Apple CarPlay aka iOS 7 im Auto: Ein Rohrkrepierer? (Kommentar)

Sven Kaulfuss 32

Apple und seine Partner aus dem Automobilsektor gehen es endlich an: Mit „CarPlay“ verbindet sich das iPhone mit dem Bordsystem und bringt so iOS 7 ins Autos. Eine kleine Revolution und doch gegenwärtig nur mit geringen Erfolgsaussichten.

Apple CarPlay aka iOS 7 im Auto: Ein Rohrkrepierer? (Kommentar)

Auf der Entwicklerkonferenz (WWDC) im Sommer letzten Jahres verriet Apple noch nicht viel, dennoch genügte mir dieser kleine Blick durchs Schlüsselloch, um das Potential von „iOS 7 im Auto“ zu erkennen – siehe hierzu meinen älteren Artikel. Was Apple da vorhatte, war nicht mehr oder weniger die Übernahme der gesamten Unterhaltungs- und Informationszentrale unserer heutigen Automobile.

Apple CarPlay: Einheitliche Benutzeroberfläche im Auto

Die Hersteller mühen sich bisher mit wenig intuitiven Bedienkonzepten ab, für die die Kunden obendrein horrende Preise zahlen müssen. Jeder Automobilproduzent kocht dabei sein eigenes Süppchen. „iOS 7 im Auto“ verspricht hingegen eine Vereinheitlichung. Das Apple-Smartphone verbindet sich per USB-Kabel oder WLAN (vorausgesetzt das Auto bietet diese Option) mit dem Bordsystems des Kraftfahrzeuges und ermöglicht so über die Bildschirmanzeige und Steuerung im Auto oder alternativ über Sprachbefehle (Siri Eyes Free) die Interaktion mit dem iPhone. Das Display des Automobils verkommt dabei zum „dummen“ Monitor – inklusive einer einheitlichen Benutzeroberfläche. Das eigentliche Herzstück ist das iPhone – mit all seinen Apps.

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Die Evolution von iOS in Bildern: 10 Jahre eines Betriebssystems.

Apple CarPlay: Start mit wenigen Partnern

Aus dem Konzept wird dieser Tage ein reales Produkt. „iOS 7 im Auto“ heißt ab sofort „Apple CarPlay“ und soll noch in diesem Jahr für eine Reihe von Fahrzeugen erhältlich sein – die Premiere findet auf dem Genfer Automobilsalon statt. Konkret planen Ferrari, Honda, Hyundai, Jaguar, Mercedes-Benz und Volvo, einzelne Fahrzeuge mit „CarPlay“ auszustatten. Später (ab 2015) gesellen sich noch 11 weitere Marken hinzu.

Man kann Apple zunächst beglückwünschen. Mussten sie doch sicherlich eine Menge Überzeugungsarbeit leisten. Immerhin geben dadurch auf lange Sicht die Automobilproduzenten ihren eigenen Führungsanspruch zugunsten eines neuen „Standards“ ab. Warum fortan ein separates Informations- oder Entertainmentsystem entwickeln? Den Job übernimmt zukünftig Apple mit „CarPlay“ und der jeweils neuesten iPhone-Generation (kompatibel ist CarPlay derzeit mit dem iPhone 5, iPhone 5c und iPhone 5s).

Fauxpas: Apple vergisst Bestandsfahrzeuge

Und doch attestiere ich „Apple CarPlay“ gegenwärtig nur beschränkte Erfolgsaussichten. Zwar konnte man schon eine beachtliche Anzahl an Partner gewinnen. Wichtige fehlen jedoch noch – beispielsweise die Volkswagen-Gruppe, derzeit die weltweite Nummer 2 in der Automobilbranche. Auch werden die derzeitigen Produzenten, die sich zu „CarPlay“ bekennen, anfangs nicht die gesamte Fahrzeugflotte flächendeckend damit ausrüsten. Man beschränkt sich auf wenige neue Modelle. Apropos: Allein Neufahrzeuge werden in den Genuss von „CarPlay“ kommen. Dabei besitzen und kaufen die Deutschen mehrheitlich gebrauchte Automobile – ein anhaltender Trend. Das größere Geschäft wittert also bei Bestandsfahrzeugen – das iPhone wechselt man definitiv häufiger als das eigene Fahrzeug. Diesen entscheidenden Markt ignoriert Apple mit „CarPlay“ gänzlich.

Um einen neuen Standard erfolgreich zu etablieren, bedarf es jedoch einer Verbreitung der Technologie in verhältnismäßig kurzer Zeit. Allein mit den handverlesenen Neu-Modellen wird Apple dies nicht gelingen. Ergo: „CarPlay“ muss sich auch nachrüsten lassen, um die große Mehrzahl der Bestandsfahrzeuge bedienen zu können. Ich bin mir sicher: Apple hat dies in den eigenen Planungen berücksichtigt, hält sich jedoch, im Angesicht der taufrischen Vereinbarungen mit den Automobilherstellern, noch bedeckt. Die fordern für den Anfang Exklusivität – das Geschäft machen sie in erster Linie mit Neufahrzeugen.

Kommen bald Nachrüst-Sets für Apple CarPlay?

Allzu lange darf Apple sich jedoch nicht zurückhalten. Spätestens Ende nächsten Jahres sollten auch „Nachrüst-Sets“ erhältlich sein. Gerne in Form von genormten „Autoradios“ (1 DIN und 2 DIN). Apple könnte auch hier mit den Platzhirschen (Pioneer, JVC, Sony etc.) zusammenarbeiten oder selbst ein solches Modell einführen. Positiver Nebeneffekt: Eine ganze Branche würde davon profitieren, denn selber einbauen würden wohl die wenigsten Kunden ein solches Gerät. Was dagegen spricht? Immer mehr Autos ignorieren den bisherigen Standard – derartige Systeme lassen sich dann nicht mehr einsetzen. Aber auch hierfür gebe es einen Kompromiss.

Man nehme einfach ein Stand-Alone-Navigationssystem (TomTom, Garmin etc.) und ermögliche den Anschluss eines iPhones. Der schwächelnde Markt würde sichtlich belebt. Sicherlich: Dies käme für die Hersteller fast schon einer Kapitulation gleich, geben sie doch schon jetzt gegen Smartphones im Auto nach. Dennoch:  Schon heute bieten diese folgerichtig Navigations-Apps mit eigenem Kartenmaterial für iOS und Co an. Die Integration von „CarPlay“ wäre dann nur konsequent und würde verloren geglaubte Kunden zum Teil zurückbringen.

Fazit: Echter Erfolg nur mit Gebrauchtfahrzeugen

Zusammenfassend: „Apple CarPlay“ hat echtes Potential, einen neuen Standard im Automobil zu etablieren. Apple darf nur nicht bereits an der Startlinie oder auf halber Strecke aufgeben. Erfolg kann es letztlich nur dann geben, wenn man Bestandsfahrzeuge in die Vertriebsstrategie früher oder später  integriert.

Bildquelle (Titel): Car crash on white background von shutterstock

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