LG G Watch mit Android Wear: Test zum Smartwatch-Reboot

Frank Ritter 6

Software aus den USA, Hardware aus Korea: LG und Samsung sind die ersten Firmen, die eine Smartwatch von Googles Segen auf den Markt bringen dürfen. Neben der Samsung Gear Live ist die LG G Watch eines der ersten Geräte mit Android Wear-Betriebssystem. Das LG-Gerät haben wir intensiv unter die Lupe genommen und ziehen nach zwei Wochen ein Fazit – in unserem großen Testbericht.

LG G Watch mit Android Wear: Test zum Smartwatch-Reboot

Nein, Smartwatches kommen nicht aus heiterem Himmel. Sony hat mit der LiveView und den darauf folgenden SmartWatches seit 2011 der Gerätekategorie (im enger definierten Sinne) den Weg geebnet. Samsung stellt mit seiner Gear-Serie nun seit einem Jahr die technologisch erweiterten Uhren fürs Handgelenk her, Qualcomm mit seiner Toq (Hands-On) ein interessantes Produkt und es gibt sogar bemerkenswerte Indie-Projekte – erfolgreiche wie die Pebble, aber auch auf ganzer Linie enttäuschende Produkte wie die i’m Watch.

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Die Anfang 2012 vorgestellte Sony SmartWatch (Test) war eine der ersten Smartwatches nach heutiger Definition

Ganz neu ist die Idee also nicht, wie momentan manchmal suggeriert wird, trotzdem dümpelten Smartwatches jahrelang als Nischenprodukt vor sich hin. Das dürfte sich jetzt endlich ändern, einiges spricht dafür, dass sie nun endlich den Absprung als Massenprodukt schaffen werden. Ein wichtiger Grund ist, dass die Technik endlich reif scheint: Die voranschreitende Miniaturisierung sorgt dafür, dass eine Smartwatch nicht mehr wie ein gigantischer Klunker vom Handgelenk abstehen muss. Dank kleinerer Prozessoren, sparsamerer Displays und der langsamen Etablierung des energiesparenden Bluetooth-Schemas 4.0 LE sind Smartwatches mittlerweile alltagstauglich und, wenn man so will, einigermaßen repräsentabel.

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Ein weiterer Grund, warum die Technik-Welt so viel über Smartwatches redet, sind die sich hartnäckig haltenden Gerüchte, dass Apple eine eigene „iWatch“ auf den Markt bringen wolle, die als Ergänzung zu iPad und iPhone fungiert. Kein Wunder also, dass Samsung und Co. mit entsprechenden Produkten früher am Markt sein wollten. Und schließlich ist da noch die Google-Initiative Android Wear – ein Betriebssystem nicht nur, aber vor allem, für Smartwatches und gleichzeitig eine an das Android-Ökosystem angekoppelte vereinheitlichte Plattform, die den cleveren Uhren den Durchbruch bringen soll.

Mit der LG G Watch und der Samsung Gear Live sind nun die ersten Android Wear-basierten Smartwatches erhältlich, die kreisrunde Moto 360 von Motorola soll bald folgen. Zunächst einmal haben wir aber ein Testexemplar der G Watch von LG erhalten. Was die kann und wie weit Android Wear als Betriebssystem und Plattform schon ist, klären wir im Folgenden.

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Wir haben die LG G Watch mit der Firmware-Build KMV78V über einen Zeitraum von zwei Wochen getestet, gekoppelt war das Gerät in dieser Zeit mit einem LG G3. Wir danken LG für die Bereitstellung des Gerätes.

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5 coole Apps für Android Wear (Wear OS):

LG G Watch: Die Hardware

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In Puncto Design und Verarbeitung ist die LG G Watch unspektakulär, aber solide. Mit Maßen von 38 x 47 x 10 Millimeter und einem Gewicht von 63 Gramm ist sie recht komfortabel zu tragen, als filigran kann man sie dabei aber nicht bezeichnen. Man selbst gewöhnt sich zwar nach einigen Tag an das zunächst etwas grobschlächtige Aussehen der Uhr am Handgelenk, problematisch ist es dennoch, die Uhr beispielsweise unter einem Hemd mit engen Ärmeln zu verbergen.

