Spiele wie Death Stranding müssen keinen Spaß machen, um gut zu sein

Marina Hänsel 4

Wenn Spiele Spaß machen müssen, und das sollten sie per Definition – sind dann alle Videospiele Spiele? Natürlich sind sie das! Natürlich sind sie das nicht! Ich hatte keinen Spaß bei Death Stranding, aber irgendwie macht das ja auch Spaß.

Es ist kein Spaß für mich, meine Fenster zu putzen. Trotzdem gibt es das Spiel Window Cleaner, das Gronkh vor einer kleinen Ewigkeit auf seinem Kanal gespielt hat. Ich nehme an, es macht mehr Spaß, sein Let’s Play zu sehen, als das Spiel zu spielen. Wie wir außerdem alle wissen, krabbeln da draußen etliche Simulatoren durch den Wald der Videospiele, angefangen vom Fernbus-Simulator über den Zug-Simulator bis hin zum Paketdienst-Simulator. Natürlich, so könntet ihr ganz richtig einwenden – Spaß ist für jeden etwas anderes.

Death Stranding im PlayStation Store*

Und trotzdem, so flüstert eine kleine Stimme in meinem Kopf, klebt etwa die Marvel-Filmreihe Avengers weiter rechts auf der ultimativen Linie von Kein Spaß und Spaß. Während Michael Hanekes Funny Games (auch ein Film) eher bei Kein Spaß wartet. Mit einem sadistischen Grinsen im Gesicht. Das sieht also in etwa so aus:

Ihr mögt vielleicht keinen Spaß dabei haben, euch diese Linie anzuschauen – aber ich hatte definitiv Spaß daran, sie zu malen. Hahaha! Wie auch immer. Lasst uns für einen Moment ignorieren, dass die ultimative Linie von Spaß Humbug ist und uns stattdessen zwei Dinge vergegenwärtigen: A) Michael Hanekes Funny Games ist ohne Frage ein anerkannter Klassiker und darf als gut bewertet werden, obwohl er kein Unterhaltungsfilm ist, B) wenn ihr beide Filme mit vergleichbaren Spielen austauscht, kommen wir dann zu einem ähnlichen Schluss?

Das eigentlich Interessante an alledem, und worauf ich natürlich die ganze Zeit hinaus will, ist dies: Michael Hanekes Funny Games ist ein Film, der aktiv darauf hinarbeitet, dass ihr euch unwohl fühlt. Es ist kein Horrorfilm, es ist ein Unangenehmfilm. Gibt es unangenehme Spiele? Oder müssen Spiele angenehm und spaßig sein, um im großen Unterhaltungs-Wald der Videospielindustrie zu überleben?

Erwartet ihr von einem Spiel, dass es euch unterhält?

Meistens erwarte ich, dass mich ein Spiel unterhält. Aber müssen Spiele Spaß machen? Natürlich müssen sie das. Ist ein Spiel doch schon per Definition eine „Tätigkeit, die ohne bewussten Zweck zum Vergnügen, zur Entspannung, aus Freude an ihr selbst und an ihrem Resultat ausgeübt wird.“ Ein Spiel hat keinen Zweck, überbringt keine Botschaft, sondern dient zur Entspannung und zum Sich-besser-fühlen.

Womöglich ist diese Definition aber auch ungenau. Lernen wir durch Spiele nicht auch? Probieren wir uns nicht auch aus, übernehmen Rollen und entwickeln uns durch spielerische Experimente weiter? Wird nicht auch unsere Kreativität in Spielen herausgefordert? Aber was sind Spiele denn dann?! Und sind Simulatoren Spiele, oder könnten Videospiele vielleicht als Oberbegriff nicht nur Spiele meinen, wie sie von der Definition her gedacht sind?

Death Strandings hauptsächlichste Spielmechanik ist das monotone Wandern durch eine monotone offene Welt, die keine versteckten Schatztruhen bietet und somit euch keinen Entdeckersinn fördert. Hideo Kojimas heiß und lang diskutiertes Spiel stellt nicht nur in Frage, was eine Open World zu bieten haben muss, sondern auch, wie unspaßig Spielmechaniken sein dürfen. Ich nannte Death Stranding in meinem Test ein Meisterwerk, das ihr hassen könntet – eben aus diesem Grunde: Death Stranding zu spielen, macht nicht immer Spaß.

Vielleicht macht es sogar nie Spaß. Was nichts daran ändert, dass ich es genossen habe – und Death Stranding ohne Frage für mich eines der wichtigsten Spiele dieser Jahre ist. In seiner Unspaßigkeit lässt es uns arbeiten, fast ein bisschen wie jene griechische Legende von Sisyphos, der tagein tagaus einen Felsbrocken den Berg hinaufrollen muss, ehe der kurz vor der Spitze wieder hinabrollt. Na dann wieder von vorn anfangen! Es gibt sogar einen französischen Philosophen mit Namen Albert Camus (ihr habt womöglich in der Schule von ihm gehört, wie ich), der Sisyphos für einen glücklichen Menschen hält. Humbug! Arbeit ist doch kein Spaß. Oder wartet – was bedeutet Spaß noch einmal?

Death Stranding stellt uns die Frage, was ein AAA-Spiel bieten darf

So grimmig-monoton Sam Porter Bridges durch Death Strandings leere Welt watet, so verbissen wollen uns nahezu alle Videospiel-Blockbuster unterhalten. Als wäre es verboten, uns nicht durch Explosionen, Machtgefühle, große Emotionen, Heldengeschichten und befriedigende Spielmechaniken vom Leben abzulenken. Versteht mich nicht falsch, ich werde gerne von Spielen unterhalten – und Death Stranding bietet befriedigendes Gameplay, nur eben nicht ständig, überall und mit denselben Werkzeugen, die alle anderen auch benutzen.

Kleinere, unabhängige Spiele ausgenommen, natürlich. Die gehen ohnehin gerne Experimente ein, genauso wie Independent-Filme. Der Unterschied ist nur, dass Film-Blockbuster schon eine ganze Weile nicht mehr derart auf Standard-Unterhaltung setzen, wie jene beliebten AAA-Titel, die stets an unseren Hardware-Strand gespült werden. Frech, wenn es ein Spiel wie Death Stranding ganz und gar anders macht! Frech, wenn es ein AAA-Blockbuster wagt, uns nicht mit Spaß und leichtem Gameplay zu blenden! Frech, aber auch wunderbar – denn wie sonst könnten sich Videospiele endlich von ihrem Ruf als pure Unterhaltungssoftware lösen?

Bilderstrecke starten(12 Bilder)
Das ist Death Stranding: PC-Release, Gameplay, Story, Editionen und mehr Infos

Wenn alle Videospiele Holztische wären, würde Death Stranding auf sieben Beinen, halb schief, aber irgendwie trotzdem gerade daherkommen, benutzbar, aber doch eben anderes als andere Holztische. Ihr würdet den Tischler an jeder per Hand abgeschliffenen Kante erkennen, und auch, wenn es völlig in Ordnung ist, zum Essen an einem vierbeinigen Ikea-Tisch zu sitzen – wäre es nicht aufregend, mal einen anderen zu benutzen? Wer weiß, vielleicht musste ein siebenbeiniger Tisch erst einmal gemacht werden, damit wir darüber nachdenken, warum alle anderen nur auf vier Beinchen stehen.

Zu den Kommentaren

Kommentare zu diesem Artikel

* Werbung