"Wir würden nur noch DRM-freie Musik in unserem iTunes Store verkaufen"

Thomas J. Weiss

In einem offenen Brief hat sich Steve Jobs an die Kritiker DRM-geschützter Musik gewandt. Die Überraschung: Er ist anscheinend einer von ihnen. macnews.de hat die Überlegungen des Apple-CEOs frei und in voller Länge ins Deutsche übersetzt.

Überlegungen zur Musik

Steve Jobs am 6. Februar 2007

Einhergehend mit dem atemberaubenden weltweiten Erfolg von Apples Musikplayer, des iPods und des iTunes Online Music Stores haben manche dazu aufgerufen, das System zum digitalen Rechtemanagent (DRM) zu „öffnen“, das Apple verwendet, um seine Musik gegen Diebe zu schützen. Sie wünschen sich, man könne mit iTunes gekaufte Musik auf digitalen Geräten abspielen, die man bei anderen Herstellern gekauft hat. Außerdem fordern sie, dass geschützte Musik aus anderen Online-Musikläden sich auf dem iPod abspielen lässt. Lassen Sie uns die gegenwärtige Situation untersuchen – und wie es dazu gekommen ist. Dann wollen wir drei mögliche Alternativen für die Zukunft ins Auge fassen.

Am Anfang ist es von Nutzen, sich ins Gedächtnis zu rufen, dass alle iPods auch Musik abspielen, die frei von DRM und in einem „offenen“ lizensierbaren Format wie MP3 und AAC kodiert ist. iPod-Anwender können Musik aus vielen Quellen beziehen und tun das, dazu gehören auch ihre eigenen CDs. Musik auf CDs lässt sich leicht in die kostenlos herunterladbare iTunes-Jukebox-Software einlesen, die sowohl auf Macs als auch auf PCs läuft. Dort wird sie automatisch kodiert, entweder ins AAC- oder ins MP3-Format und völlig ohne DRM. Diese Musik kann man auf iPods und auf jedem anderen Musikplayer abspielen, der diese offenen Formate unterstützt.

Der Haken aber liegt in der Musik, die Apple online im iTunes Store verkauft. Da Apple selbst keinerlei Musik besitzt und keine Kontrolle darüber besitzt, muss sich die Firma sich Rechte zum Vertreiben von Musik von anderen einräumen lassen. In erster Linie sind das die „vier großen“ Musikkonzerne: Universal, Sony BMG, Warner und EMI. Diese vier Firmen kontrollieren den Vertrieb von über 70 Prozent der Musik weltweit. Als Apple sich an sie gewandt hat, um Musik legal übers Internet vertreiben zu dürfen, waren sie extrem vorsichtig. Sie haben von Apple verlangt, ihre Musik davor zu schützen, illegal kopiert zu werden. Die Lösung dafür war, ein DRM-System zu erschaffen, das jedes im iTunes Store gekaufte Lied in eine spezielle und geheime Software verpackt und so verhindert, dass sie sich auf nicht autorisierten Geräten abspielen lässt.

Apple hat es damals geschafft, bahnbrechende Nutzerrechte zu erstreiten: Dazu gehört, dass jeder Anwender seine DRM-geschützte Musik auf bis zu fünf Computern und auf einer unbegrenzten Anzahl von iPods abspielen kann. Solche Rechte von den Musikkonzernen zugesprochen zu bekommen, das hatte es zu dieser Zeit noch nie vorher gegeben und noch heute haben das viele andere digitale Musikdienste nicht erreicht. Allerdings ist eine der wichtigsten Bestimmungen in unserer Übereinkunft, dass wir sofort reagieren müssen, wenn unser DRM-System lückenhaft wird und sich auf nicht authorisierten Geräten abspielen lässt. Wir haben dann nur wenige Wochen Zeit, um das Problem zu beheben, bevor sie ihren kompletten Musikkatalog aus dem iTunes Store zurückziehen können.

Um illegale Kopien zu verhindern, müssen DRM-Systeme dafür sorgen, dass nur autorisierte Geräte die geschützte Musik abspielen. Wenn die Kopie eines DRM-geschützten Titels ins Internet gestellt wird, sollte er sich auf dem Computer oder tragbaren Musikspieler des Downloaders nicht abspielen lassen. Um das zu erreichen, verwendet ein DRM-System geheime Techniken. Es gibt keinen anderen Ansatz, wie man Inhalte schützen könnte, ohne diese Geheimnisse zu bewahren. In anderen Worten: Selbst wenn jemand die ausgeklügeltsten kryptographischen Sperren verwendet, um aktuelle Musik zu schützen, muss er noch immer den Schlüssel „verstecken“, der die Musik auf dem Computer oder tragbaren Musikspieler des Anwenders wieder entsperrt.