Feedback aus dem Umfeld des Trägers gab es zur LG G Watch erstaunlicherweise wenig, als neidische Blicke erheischendes Style-Accessoire taugt die G Watch also nicht unbedingt, andererseits äußerten sich aber auch keine Freunde und Bekannte negativ über das Gerät mit dem Display am Handgelenk. Einzig die notorisch technikkritische Ehefrau des Autoren kommentierte – und das auch nur halb im Ernst – die Optik der G Watch etwas abfällig, derweil wurde der Autor in der U-Bahn von einem technikinteressierten Mitreisenden gefragt, was man denn da am Handgelenk trage und wie gut die G Watch funktioniere. Wir vermuten, dass die Öffentlichkeit, sofern die Geräte preiswert in der Breite verfügbar sind, bereits an den Anblick von Smartwatches gewöhnt ist – zumindest schneller als das bei Google Glass der Fall ist.

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Schauen wir uns das Gerät genauer an: An der Front der G Watch prangt ein stets aktives LC-Display, das mit 1,65 Zoll in der Diagonale und einer Auflösung von 280 x 280 Pixeln, resultierend in 240 ppi Pixeldichte, was zwar nicht ultrascharf nach Smartphone-Maßstäben ist, aber auch keine Beleidigung fürs Auge darstellt und seinen Zweck erfüllt. Das Display ist gut ablesbar, sieht man von extrem knalligem Sonnenlicht ab – von Vorteil ist dabei, dass die G Watch nach einigen Sekunden der Nichtbenutzung nur eine abstrahierte Form des aktuellen Watchfaces in kontrastreichem Weiß auf Schwarz anzeigt und diese dann auch abblendet.

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Das Display besitzt einen kapazitiven Touchscreen, der im Test stets responsiv war und zuverlässig funktionierte. Leider fehlt jedoch ein Helligkeitssensor, der die Leuchtstärke anhand der Umgebungshelligkeit anpasst. Für zukünftige Geräte wäre hier noch Raum, um den Akku stärker zu schonen, aber schon die Moto 360 soll einen solchen Sensor besitzen. Leider fehlt dem Screen eine oleophobe Beschichtung, sodass sich bei intensiver Nutzung ein Fingerfettfilm bildet - gelegentliches reinigen ist also Pflicht.

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Die G Watch im Größenvergleich mit dem Samsung Galaxy S5

Das Displayglas an der Front wird von einem Metallrahmen eingefasst. Ein weiterer Metallstreifen an der Seite dient als Fassung für die Armband-Stege, an der Rückseite ist zudem ein Korpus aus Hartplastik aufgesetzt und angeschraubt. Darin befinden sich die Pogo-Pins für die Ladestation und ein Druckschalter in einem winzigen Loch, über den die G Watch mithilfe einer Nadel oder Büroklammer neu gestartet werden kann. Das Ganze ist durchaus stabil und massiv konstruiert, hier wackelt nichts und man hat beim Tragen auch keine Angst vor etwaigen Schäden beim Stoßen gegen Hindernisse.

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Im Netz gibt es einige Berichte, dass die Lade-Pins der G Watch allergische Reaktionen hervorrufen und bei dauerhaftem Kontakt mit Feuchtigkeit schlimmstenfalls korrodieren können. Dergleichen konnten wir im Test nicht beobachten – die Hersteller-Angabe, laut der die G Watch wasserfest sei, gilt nach unseren Erfahrungen auch für Handschweiß. Andere Hardware-Tasten besitzt die G Watch nicht, das hat den unangenehmen Effekt, dass die G Watch, einmal heruntergefahren, unterwegs kaum neu gestartet werden kann. Sie startet nur dann, wenn man sie wieder in die Ladestation legt oder eben jenen Pin drückt.

