Ein Spagat: Mit iOS 10.3 wird Apple zum Datensammler

Sebastian Trepesch 6

„Der Inhalt eurer Nachrichten geht uns nichts an.“ Tim Cook hat stets Apples Sorge um sichere Nutzerdaten betont und sich damit vom Geschäftsmodell der Konkurrenz abgegrenzt. Mit iOS 10.3 wird das ein bisschen schwieriger.

Apple verdiene sein Geld nicht durch die Weitergabe von Daten, sondern mit Hardware – derartige Bekenntnisse wie in der Videobotschaft für eine Datenschutzorganisation gab Tim Cook häufiger zu Protokoll. Speziell gegen Google will sich Apple mit der Politik „Die Nutzerdaten gehören dem Nutzer“ absetzen.

iCloud-Analyse in iOS 10.3

Mit iOS 10.3, für das es eine erste Beta-Version für Entwickler gibt, wird Apple die Datensammelei ausbauen: Im Installationsdialog fragt Apple nach der „iCloud-Analyse“: Der Nutzer kann – ähnlich wie schon bisher für Diagnosedaten – die Analyse gestatten, welche Daten des iCloud-Accounts wie genutzt werden. Es diene der Verbesserung von Produkten, Funktionen und Service.

Und über iCloud, darüber läuft ja so ziemlich jedes Byte der Online- und Synchronisationsdienste von Apple.

Fünf interessante Features von iOS 10.

Datensammlung – ein Politikwechsel von Apple?

Den Schritt zur erweiterten Datenanalyse hat Apple bereits auf der WWDC 2016 angekündigt. „Apples heilige Kuh auf dünnem Eis“, titelte Die Zeit im Sommer mit Blick auf die bisher (überwiegend) sorgsam gehüteten Nutzerdaten und der angekündigten Praxis. Ein Politikwechsel?

Nicht ganz, selbst wenn die Datenanalyse nun tiefergehend ist: Erstens, Apple verarbeitete schon bisher Nutzerdaten – zum Beispiel die Bewegungsdaten für den Verkehr oder die Siri-Eingaben zur Verbesserung des Sprachassistenten. Zweitens: Wo möglich, verarbeitet Apple die Daten direkt auf dem iPhone des Nutzers, ohne dass Informationen nach Kalifornien fließen. Bestes Beispiel: die Fotoanalyse seit iOS 10. Drittens, Daten werden wohl weiterhin nicht für Werbung genutzt oder gar an Dritte verkauft. Viertens, die Analyse erfolgt nur mit Erlaubnis der Nutzer und eine wirkungsvolle Anonymisierung wird – versucht:

Differential Privacy als Schutzmechanismus

Auch bei der neuen Datensammelei will Apple die Nutzerbedürfnisse – den Schutz der persönlichen Daten – wahren. Differential Privacy lautet der Zauberbegriff. Eine genaue Erklärung verschweigt Apple, vereinfacht ausgedrückt dürfte man es sich so vorstellen können: Die Technologie verschleiert die privaten Informationen mit zusätzlichem Datenmüll, und erst in der Masse der anonym erhobenen Daten kann Apple Schlüsse für Verbesserungen und Services ziehen. Ob das so funktioniert, ob nicht doch Behörden an die Daten von Einzelnen kommen könnten, da sind sich Experten nicht einig.

Apple braucht Daten – oder wird abgehängt

Aber warum überhaupt der Aufwand, warum das Risiko, warum will Apple die Daten sammeln? Das Problem ist: Um nicht von der Konkurrenz abgehängt zu werden, braucht Apple Daten. Und zwar viele. Immer mehr Services basieren auf künstlicher Intelligenz (KI), und je mehr Informationen einfließen, desto besser sind die Services. Es geht Apple nicht um die Bereitstellung möglichst passend zugeschnittener Werbung.

Google profitiert von dem großen Datenstrom seines Betriebssystems und der Apps – und zwar nicht nur für Werbemaßnahmen. Der Konkurrent kann die Nutzer mit umfangreicheren Diensten bedienen, weil eben viele Daten nach Mountain View fließen. Das fängt bei kleinen Funktiönchen an, und hört bei Deep-Learning-Prozessen für KI auf. Ein leichtes Beispiel: Seit heute bietet Google Maps für iPhone eine Ansicht der aktuellen Besuchszahlen von Kaufhäusern, Museen etc. Praktisch? Klar! Die Informationen werden natürlich aus den Standortdaten der vielen Smartphones mit Google-Diensten interpretiert.

Mit vielen kleinen Features, aber auch mit der zügigeren Entwicklung von intelligenteren Systemen wie Sprachassistenten können Google, Amazon und Co. Apple davonrennen. Siri ist ja doch noch recht unzuverlässig.

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Spagat zwischen Datenschutz und Service

Apple hat nun einen Spagat zu leisten: Einerseits muss das Unternehmen weiterhin auf den hohen Datenschutz setzen, denn das ist Teil des Geschäftskonzepts. Es gibt genügend Kunden, die Google nicht trauen – oder den Behörden, die alle Daten durchforsten wollen, an die sie nur kommen können. Andererseits muss Apple intelligente Systeme fortentwickeln. Zahlreiche KI-Experten wurden hierfür in den letzten Monaten und Jahren angeworben.

Der Prozess ist nicht nur technisch eine Herausforderung, sondern auch für das Marketing: Apple muss Kunden und potentielle Kunden überzeugen, dass die Daten weiterhin sicher sind. Selbst wenn sie  – auf welche Art auch immer – nach Cupertino fließen. Falls sie das müssen.

Quellen: Apple, Gizmodo, heise online, Zeit Online.

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