Android 5.0 Lollipop: Kritik an Vernachlässigung der Open Source-Apps

Tuan Le 23

Es ist nicht alles schön an Android 5.0 Lollipop: Wie von einem XDA-Entwickler anhand eines aus dem Quellcode kompilierten ROMs für das Nexus 7 (2013) festgestellt worden ist, scheint Google das Android Open Source Projekt völlig vernachlässigt zu haben. Eigentlich als Basis für die ROM-Entwicklung gedacht, ist ein Großteil der System-Applikationen dort mittlerweile völlig veraltet, statt Material Design sind obendrein überall Bugs und Fehler zu beobachten.

Bekanntermaßen handelt es sich bei Android um ein vermeintlich freies System – und zwar insofern, dass mithilfe des Android Open Source Project, kurz auch AOSP genannt, jeder Entwickler eigene Firmware für Geräte, auch Custom ROMs genannt, entwickeln kann. In der Vergangenheit waren hierbei höchstens Hardware-Hersteller hinderlich, die den Code für ihre Geräte nicht im AOSP freigeben wollten und dadurch die Entwicklung erschwerten – mittlereile ist aber offensichtlich auch Google nicht mehr wirklich daran interessiert, das Projekt am Leben zu erhalten. Vor kurzem ist der AOSP-Quellcode für Android 5.0 Lollipop freigegeben worden und XDA-Dev pulser_g2 hat sich sogleich mit Vorfreude die Mühe gemacht, ein AOSP-Lollipop-ROM für das Nexus 7 (2013, Test) zu kompilieren.

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Die Ernüchterung folgte jedoch auf dem Fuße: Nachdem bereits das Jelly Bean-Wallpaper nach dem Booten bereits ein erstes deutliches Indiz für die Aktualität der Software lieferte, zeigten sich im weiteren Verlauf des Tests Abstürze, grafische Bugs und Probleme an allen Ecken. Nicht nur, dass die AOSP-Applikationen wie Browser und Kalender mittlerweile offensichtlich nicht mehr von Google weiter entwickelt werden und vom hoch gelobten Material Design keine Spur zu finden ist. Die SMS/MMS-Applikation funktioniert nicht einmal mehr ordnungsgemäß und an vielen Stellen des Systems haben es die zuständigen Entwickler offensichtlich schlichtweg versäumt, das grafische Layout korrekt anzupassen - zu sehen etwa bei der Eingabe des WLAN-Passworts. Im Landscape-Modus (rechts) sieht man direkt im Vergleich, wie es eigentlich richtig aussehen müsste.

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Eine Besorgnis erregende Entwicklung, die allerdings nicht ganz neu ist: Google hat schon seit geraumer Zeit damit begonnen, die AOSP-Applikationen zu vernachlässigen und stattdessen einen stärkeren Fokus auf die eigenen System-Applikationen als Alternativen zu setzen. Sprich: Statt des AOSP-Browsers sollen die Nutzer auf Chrome setzen, anstelle den AOSP-E-Mail-Client Gmail oder den neuen Dienst Inbox verwenden, ebenso wird man beim Kalender, dem Musik-Player, der SMS/MMS-App und der Galerie zu den Google-Alternativen gedrängt. Dies ist auch der Grund, weshalb zum Beispiel Samsung seit langem eigene Lösungen der entsprechenden Applikationen anbietet, eben um sich langfristig nicht von Google zur Verwendung der GApps zwingen zu lassen.

Im ersten Moment mögen sich viele Nutzer nicht daran stören, da mit den Google-Apps eben passende Alternativen zur Verfügung stehen, die optisch ohnehin erheblich ansprechender sind. Zudem kann man natürlich nach wie vor auf Apps von Drittanbietern zurückgreifen, die die gleiche Funktion erfüllen. Allerdings muss man bedenken, dass die Google-Applikationen nicht Open Source sind – ergo auch nicht modifiziert oder verbessert werden können – und deren Verwendung mit bestimmten Auflagen verbunden ist: Hersteller, die keine Google-Applikationen verwenden, müssen sich auf den AOSP-Quellcode verlassen und wenn dieser derart unfertig ist, wie es aktuell bei Android 5.0 Lollipop der Fall ist, wird die Entwicklung massiv erschwert. Gleiches gilt natürlich für Custom ROM-Entwickler, die beim jetzigen Stand kaum noch dazu in der Lage wären, nur auf Grundlage des AOSP funktionsfähige ROMs zu erschaffen. Die Arbeit an populären Custom ROMs wie AOKP, SlimKat oder gar Paranoid Android und die CyanogenMod könnte dadurch stark gefährdet, bei Geräten mit wenigen freiwilligen Entwicklern gar gänzlich verhindert werden.

Kein guter Weg also, den Google einschlägt: Ob man wirklich systematisch das AOSP derart beschneidet, kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht gesagt werden. Schließlich kommt es auch bei den offiziellen Rollouts der neuen OS-Version noch zu Verzögerungen, sodass man auch optimistisch annehmen kann, dass es sich hierbei einfach um ein Versäumnis seitens der Entwickler handelt. Sollte dem aber nicht so sein, könnte die Einschränkung des AOSP langfristig das Ende der Custom ROM-Szene so wie wir sie kennen bedeuten.

Quelle: Guillaume Lesniak @Google+, XDA Developers

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