücke) nicht zu meinen Ohrkanälen passen wollen. Entweder drücke ich sie immer wieder mit den Fingern leicht nach innen – oder der Sound ist dünn und blechern. Es hat also nichts damit zu tun, was aus den Treibern rauskommt – sondern damit, was bei meinem Trommelfell ankommt.

Dieses Phänomen gibt es in unendlichen Abstufungen und es ist die einfachste Erklärung dafür, dass sich jemand in einem Review über den „komplett fehlenden Tieftonbereich“ beschwert. Zumindest für In-Ears gibt es einen „Trick“: Man tausche die normalen Silikonpasstücke durch Eartips aus Memory-Schaum aus. Die schmiegen sich besser an und dichten hervorragend ab.

2. Jedes Ohr ist anders, sagt die Wissenschaft

Wie erfolgreich das Trommelfell als „Hörgerät“ funktioniert, das lässt sich durch eine Kombination aus Form, Winkelposition und Zusammensetzung erklären.
Jonathan P. Fay (University of Michigan) in „The discordant eardrum“ (2006)

Wie reagiert ein Trommelfell im Ohr eines Menschen auf Klänge? Wie gut ist es dazu in der Lage, aufgefangene Schallenergie umzusetzen? Vor allem im Bereich ab 2 kHz aufwärts (hohe Töne) lassen sich unterschiedliche Messwerte feststellen. Die Abstände betragen dabei auch mal stattliche 20 Dezibel bei den höchsten Tonlagen – je nach Ausformung des Trommelfells (tief, normal, flach).

Anders gesagt: Die Trommelfelle in unseren Ohren sind wie Mikrofone – man kommt mit einem bestimmten Modell auf die Welt, das sich nachträglich nicht ändern lässt. Dazu kommen verschieden geformte Ohrkanäle, was zusammen maßgeblich die Wahrnehmung beeinflusst. Das kann sogar soweit gehen, dass aus einer Schwäche eines Kopfhörermodells (z.B. Überbetonung der Höhen) bei so manchem Nutzer eine Stärke werden kann. Heißt aber auch, dass sich unsere Klangwahrnehmung „hardwarebedingt“ von Mensch zu Mensch unterscheidet. Das Klangerlebnis ist subjektiv.

3. Raumwahrnehmung ist wichtig und wahnsinnig komplex

Schon mal was von der Außenohr-Übertragungsfunktion (Head-Related Transfer Function, HRTF) gehört? Nun, wir Menschen können Klänge recht gut orten, was die Überlebenschancen im Jurassic Park in der Natur erhöht. Wir hören und wissen, was neben, über und unter uns passiert, ohne dort hinschauen zu müssen. Die Ortung ist das Ergebnis eines Prozesses, bei dem die Ohrmuscheln (Form), der Kopf und der Rumpf (Schulterpartie) eine Rolle spielen. Doch das ist nur der eine Teil, denn ab dann findet Raumwahrnehmung „als äußerst komplexer, psychoakustischer Prozess im Hörzentrum des Gehirns statt“ (Jürgen Schröder, Lowbeats). Beim Musikhören kommt diese Fähigkeit zum Tragen, wenn wir vor unserem inneren Auge auf der linken Seite der „Klangbühne“ den Drummer ansetzen hören, während rechts das Saxophon spielt.

Man kann sich also leicht vorstellen, wo das Problem liegt: Handelsübliche (In-Ear-)Kopfhörer umgehen diese Schalllokalisation zum Teil. Dem Körper fehlen wichtige Hinweise, der räumliche Eindruck einer Aufnahme kommt nicht an das Original (live dabei sein) heran. Einige Techniken für 3D-Sound können bei Musik und Spielen über Kopfhörer für beeindruckende Räumlichkeit sorgen, unter anderem kommt dabei HRTF zum Einsatz (siehe Oculus), allerdings dann auf Basis von Durchschnittswerten vieler Menschen. Das perfekte Raumklangerlebnis mit Kopfhörern erfordert hingegen aufwendige individuelle Messungen und entsprechend bearbeitetes Klangmaterial.

4. Ok, Boomer

Das Hörvermögen verändert sich im Laufe des Lebens. Während man als Kind oder Jugendlicher problemlos Frequenzen bis zu 20.000 Hertz wahrnimmt, wandert diese Schwelle jedes Jahr ein Stück weit nach unten. Die hohen Töne werden immer leiser oder gar nicht mehr wahrgenommen. Auch regelmäßige Disko- und Konzertgänge tragen ihren Teil bei. Schon ein einzelner Silvesterböller kann ein Knalltrauma (Schädigung des Innenohres) hinterlassen. Als Boomer Senior trifft einen dann früher oder später auch die Presbyakusis (Altersschwerhörigkeit). Wann genau, das ist individuell verschieden und kommt auf Faktoren wie erbliche Veranlagung und Ernährung an.

Preis kann jetzt höher sein. Preis vom 20.12.2019 13:35 Uhr

Für Kopfhörer heißt das: Wie sich ein Modell anhört, das kommt auch auf dein Alter und Hörvermögen an. Ein Sound, der für junge Menschen zu brillant und anstrengend erscheint, könnte für ältere Semester genau richtig abgestimmt wirken. Abschließend sei noch der persönliche Geschmack erwähnt, der sich wandeln kann. „Ich war jung und brauchte den Bass,“ sagen so manche Hip-Hop-Veteranen, die den Subwoofer aus dem Kofferraum verbannt haben und mittlerweile Jazz auf neutraler Equalizer-Stellung bevorzugen.

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