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An der G Watch ist ein Gummiarmband angebracht. Dieses wirkt stabil, aber nicht unbedingt wertig, ist angesichts der Unterschiedlichkeit der Geschmäcker aber sicher die pragmatischste Entscheidung gewesen. Wer ein anderes Armband bevorzugt, kann ein solches – egal ob aus Haileder oder Edelstahl – leicht im Fachhandel kaufen und auswechseln.

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LG-G-Watch-Gummi-Armband

Die LG G Watch besitzt eine Akku-Kapazität von 400 mAh. Im Test sind wir damit immer auf Akkulaufzeiten von rund 36 Stunden gekommen, bei konstanter Bluetooth-Verbindung und mit mittlerer Helligkeitseinstellung - die in fast allen Situationen ausreichend war. Wer mehr Zeit aus dem Akku herauspressen möchte, kann die Display-Helligkeit in den Einstellungen entweder herunterregeln oder die Always-on-Funktion des Displays gleich ganz abschalten. Hierbei wird die G Watch entweder per Handbewegung oder mittels eines Taps auf den Touchscreen geweckt – da die Geste aber nur zeitverzögert und nicht immer zuverlässig funktioniert, empfehlen wir, das Display lieber dauerhaft eingeschaltet zu lassen.

LG-G-Watch-Laden

Zum Nachladen liefert LG eine externe und auf glatten Oberflächen selbst klebende Ladestation mit, in die die G Watch nächtens einfach eingelegt werden kann. Sie wird darin magnetisch festgehalten und über die Pogo-Pins auf der Rückseite flugs aufgeladen. Diese Vorrichtung empfanden wir als praktisch und durchdacht, wiewohl die Klebekraft der Ladestation nach einiger Zeit der Nutzung und mehreren „Ortswechseln“ vermutlich nachlässt. Erwähnt sei noch, dass die G Watch keinen wahrnehmbaren negativen Einfluss auf die Akkulaufzeit des gekoppelten Smartphones hatte – dem Bluetooth 4.0 LE-Standard sei Dank. Das bedeutet aber auch, dass man zur Nutzung der G Watch mindestens ein Android 4.3-Gerät besitzen sollte, denn erst ab der letzten Jelly Bean-Iteration wird dieser stromsparende Verbindungsmodus unterstützt. Mit iDevices und Windows Phones ist die G Watch noch nicht kompatibel.

Im Gerät ist auch ein Schrittzähler integriert, der den Nutzer über sein Laufpensum auf dem Laufenden (no pun intended) halten soll. Dieser zählte allerdings teils deutlich mehr Schritte als ein parallel getragener Fitnesstracker von FitBit. Welcher der Tracker nun stärker daneben lag, ist schwer einzuschätzen, aufgrund der momentan noch rudimentären Funktionalität des Schrittzählers in der G Watch, verglichen zu dezidierten Lösungen, ist dieser aber sowieso eher schmückendes Beiwerk – möglich, dass sich dessen Nutzung mit der Einführung von Google Fit erhöht. Auch ein Kompass ist in der G Watch integriert, dessen Richtungsanzeige schwankte aber im Test leider stark.

Unterm Strich ist die Hardware der LG G Watch pragmatisch. Ein unprätentiöses, aber solides Vehikel für den eigentlichen Star des Gerätes, die Software. Zu der kommen wir jetzt.

Android Wear – die Software der LG G Watch

Die LG G Watch ist, gemeinsam mit der Samsung Gear Live, die erste Smartwatch, die mit Googles Android Wear-OS ausgestattet ist. Das Betriebssystem befindet sich noch in einem frühen Stadium, auch wenn es in der ausgelieferten Form bereits stabil läuft – einen Absturz des Betriebssystems konnten wir im Testzeitraum nur einmal beobachten.

