Wie Spiele mein Privatleben gerettet haben

Marina Hänsel 15

Jemand sagt, „Handys und Spiele vereinsamen uns!“ Daraufhin antwortet ein anderer jemand, „Als ich mit 25 Jahren mein erstes Smartphone gekauft habe, wachte ich am nächsten Tag mit einem Katzenbild auf, das meine Freunde mir per WhatsApp geschickt hatten. Bester Morgen seit langem.“ Dieser jemand bin ich. Und ich sehe meine Freunde jeden Tag, obwohl wir nicht in derselben Stadt wohnen.

Irgendwann im Leben werden die meisten Menschen erwachsen. Doch, doch, das ist wirklich so. Also körperlich, meine ich. Vom Alter her – da steht dann eine andere Zahl unter deinem Namen und plötzlich wohnst du nicht mehr zu Hause. Uni und Schule sind vorbei und Freunde und Familie leben nicht mehr da, wo du wohnst. Das klingt jetzt beschissen, und um dir alle Hoffnung zu nehmen: Das ist es auch.

Eine gute Seite hat das Ganze. Ihr wohnt noch auf demselben Planeten. Ist vielleicht in 500 Jahren nicht mehr so, also freue dich, solange du noch kannst.

Beschissen also. Jetzt ist die Frage, was gemacht werden kann. Natürlich muss nichts gemacht werden, beschissen lebt es sich immerhin auch ganz okay. Du gewöhnst dich an alles. Vielleicht findest du ja neue Freunde neben dem Job? Wer weiß, Wunder geschehen. Ich habe damals keine Freunde neben meiner Arbeit als Videospiele-Freak gefunden. Freunde sind ja auch so eine Sache. Nicht jeder Mensch eignet sich als Freund. Ich bin da wählerisch. Vielleicht auch nur schüchtern oder eine Mischung aus arrogant und schüchtern. Nicht unmöglich.

Neue Freunde also eher nicht so. Na, was ist denn nun mit den alten Freunden? Familie? Bekannte? Ach ja, die sind ja nicht da, zumindest nicht dort, wo du bist. Allein bist du demnach so oder so. Finde dich damit ab. Aber du musst ja nicht immer allein sein, wenn du allein bist. Das ist ganz einfach: Du bist gerade auch nicht allein. Hallo, immerhin rede ich gerade mit dir! Wir sind zusammen allein, sozusagen. Wir könnten auch im Spiel zusammen allein sein. Oder über WhatsApp. Oder wie gehen zusammen allein ins Kino! Wir könnten sogar zusammen allein etwas Trinken gehen oder einen Filmabend veranstalten.

Ich habe vor zehn Jahren angefangen, mit Menschen zusammen allein zu sein. Du tust es wahrscheinlich auch. Nein? Ja? Hast du WhatsApp? Spielst du Online-Multiplayer? Machen uns Handys und Spiele einsam? Wie halte ich Freundschaften aufrecht, wenn alle weg sind? Ich habe eine paar Antworten. Alles subjektiv, und so. Ich verrate sie dir.

Bilderstrecke starten
16 Bilder
Nintendo Switch zusammen spielen: Die 14 besten Koop- und Multiplayer-Spiele.

Eine Anleitung zum Zusammen-Alleinsein

  1. Regel des Zusammen-Alleinseins: Videospiele sind nicht nur zum Spielen da (was?!)
  2. Regel des Zusammen-Alleinseins: Vielleicht ist es nicht wahr, dass Handys und Spiele uns einsam machen (gewagt!)
  3. Regel des Zusammen-Alleinseins: Allein du bestimmst, was eine Freundschaft für dich ausmacht

Es gibt da einen Artikel auf der hin-und-wieder-echt-ernsthaften Gaming-Seite Kotaku über Männerfreundschaften, die über Videospiele aufrechterhalten werden. Uhm, Männerfreundschaften? Nur? Aber machen wir es kurz: Sie haben ja vollkommen recht; bis auf den Punkt, dass es wohl kaum nur Männer betrifft. Außer ich bin auch ein Mann. Was, falls es so ist, mir jemand ruhig hätte früher mitteilen können.

Es ist keine Lüge, wenn ich sage, dass ich heutzutage mehr von meinen Freunden höre als früher. Und mit „früher“ meine ich eine Zeit, in der ich sie jeden Tag in der Schule gesehen habe. Wie obskur! Na ja, eigentlich gar nicht. Es fing alles mit Minecraft an. Ich war also in dieser Stadt, weit weit entfernt, und da kamen ich und meine Freunde auf die Idee, Minecraft online zu spielen – und dabei über ein Ding namens „Headset“ zu sprechen. Ha! Natürlich wussten wir, was das ist. Aber Audio-Chats und dergleichen habe ich zumindest früher nie benutzt.

Ich mag nämlich keine Spiele mit fremden Menschen spielen. Aber mit Freunden? Das … das war irgendwie cool. Und irgendwann, tja, da haben wir angefangen, über andere Dinge als Minecraft zu reden. Was irgendwie instinktiv war, denn was willst du da schon die ganze Zeit sagen?