Natürlich ist dabei das Problem, dass es eine Menge pfiffiger Leute auf der Welt gibt – manche davon mit einer Menge freier Zeit – die nichts lieber tun, als solche Geheimnisse zu entschlüsseln und eine Möglichkeit zu schaffen, wie jeder an kostenlose (und gestohlene) Musik kommen kann. Oft sind sie nur dabei erfolgreich und so muss jede Firma, die versucht, ihre Inhalte mit einem DRM zu schützen, dieses immer wieder aktualisieren. Sie muss erreichen, dass es schwieriger wird, die Geheimnisse zu entdecken. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel. Apples DRM-System heißt FairPlay. Obwohl wir einige wenige Sicherheitslecks in FairPlay hatten, haben wir es geschafft, sie alle zu schließen: mit Updates der Software unseres iTunes Stores, der iTunes Jukebox-Software und der Software in den iPods selbst. Bis heute haben wir unsere Verpflichtung gegenüber den Musikkonzernen eingehalten, ihre Musik zu schützen. Und wir haben unseren Anwendern die liberalsten Nutzerrechte ermöglicht, die es in der gesamten Industrie für legale Online-Musik gibt.

Lassen Sie uns nun vor diesem Hintergrund drei Alternativen für die Zukunft erörtern.

Die erste Alternative ist es, auf dem aktuellen Weg weiter zu machen: Jeder Hersteller tritt im freien Wettbewerb mit seinem eigenen proprietären System an, über alle Marktsegmente hinweg: beim Kaufen, Abspielen und Schützen seiner Musik. Auf dem Markt herrscht eine starke Konkurrenz, große weltweit aktive Firmen investieren viel Geld, um neue Musikplayer und Online-Musikläden zu entwickeln. Apple, Microsoft und Sony konkurrieren alle mit proprietären Systemen. Musik, die man in Microsofts Zune-Store gekauft hat, lässt sich nur auf einem Zune abspielen. In Sonys Connect-Store gekaufte Musik lässt sich nur auf einem Sony-Player abspielen. Und Musik, die man in Apples iTunes Store gekauft hat, läuft eben nur auf einem iPod. Das ist der aktuelle Stand der Dinge auf dem MArkt und die Kunden werden mit einem fortlaufenden Angebot innovativer Produkte und einer großes Auswahl gut bedient.

Nun allerdings werfen manche ein, dass Verbraucher immer dann, wenn sie eine Auswahl von Musik in einem der proprietären Läden kaufen, für immer und ausschließlich an die Musikplayer dieser einen Firma gebunden sind. Oder dass sie, wenn sie einen spezifischen Player kaufen, Musik ausschließlich im Music Store dieser Firma kaufen können. Ist das wahr? Lassen Sie uns die Statistiken für den iPod und den iTunes Store betrachten – das sind die beliebtesten Produkte am Markt und uns liegen für sie genaue Daten vor. Bis Ende 2006 hatten die Verbraucher 90 Millionen iPods und 2 Milliarden Musiktitel im iTunes Store gekauft. Durchschnittlich sind das 22 im iTunes Store gekaufte Titel, die auf jeden jemals verkauften iPod kommen.

Der heute populärste iPod fasst 1000 Titel und Untersuchungen zeigen uns, dass der Durchschnitts-iPod fast vollständig befüllt ist. Das bedeutet, dass nur 22 der 1000 Titel oder 3 Prozent der Musik auf dem Durchschnitts-iPod im iTunes Store gekauft werden und DRM-geschützt sind. Die verbleibenden 97 Prozent der Musik sind ungeschützt und lassen sich auf jedem Player abspielen, der die offenen Formate unterstützt. Es fällt schwer zu glauben, dass nur 3 Prozent der Musik auf dem durchschnittlichen iPod ausreichen, um den Anwender dazu zu verdammen, in Zukunft nur noch iPods zu kaufen. Und da 97 Prozent der Musik auf dem Durchschnitts-iPod nicht im iTunes Store gekauft worden ist, sind iPod-Anwender auch bestimmt nicht an den iTunes Store gebunden, um ihre Musik zu erstehen.