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Stürzt auch mal ab, aber nicht oft: Android Wear

Google möchte, dass die Android Wear-Geräte – und einiges spricht dafür, dass das Betriebssystem nicht nur für Smartwatches, sondern mittelfristig auch andere Gerätetypen gedacht ist – ein permanenter Begleiter für das Smartphone sind, ein Second Screen im besten Sinne. Es soll kein eigenständiges Gerät sein, sondern ein „angekoppeltes“ Fenster, das dem Nutzer die gerade relevantesten Informationen und rudimentäre Interaktionsmöglichkeiten bereitstellt. Das Ziel ist, einfach formuliert, dass der Nutzer sein Smartphone seltener aus der Tasche ziehen muss.

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Zu diesem Zweck bedient sich Android Wear am Kartenkonzept, das mit Google Now etabliert wurde. Pro Bildschirm findet sich jeweils eine Karte, soll heißen: Information, die von einer auf dem gekoppelten Smartphone bereitgestellten App übermittelt wird. Zwischen den Karten kann durch vertikales Wischen hin und her gewechselt werden, wobei die neuesten Karten stets oben zu finden sind. Der Inhaltsgehalt liegt in der Regel auf dem Niveau einer Standard-Benachrichtigung von Android am Smartphone. Das hat auch einen Grund: App-Entwickler können Benachrichtigungen mit wenig Aufwand auf die Smartwatch „spiegeln“, für Karten mit erweiterter Funktionalität ist höherer Programmieraufwand vonnöten. Viele Apps, die die erweiterten Funktionen nutzen, gibt es bislang noch nicht, nur wenige Wochen nachdem Android Wear und dessen APIs vorgestellt, ist das auch kein Wunder – wir erwarten aber, dass sich das in der nächsten Zeit ändert.

Eine Karte, eine Information

LG-G-Watch-Google-Now

Aber was genau sind Karten? Eine Karte kann beispielsweise über eine SMS, eine Facebook-Chat-Nachricht, eine Übersicht über aktuelle Hangouts-Konversationen oder eingegangene E-Mails informieren. Unterstützt die App beziehungsweise Karte erweiterte Funktionen, wird dem Nutzer anhand eines Punkte-Indikators gezeigt, dass er diese Karte von rechts nach links wischen kann, um weitere Informationen beziehungsweise Aktionen aufzurufen. Wenn man eine Karte verwerfen möchte, wischt man hingegen von rechts nach links. Insbesondere am Anfang ist das etwas verwirrend, denn von Google Now am Smartphone ist man gewohnt, dass jegliche horizontale Wischbewegung eine Karte verwirft. Wer hingegen den Google Now-Launcher installiert hat, wird sich mit diesem Verfahren schnell zurechtfinden, denn in diesem lässt sich auch nur mit einem Wisch nach links eine Karte verwerfen. Wischt man eine Karte von links nach rechts, kann sich dort entweder eine weitere Karte befinden oder eine Aktion, symbolisiert durch ein blaues kreisförmiges Icon.

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Hat der Nutzer beispielsweise gerade die Karte mit der aktuellen Wetterlage auf dem Bildschirm, erhält er durch einen Wisch nach links auch die prognostizierten Temperaturen für die kommenden Tage auf einer weiteren Karte, danach die Möglichkeit, den Wetterbericht am gekoppelten Smartphone zu öffnen. Android Wear ist darauf ausgerichtet, eine Information schnell zu liefern. Weiß man, was man erfahren wollte, legt man die flache Hand auf das Display und die Smartwatch schaltet zurück in den Standby-Modus, also das „heruntergeschaltete Watchface“ – eine Geste, die dem Nutzer in kürzester Zeit in Fleisch und Blut übergeht. Über neue Benachrichtigungen, Karten oder Alarme (Wecker und Anrufe werden mittels eines Overlays außerhalb der Kartenlogik angezeigt) benachrichtigt die G Watch zuverlässig mit einem angenehm knackigen Vibrieren.