Ich baue gerade. Willst du mitbauen?“ – „Ich baue immer noch! Wie geht es dir so?

Wir redeten also über alles und nichts, und irgendwie redeten wir mehr als jemals zuvor. Heute wechseln wir zwischen Minecraft, Dead By Daylight und neuerdings auch Fallout 76; irgendetwas findet sich schon.

Hauptsache ein paar Mal in der Woche spielen und hören, was auf der anderen Seite der Erdkugel so abgeht. Ob Videospiele mich einsam machen? Uhm, nein. Eigentlich überhaupt nicht. Denn ich glaube weder Telefonate, noch seltene Besuche an Wochenenden hätten mich und meine Freunde derart stark zusammenschweißen können wie diese Spiele.

Und ein Letztes noch: Manch einer munkelt ja auch, Handys würden uns einsamer machen. Hm. Ich hatte erst mit 25 Jahren ein Smartphone, das war etwa jene Zeit, in der ich in diese Stadt weit weit weg gezogen bin. Und weißt du, was das Erste war, das mir damals aufgefallen ist? WhatsApp. Audio-Nachrichten. Katzenbilder am Morgen, die mir meine Freunde plötzlich schicken konnten. Anders gesagt: Magie!

Ich weiß. Mit 25 Jahren war ich spät dran, aber lass dir eines von jemandem gesagt sein, der 25 Jahre ohne ein Smartphone auskam – mit finde ich besser. Ganz besonders, was Zusammen-Alleinsein angeht.

Was ist denn mit dem echten Leben?

Ich erzähle dir etwas über mich: Das Wichtigste in meinem Leben ist das Ausdenken und Schreiben von Geschichten. Wenn du jemanden wie mich fragst, was denn mit dem echten Leben sei, muss ich oft eine Weile darüber nachdenken: „Hm“, würde ich dann wohl antworten, „Ich bin 50 Prozent diejenige, die du gerade siehst (oder liest) und 50 Prozent jemand anderes in einer anderen Welt. Warum muss eines davon wichtiger als das andere sein?“ Klingt vielleicht ein bisschen seltsam, aber ich weiß nicht – wenn unsere Welt nur das Zusammenspiel jener Eindrücke ist, die wir mit unseren Sinnen aufnehmen, warum ist dann das Ödland in Fallout 76, durch das ich mit meinem besten Freund streife, weniger real? Und wäre es das auch, wenn wir eine Matrix-ähnliche Technologie besäßen und Virtualität von Realität nicht unterscheiden könnten? Ach, diese schönen philosophischen Fragen, auf die es keine Antworten gibt! Mehr davon!

Selbst wenn Fallout 76 weniger real ist – was auch immer das bedeutet, huh – dann ist ja das Zusammensein dort nicht weniger real. Oder? Was unterscheidet eine Online-Koop-Partie mit Headset von einer Partie Schach, die du mit deiner Oma im Garten spielst? Alles? Nichts?

Bilderstrecke starten
9 Bilder
So beeinflussen Videospiele unsere Wahrnehmung von der Realität.

Außerdem – ich erzähle dir noch ein letztes Geheimnis: Es sei dir weiterhin erlaubt, Freundschaften in jener Welt, die du echt nennst, zu pflegen. Oder anderweitige Beziehung. Das ist in Ordnung. Das Gute am Leben ist ja, dass sich niemand von uns damit abfinden muss, nur ein Leben zu leben. Du kannst als Kratos die Welt retten, mit deiner besten Freundin ein Schloss in Minecraft bauen, Iron Man sein, während du Infinity War schaust und derweil noch immer nächsten Freitag mit Freunde ausgehen. Wer du bist und mit wem du zusammen oder zusammen allein sein möchtest, liegt schließlich völlig in deiner Hand. Aber nicht wortwörtlich.

Zu den Kommentaren

Kommentare zu diesem Artikel

Neue Artikel von GIGA GAMES

  • Marvel's Iron Man VR

    Marvel's Iron Man VR

    Sony Interactive Entertainment bringt „Marvel’s Iron Man VR“ in den Handel, im Verlauf des Jahres 2019. Das neue Marvel-Action Adventure erscheint exklusiv für PS-VR, ihr benötigt daher ein PlayStation-VR-Headset, um in die Rüstung des Avengers „Iron Man“ schlüpfen zu können. An dieser Stelle sammeln wir alle Infos, News und Trailer zu „Marvel’s Iron Man VR“.
    Achim Truckses
  • Axel Voss & Artikel 13: Über dieses Voss-Meme lacht er selbst

    Axel Voss & Artikel 13: Über dieses Voss-Meme lacht er selbst

    Axel Voss hat sich dank Artikel 13 vor allem bei jungen Menschen in Deutschland nicht gerade beliebt gemacht. Auf der gamescom 2019 hat er das ganze Drama noch einmal aufgearbeitet – und erzählt, über welche Witze auf seine Kosten er sich tatsächlich doch noch amüsieren konnte.
    Lisa Fleischer
* Werbung