Plantronics Backbeat Pro 2
Plantronics Backbeat Pro 2


Angesichts dieser Studien-Ergebnisse fragt man sich, ob uns die Hersteller nicht veräppeln. „Kopfhörer für 400 Euro? Wozu denn, die für 200 Euro sind doch genau so gut.“ Dieser Gedanke ist im Hinblick auf den Frequenzgang nicht abwegig. Denn wenn ein günstiges Modell bereits einen neutralen Verlauf an den Tag legt, dann kann ein teureres Exemplar hier kaum noch „zusätzliche“ Klangqualität aufsetzen.

Ganz so einfach ist das dann doch wieder nicht.

Ich war jung und brauchte den Bass

„Überraschend war für mich viel mehr die Erkenntnis, dass die Entscheidung für einen bestimmten Kopfhörer genauso stark abhängig von den persönlichen Präferenzen ist wie bei der Wahl eines Smartphones: Um den persönlichen Geschmack zu treffen, ist es bei beidem manchmal unvermeidlich, etwas tiefer in die Tasche zu greifen,“ so der Kollege Tuan in seinem Beitrag „Meine Kopfhörer sind absurd teuer – aber ich bereue keinen Cent.“ Es geht um weitere Eigenschaften wie Verarbeitung, Komfort, Noise-Cancelling und vor allem auch um den Einsatzzweck.

Wer auf Hiphop oder Techno steht, ist einer bassbetonten Wiedergabe unter Umständen gar nicht abgeneigt. Denn das bringt die Club-Atmosphäre rüber, der (übertriebene) Druck sorgt für die richtige Stimmung. Mag sein, dass Mozart und Norah Jones ganz grauenhaft wiedergegeben werden – ist aber egal, denn hier laufen ohnehin nur Haftbefehl und Skrillex. Wer es so mag, der wird sich einen entsprechend „verfärbt“ abgestimmten Kopfhörer zulegen und glücklich sein. Allerdings sagt die Studie: Mit zunehmender Erfahrung tendiert man zu einem neutraleren Sound. Aber irgendwo muss man ja anfangen, gemäß dem Motto: Ich war jung und brauchte den Bass.

Ein anderer Punkt ist die Verarbeitungsqualität. Je teurer, desto besser die Materialien. Geräte aus dem Profibereich sind unverwüstlich, zudem sind sie oft so aufgebaut, dass sich Verschleißteile wie die Ohrpolster nach einigen Jahren problemlos ersetzen lassen. Ein 20-Euro-Kopfhörer kann das nicht bieten. Ein Kabelbruch bedeutet hier häufig das frühzeitige Ende der Lebenszeit. An der Stelle ein heißer Tipp: Der Beyerdynamic DT 770 ist bei Tontechnikern hinterm Mischpult und ambitionierten Gamern gleichermaßen beliebt. Sehr stabil, modular aufgebaut und klanglich vorbildlich neutral.

Die GIGA-Redaktion testet regelmäßig Kopfhörer. Auch uns überrascht die gute Performance günstiger Modelle – man muss nicht unbedingt den teuersten Vertreter seiner Gattung kaufen. Trotzdem stellen wir genau so immer wieder fest, dass hochpreisige Kopfhörer tendenziell eine gelungenere Abstimmung bieten, sie meistern verschiedene Situationen zufriedenstellend (Klassik auf Zimmerlautstärke versus voll aufgedrehter Metal). Billige Modelle patzen hier und da, spätestens bei großen Pegeln. Denn wenn an Treibern oder Gehäuse gespart wurde, dann verzerrt's und scheppert's beim Aufdrehen.

Auch die Stiftung Warentest, die elektronische Geräte unter Laborbedingungen untersucht, verzichtet nicht auf den individuellen und subjektiven Klangeindruck von Menschen: „Fünf Experten (…) beur­teilten die Qualität des Klangs – etwa Dynamik, Natürlich­keit, Trans­parenz – und ob der Ton frei von Verzerrung war. Zudem bewerteten sie den Klang­charakter, etwa Schärfe und Volumen.“ Der neutrale Frequenzgang ist nur ein Aspekt von vielen.

Apple Airpods
Bei Apples Airpods steht die Technologie im Vordergrund: Ordentlicher Klang, aber vor allem ein extrem gutes Handling, für das man auch bezahlt


Fazit: Ein neutraler Frequenzgang ist ein wichtiges technisches Kriterium mit starken Auswirkungen auf die Soundqualität. Genau diese Eigenschaft korreliert offenbar nicht mit dem Preis, das ist bemerkenswert.

Die Studie der Acoustical Society of America klärt uns über etwas auf, das seitens der Hersteller zuweilen anders dargestellt wird: Man muss nicht hunderte Euro ausgeben, um einen „originalgetreuen und natürlichen Klang“ zu genießen. Das geht mit etwas Glück (und dem richtigen Sitz im oder auf dem Ohr) auch mit günstigen Kopfhörern.

Aber: Trotzdem sehen wir auch weitere Klangeigenschaften als hörbar und wichtig an. Zudem soll eine Abweichung vom Dogma der Neutralität erlaubt sein, sie könnte sogar Vorteile bringen. Praxisbeispiel: In der U-Bahn dürfen die Kopfhörer gerne eine Schippe Extra-Bass liefern, denn eine streng neutrale Wiedergabe klingt vermischt mit Umgebungslärm häufig etwas dünn.

Ein weiteres „Aber“: Ein messtechnisch neutraler Kopfhörer kann aufgrund der Bauweise und des individuellen Sitzes (Kopfform, Ohrform) seine tolle Eigenschaft auch verlieren. Wer schon einmal ein In-Ear oder On-Ear-Modell leicht bewegt hat, kann hier klangliche Veränderungen durch die Position nachvollziehen.

Wenn man einen Kopfhörer kauft, dann zahlt man nicht nur für den Klang. Der Hersteller bietet ein Gesamtpaket aus Sound, Design, Verarbeitungsqualität, Zusatzfeatures (App) und Praxistauglichkeit. Der Käufer muss entscheiden, ob dieses Bündel aus Eigenschaften passt – da hilft meist nur Ausprobieren. Testberichte, wie sie auch bei uns zu finden sind, geben im Vorfeld wertvolle Tipps und Eindrücke – aber nur die eigenen Ohren und der individuelle Einsatzzweck können die Kaufentscheidung langfristig rechtfertigen.

Quellen: Acoustical Society of America, Stiftung Warentest