Zu erwähnen ist, dass Android Wear nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, Google Now-Karten eins-zu-eins spiegelt. Google muss viele davon für den kleinen Screen neu gestalten, was offenbar einige Arbeit erfordert. Bislang sind nur einige der Karten, die man von Now am Smartphone kennt, für Android Wear umgesetzt worden – welche das sind, listet der Google Support.

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LG-G-Watch-Benachrichtigungen

Ein Grenzfall für Android Wear ist es, wenn mehr Informationen dargestellt werden sollen, als auf eine Karte passen. Wenn beispielsweise ein Dutzend ungelesene E-Mails im Posteingang liegen, kann man die entsprechende Karte zwar mit einem Tap erweitern, dazu werden aber auch Informationen wie die Absendernamen und Betreffzeilen „abgeschnitten“ und müssen mit einem weiteren Tap auf einen Indikator erweitert werden, der beispielsweise „+8 weitere“ besagt. An diesem Beispiel zeigt sich, dass Google sich selbst noch nicht so recht sicher zu sein scheint, in welchem Umfang man sich an das implizite Gebot „eine Karte, eine Information“ halten will. Aus unserer Sicht wäre sinnvoller, eine Karte anzeigen zu lassen, die die Anzahl der ungelesenen Mails anzeigt, sowie durch eine horizontale Wischbewegung eine weitere Karte erreichbar zu machen – mit dem Text der letzten eingegangenen Mail und dahinter den Kontext-Aktionen wie „Antworten“ und „Auf dem Smartphone öffnen“. Der derzeitige Stand ist überfordernd. Niemand hat Lust, sich einen Stapel E-Mails auf einer Armbanduhr durchzulesen – für solche Zwecke kann und sollte man gleich auf sein Smartphone schauen.

Während die Gmail-App zu viel Funktionalität in das Kartenkonzept pressen will, schränkt das Bedienkonzept hingegen die Möglichkeiten an anderer Stelle unnötig ein. Als Beispiel sei die Medienwiedergabe genannt: Lässt man auf seinem Smartphone Musik laufen, kann man diese über die Smartwatch fernsteuern. Leider ist das nicht sonderlich bequem. Um etwa zum nächsten Musikstück zu gelangen, muss man einmal auf den Bildschirm tappen, warten bis dieser aktiviert ist, nach oben wischen, nach rechts wischen und noch einmal tappen. Das mag nach wenig klingen, ist im Alltag aber häufig mühseliger als das Smartphone aus der Tasche zu holen und per Lockscreen-Kontrollen den Track zu skippen. Eine Remote-Lautstärkeregelung für das Smartphone ist gar nicht erst in Android Wear integriert, obwohl dies eine sinnvolle Zusatzfunktion wäre.

Sprachsteuerung mit Tücken

LG-G-Watch-Spracherkennung

Ein wesentliches Element von Android Wear ist die Sprachsteuerung. Einen Befehl kann man eingeben, wenn man sich auf dem Homescreen befindet und „Okay Google“ sagt oder direkt auf das gerade aktivierte Watchface tapt – den Homescreen, wenn man so will. Über die Sprachsteuerung kann man Texte direkt in die Smartwatch diktieren und Apps starten. Genauer gesagt: Das sollte so sein, denn im Alltag fanden wir uns eher selten im Michael Knight-Stil mit der LG G Watch parlieren. Zum einen sicherlich, weil es auf eine Umgebung befremdlich wirken mag, die sich gerade erst mit gesprochenen WhatsApp-Nachrichten und Suchanfragen zu arrangieren beginnt. Zum anderen aber auch, weil die Sprachsteuerung einfach nicht präzise genug ist. Die Beantwortung einer Hangouts-Nachricht per Sprache produziert einfach zu oft falsche Ergebnisse.

