iOS 7 vs. Android: Wirklich nichts Neues im Westen [Kommentar]

Amir Tamannai 50

Am gestrigen Abend hat Apple in San Francisco im Rahmen des WWDC-Entwicklerkonferenz neben der nächsten MacOS-Version „Mavericks“ – in Anlehnung an einen Surf-Spot südlich von Frisco – und zugehöriger Hardware vor allem auch iOS 7, die kommende Betriebssystemversion für die mobilen Geräte aus Cupertino, vorgestellt. Während sich Apfelfans in aller Welt aktuell wie die Schneekönige über das zugegeben schicke Update freuen, kommen wir nicht umhin zu denken, dass Apple der Entwicklung in Sachen Smartphones weiterhin und auch auf Software-Ebene nur noch hinterherrennt.

iOS 7 vs. Android: Wirklich nichts Neues im Westen [Kommentar]

Das ist nun also, das neue iOS mit der Ordnungsnummer 7. Für Apple selbst ist das diesmal nicht nur wie gehabt „magical“ und „revolutionary“, sondern markiert tatsächlich „die größte Veränderung an iOS seit dem ersten iPhone“, das bereits 2007 auf den Markt gekommen ist und damals in der Tat ein magisches und revolutionäres Wunder war; seither ist am OS wirklich nicht mehr viel passiert — insbesondere, wenn man dem die großen und stetigen Entwicklungsprünge, die Android in den letzten Jahren gemacht hat, gegenüberstellt.

Das spricht auf der einen Seite dafür, dass iOS eben vom Start weg sehr gut war, zum anderen aber auch dafür, dass Apple als Branchenprimus schlicht nichts tun musste, denn verkauft haben sie so oder so. Vielen Nutzern von iPhone, iPad und iPod sind die Fortschritte, die Android und auch Windows Phone derweil gemacht haben, gar nicht bewusst gewesen. Wie Frösche im langsam heißer werdenden Kochtopf, war man mit dem zufrieden, was man hatte und ruhte sich auf Unternehmens- wie auf Kundenseite auf dem Ruhm der „Gründerjahre“ aus.

Das geht inzwischen nicht mehr: Selbst der hartnäckigste Apple-Fanboy dürfte in den letzten Monaten irgendwo, irgendwie, irgendwann gespürt und geahnt haben, dass vor allem Android dem geliebten iOS in Sachen Funktionalität aber mittlerweile eben auch hinsichtlich des Designs und der Nutzbarkeit den Rang abläuft. Bei Apple selbst wird man sich dieser Entwicklung, auch in Anbetracht des eher nicht so innovativen iPhone 5, sehr, sehr bewusst gewesen sein. Ein neues iOS musste also dringend her, eines, dass die iPhone-Nutzer endlich in die zweite Dekade dieses Jahrhunderts hebt, eines das, wie Apples Chef-Entwickler Craig Federighi es formulierte, nach der Installation beinahe eine neues Gerät aus dem iPhone macht — aber eines, mit dessen Benutzung man bereits vertraut ist.

Und tatsächlich dürften iOS-Nutzer bei der ersten Benutzung der neuen Betriebssystem-Version nicht nur das Gefühl bekommen, ein neues Gerät in Händen zu halten, sondern endlich in der Zukunft angekommen zu sein; umso mehr so, falls sie in letzter Zeit ab und an ein Android-Gerät benutzt haben sollten. iOS 7 sieht toll aus — auch wenn es diverse Inkonsistenzen und Mängel im Design gibt, auf die hier nicht weiter eingegangen werden soll — und bringt viele praktische neue Features — von denen beinahe alle aber unter Android bereits Realität sind. Und zwar jetzt, in diesem Moment, während der Autor diese Zeilen tippt. iOS 7 wird aber erst im Herbst für den Endkunden verfügbar sein, wenn viele Android-Nutzer mit ihrer Software-Version 4.3 (oder gar schon 5.0) bereits den nächsten Schritt in Richtung Zukunft getan haben.

Und so schoss mir während der gestrigen Vorstellung in San Francisco — wo Google noch vor ein paar Wochen, zwar keine neue Android-Version, immerhin aber wieder zahlreiche Detailverbesserungen präsentiert hatte — immer wieder ein Gedanke durch den Kopf: Die lachen sich in Mountain View doch gerade scheckig!

Ob die Mannen um Sundar Pichai im Vorfeld der Apple-Keynote nervös waren, ist uns nicht bekannt — wir wetten aber gleich mehrere Galaxy S4s und HTC Ones darauf, dass sie mit einem Lächeln auf den Lippen der Vorstellung im San Francisco gelauscht haben, ein Lächeln, das spätestens mit der Verlautbarung, iOS 7 stünde ab Herbst für die Nutzer bereit, in ein breites Grinsen übergegangen sein dürfte. Mir ging es jedenfalls so.

Nicht aus Schadenfreude, nicht weil iOS 7 in vielen Bereichen ganz offensichtlich Funktionalitäten und sogar Design-technische Elemente von Android übernimmt (im Gegensatz zu den Patentspießern aus Cupertino sehen wir Android-Fans und auch Google selbst so etwas recht gelassen). Nein, im Gegenteil: Weil iOS 7 zum einen ein riesiges Kompliment, fast eine Hommage an Android ist; und zum anderen, weil der einstige Primus Apple, der für sich stets beanspruchte, Vorreiter und Alleinherrscher über Usability, Softwaredesign und intuitive Funktionalität zu sein, quasi die Waffen gestreckt hat vor dem, was Google mit Android in den vergangenen paar Jahren aus dem Boden gestampft hat.