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Die Sprachsteuerung erfordert zudem intime Kenntnisse der geforderten Syntax. Als Beispiel sei die Notizen-App benannt: Die Befehle „Öffne Notizen“ und „Starte Notizen“ öffnet die letzte mit der Notizen-App (bis vor kurzem und international immer noch Keep genannt) angefertigte Notiz auf der Smartwatch. „Starte Keep“ hingegen öffnet die App auf dem Smartphone. „Notizen starten“ und „Keep starten“ wiederum initiiert nur eine Suchanfrage nach dieser Phrase. Die Tatsache, dass die Sprachsuche relativ viel Zeit für die Interpretation des Gesagten in Anspruch nimmt, macht die Sprachsteuerung eher zu einem Gimmick als dass das Feature im Alltag nützlich gewesen wäre. Nebenbei: Die viel zu häufig gesehene Suchergebnis-Karte zu erhalten ist für den Nutzer eines Android Wear-Gerätes fast immer eine Sackgasse; weniger frustrierend wäre es, wenn Google sich entschiede, hier einfach ein „Das habe ich nicht verstanden“ einzublenden.

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Der frustrierendste Screen von Android Wear: Sinnlose Suchergebnisse

Dass Google die Sprachsteuerung zwingend voraussetzt, ist ein konzeptioneller Fehler, denn das Starten von Apps wird auf diese Weise über Gebühr erschwert. Das hängt damit zusammen, dass Googles Sprachsuche in Deutschland einfach noch nicht so gut funktioniert wie im englischsprachigen Ausland, vor allem in der Interpretation der deutschen Sprachsyntax. Ihre Bedeutung wird zwar wachsen, je besser Google die deutsche Sprache versteht, trotzdem: ein simpler App-Starter fehlt im Alltag dann doch. Das zeigt sich etwa am Versuch, Apps mit abstrakteren Namen wie IFTTT (If this then that) per Stimme zu starten, die Spracherkennung ist dazu schlicht nicht in der Lage. Dankenswerterweise lässt sich ein App-Launcher mit dem im Testzeitraum unverzichtbaren Wear Mini Launcher nachrüsten.

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Der Wear Mini Launcher ist eine extrem nützliche App

Was ebenfalls fehlt, wofür es aber keinen Ersatz aus der Community gibt, ist die Möglichkeit, verworfene Karten wiederherzustellen. Im Testzeitraum wurde das besonders offenbar, als wir versuchten beim Einkauf im Supermarkt eine Keep-Einkaufliste auf dem Display zu halten. War sie einmal weg, was im Eifer des Gefechts ständig passiert, musste sie jedes Mal per Sprachbefehl wiederhergestellt werden. Hier sollte Google dringend nachbessern – eine Funktion zum „Festpinnen“ von Karten für einen begrenzten Zeitraum, wäre praktisch.

Was bereits recht gut funktioniert, ist das Watchface der Uhr an den eigenen Geschmack anpassen. Zum einen hat Google bereits einige Watchfaces vorinstalliert, die von klassisch-analog bis knallbunt-digital alle Ziffernblatt-Kulturen abdecken, die man sich auch bei „richtigen“ Armbanduhren vorstellen kann. Zusätzlich sprießen im Play Store zurzeit zahlreiche Watchface-Alternativen aus dem Boden – von deren Nutzung Google freilich abrät, da sie auf inoffiziellem Weg implementiert wurden. Ein eigenes Watchface-API soll für Entwickler im Zuge des Releases von Android L im Herbst freigegeben werden.

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Das visuelle Design von Android Wear weiß zu gefallen, ohne dass uns das hier schon zur zur Anwendung kommende Material Design den Boden unter den Füßen wegzöge. Material Design heißt bei Android Wear: subtile Animationen (die übrigens immer flüssig dargestellt werden) und ein Parallax-Effekt beim Scrollen. Ein interessantes gestalterisches Merkmal ist, dass der Hintergrund jeweils wechselt und an die App angepasst wird, deren Karte aktuell angezeigt wird. Die eigentlichen Karten sehen eher abstrakt und minimalistisch aus – was zum Zweck der Informationsvermittlung auch völlig ausreicht. Positiv zu vermerken ist, dass die Performance in jeder Situation flüssig ist.

Android Wear hat, unterm Strich, das Potenzial, eine gute Software-Grundlage für Smartwatches zu sein. Im Aktuellen Zustand muss Google aber noch einiges an der Usability verbessern, sowohl an Android Wear selbst als auch an der Integration einzelner Apps. Für Nutzer eher überfordernd ist die Menge an Informationen, die mitunter auf einzelne Karten gepresst werden (Gmail), während manche Wege einfach zu lang sind (Media Player) und ein grundsätzliches Problem die Anordnung, Reihenfolge und fehlende Wiederherstellbarkeit von Karten ist. Auch die Spracheingabe muss in puncto Geschwindigkeit und Genauigkeit erheblich verbessert werden, bevor sie eine alltagstaugliche Eingabemöglichkeit darstellt.

Fazit

LG-G-Watch-Watchface-Schritte

Der wohl größte Vorteil des Konzepts der G Watch und von Android Wear im Allgemeinen, den wir im Testzeitraum feststellen konnten, liegt im passiven informiert sein. Soll heißen: Das Erfassen des Inhalts der auf die Smartwatch gepushten Information ist gar nicht unbedingt entscheidend, sondern die Möglichkeit, dass der Träger im Zweifel weiß, dass es sich um eine nebensächliche Information handelt und später (beziehungsweise gar nicht) reagieren kann.

Das soll nicht heißen, dass nicht auch aktive Interaktionen mit der G Watch stattfinden. Genial ist etwa unterwegs einen Anruf anzunehmen, während man ein Headset trägt. Auch für alltagsrelevante Informationen wie Wetter und die Navigation zu einem Ziel, etwa zu Fuß oder per Rad, hat sich die G Watch bewährt. Alles in allem quillt Android Wear als Betriebssystem das Potential aus allen Poren. Zum jetzigen Zeitpunkt ist das OS zwar noch etwas „beta“, wir erwarten aber, dass sich in den nächsten 12 Monaten noch einiges daran tut – die Möglichkeit, jetzt endlich auch auf Deutsch Sätze mit korrekten Satzzeichen einzusprechen, ist ein willkommener Anfang. Die Hardware der G Watch ist hingegen unspektakulär. Zum einen, weil LG einen sehr sachlichen Designansatz gewählt hat, zum anderen, weil absehbar ist, dass kommende Android Wear-Produkte weniger klobig und wohl auch etwas stylischer sind.

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Ist die G Watch also ein empfehlenswertes Produkt? Ja, das ist sie – wenn auch eingeschränkt. Wer die G Watch kauft, erhält ein Beta-Produkt – aber auch eines im besten Sinne: Viel versprechend, wenn auch die Möglichkeiten in puncto Design, Hard- und Software noch nicht ausreizend. Enthusiasten, die wissen möchten, wo die Reise hingeht, können bedenkenlos zugreifen. Allen anderen raten wir, noch zu warten. Darauf, dass die Produktkategorie Smartwatch und Android Wear als Betriebssystem noch etwas heranreifen.

Wertung

  • Display: 4/5
  • Ergonomie: 3/5
  • Design und Verarbeitung: 3/5
  • Software: 4/5 *
  • Akku: 4/5

Gesamt: 3,6/5

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* Die Updates für Android Wear kommen direkt von Google. Uns ist bewusst, dass sich das Betriebssystem in den kommenden Monaten noch massiv verändern wird, genauso wie das Software-Ökosystem. Insofern stellt die Note nur eine Momentaufnahme dar, um die Vergleichbarkeit mit anderen Smartwatches herzustellen. Wir werden natürlich weiter regelmäßig über Änderungen und Erweiterungen bei Android Wear berichten.

Pro

  • Solide Verarbeitung
  • Software flüssig
  • Preiswert

Contra

  • Nur zweckmäßiges Design
  • Keine Auto-Helligkeit
  • Software noch „beta“

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