Ohne in Erbsenzählerei zu verfallen, hier ein paar Beispiele für die Androidisierung von iOS 7:

iOS 7 Command Center (aka Quick Toggles)

iOS bekommt also etwas, das es, sei es als Widget, Notification-Zusatz in diversen Hersteller-UIs seit Jahren, und mit Android 4.2 auch in Stock Android richtig ausgearbeitet gibt: Quick Toggles, die sich unter iOS — Achtung, Differenzierungsmerkmal! — durch ein Wischen vom unteren Bildschirmrand öffnen lassen. Damit lassen sich auf die Schnelle beispielsweise WLAN, Bluetooth, die Helligkeit oder auch der Flugzeugmodus einstellen. Da iOS keine Widgets unterstützt, findet sich dort auch eine Schnellsteuerung des Musik-Players … wie eben auch bei Android.

Lockscreen-Benachrichtigungen

Mit Android 4.2 hat Google den erweiterten Lockscreen eingeführt, der mit allerhand Widgets und Shortcuts versehen werden kann, Apple ermöglicht iOS-Nutzern mit Version 7 wenigstens das Notification-Center aus vom Lockscreen aufzurufen. Apropos Lockscreen: Nur anhand des gesperrten Displays lassen sich fortan ein iPhone und ein Android-Device kaum noch unterscheiden …

iso-vs-android

Der neue Safari-Browser

Apple iOS 7-Version des mobilen Browers kann jetzt alle geöffneten Tabs in einer schicken 3D-Ansicht darstellen … wir sagen nur: Chrome.

chrome

Multitasking

Hier hat Apple tatsächlich ein ausgezeichnetes Konzept — so es denn in der Praxis funktioniert: iOS 7 lernt das Nutzerverhalten und killt selten genutzte Apps im Hintergrund, um Strom zu sparen, während häufig verwendete Apps „am Leben“ gehalten werden. Vom Android-OS bekannt ist allerdings der Zugriff auf laufende oder kürzlich geschlossene Apps, nur statt vertikal scrollt man eben horizontal durch diese. Ach ja, in WebOS gab es das auch schon. Der frühere WebOS- und heutige Android-Chefdesigner Matias Duarte darf sich also gleich doppelt auf die Schultern geklopft fühlen.

Mail-App

Dass Google in Sachen E-Mail und zugehöriger App keiner was vormachen kann, ist eigentlich fast klar — dennoch ist es erstaunlich, wie sehr die Anwendung aus iOS 7 der Gmail-App ähnelt: Wischen zum Löschen und Archivieren, ein Look, der Gmail sehr ähnelt und ein Potpouri an Features, die von der Drittanbieter-Anwendung Mailbox übernommen wurden — ich an Apples Stelle hätte die Mail-Anwendung nicht so stolz gezeigt.

Parallax-Wallpaper

Ein Feature, mit dem der geneigte iOS 7-Nutzer nach der Installation wohl vorrangig hausieren gehen soll, um staunenden Blicke einzufangen, ist der Parallaxen-Effekt, der Vordergrund — also App-Icons — und Wallpaper bei Neigung des Gerätes unabhängig voneinander verschiebt und so den Schein von verschiedenen Ebenen auf den Screen zaubert. Sieht zugegeben cool aus … aber sorry, iPhone-Nutzer, gibt’s unter Android schon lange: Heißt 3D Image Live Wallpaper, kostet 1,24 Euro und kann ab sofort — nicht erst im Herbst — ab Android 2.3 installiert werden.

Daneben sind unter iOS 7 noch neu: automatische App-Updates (wir wussten nicht mal, dass das noch nicht geht), Notification Sync (geht jetzt schon in Hangouts, hat Google auf der I/O für diverse Apps angekündigt), Send-to-Phone für Kalender-Einträge oder Maps-Suchen (Goole Now), Maps for Mac (ohne Worte), AirDrop (NFC, WiFi-Direct), Bing für Siri (auch ohne Worte).

Fazit

Fast taten mir am gestrigen Abend meine iPhone-besitzende Bekannten und Freuden ein bisschen leid, als sie sich in den Sozialen Netzwerken wie die Kinder über iOS 7 freuten und ihre Must-have-Bekundungen posteten. Und dann stellte ich mit Grausen fest, dass sich diese Überheblichkeit, das bessere OS zu nutzen, die man bislang eben aus dem Apfel-Lager kannte, meiner ein wenig bemächtigen wollte. Das darf sie aber nicht, das bin ich nicht, das sind wir Androiden nicht!

Und wie erwähnt, rufen wir deshalb nicht: Diebstahl, Plagiat, alles geklaut! Wir freuen uns, dass das Android-OS zum Innovationsvorreiter geworden ist, zum Vorbild für das einst große iOS. Wir feiern mit den Apple-Nutzern, dass diese ab Herbst so viele feine Features und einen schönen neuen Look, ohne grünen Filz, Holz-Regale und Leder-Texturen spendiert bekommen. Und wir sind stolz und zufrieden, dass Android weiterhin aus Cupertino nichts zu befürchten hat — danke Apple, wir haben euch lieb!

Entwickelt aber bitte fleißig weiter und bringt in Zukunft auch mal wieder eigene tolle Ideen, damit Android sich hier und da ebenfalls an iOS orientieren kann — sonst läuft irgendwann Google vielleicht Gefahr, gemütlich zu werden und sich auszuruhen. Und dann sitzt in ein paar Jahren möglicherweise ein Redakteur einer Apfelseite nach einer I/O am Rechner und tippt solche Zeilen über eine neue Android-Version … grässliche Vorstellung.

via Android Community, Droid Life]

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