Die zweite Alternative für Apple ist es, seine FairPlay-DRM-Technik an aktuelle und zukünftige Mitbewerber zu lizensieren und so die Interoperabilität zwischen den Playern und Music Stores der verschiedenen Anbieter zu gewährleisten. Oberflächlich betrachtet scheint diese Idee gut, denn sie würde dem Verbraucher jetzt und in Zukunft eine größere Auswahl bieten. Und Apple würde einen Vorteil daran haben, niedrige Lizenzgebühren für sein FairPlay-DRM verlangen zu können. Doch wenn wir ein wenig unter der Oberfläche kratzen, zeichnen sich die Probleme ab. Der größte ist, dass zum Lizensieren eines digitalen Rechtemanagements zwingend gehört, dass man einen Teil seiner Geheimnisse vielen Leuten in vielen Firmen verrät. Die Geschichte aber lehrt uns, dass diese Geheimnisse dann unvermeidbar an undichte Stellen geraten. Das Internet hat solche undichten Stellen noch viel gefährlicher gemacht, da eine einzige sich bereits in weniger als einer Minute über die ganze Welt verteilen kann. Solche Lecks führen schnell zu Software, die sich im Internet frei herunterladen lässt, die den DRM-Schutz ausschaltet und möglich macht, dass man vorher geschützte Songs auf nicht autorisierten Playern abspielt.

Ein ebenso ernstes Problem ist es, durch solche ein Informationsleck entstandene Schäden schnell wieder zu reparieren. Der Erfolg einer solchen Reparatur wird wahrscheinlich vorausstzen, dass man die Software des Music Stores mit neuen Geheimnissen ausbaut, außerdem die Software der Jukebox und die in den Playern. Dann muss man die aktualisierte Software an die zehn (oder hundert) Millionen Macs, Windows-PCs und Player übertragen, die bereits im Einsatz sind. All das muss schnell und gut koordiniert geschehen. Solch ein Unterfangen ist bereits sehr schwierig, wenn eine einzige Firma alle Stränge in der Hand hält. Fast unmöglich wird es, wenn viele verschiedene Firmen verschiedene Stränge kontrollieren und alle von ihnen schnell und gemeinsam handeln müssen, um den verursachten Schaden zu reparieren.

Die Firma Apple schließt daraus, dass sie nicht länger den Schutz der von den vier großen Konzernen überlassenen Musik garantieren kann, wenn sie FairPlay an andere lizensiert. Vielleicht hat der selbe Schluss zu Microsofts jüngster Entscheidung beigetragen, von der Begeisterung für ein „offenes“ Modell Abstand zu nehmen und das eigene DRM nicht mehr an andere zu lizensieren. Auch Microsoft zieht nun ein „geschlossenes“ Modell vor und bietet einen proprietären Music Store an, eine proprietäre Jukebox-Software und einen proprietären Player.

Die dritte Alternative ist es, digitales Rechtemanagement komplett abzuschaffen. Stellen Sie sich eine Welt vor, in der jeder Online Store DRM-freie Musik verkauft, die in einem offenen und lizensierbaren Format kodiert ist. In solch einer Welt kann jeder Player in jedem Store gekaufte Musik abspielen und jeder Store Musik verkaufen, die auf allen Playern läuft. Das ist für Verbraucher sicher die beste Alternative und Apple würde sie umsetzen, ohne auch nur einen Moment zu zögern. Wenn die vier großen Musikkonzerne ihre Musik an Apple lizensieren würden, ohne den Schutz durch ein DRM zu verlangen, würden wir uns daran machen, nur noch DRM-freie Musik in unserem iTunes Store zu verkaufen. Jeder iPod, den wir jemals hergestellt haben, würde diese DRM-freie Musik abspielen.

Doch warum wollten die vier großen Musikkonzerne damit einverstanden sein und Apple und andere ihre Musik ohne DRM-Systeme vertreiben lassen, die sie schützen? Die einfachste Antwort ist: Weil DRM-Systeme es nicht geschafft haben und es vielleicht nie schaffen werden, den illegalen Downloads von Musik ein Ende zu bereiten. Denn während die vier großen Musikkonzerne verlangen, dass alle ihre online verkaufte Musik DRM-geschützt ist, verkaufen dieselben Musikkonzerne Milliarden von Musik-CDs im Jahr, die völlig ungeschützte Musik enthalten. Das ist richtig! Kein DRM-System wurde jemals für die CD entwickelt, deshalb kann man alle auf CDs angebotene Musik leicht ins Internet hochladen, dann (illegal) herunterladen und auf jedem Computer oder Player abspielen.

2006 wurden 2 Milliarden DRM-geschützter Titel weltweit in Online-Läden verkauft, während die Musikkonzerne selbst über 20 Milliarden Titel komplett DRM-frei und ungeschützt auf CDs verkauft haben. Die Musikkonzerne verkaufen die überwältigende Mehrheit ihrer Musik DRM-frei und machen keinerlei Anstalten, das zu ändern. Denn die überragende Mehrheit ihrer Einnahmen hängt davon ab, dass sie CDs verkaufen, die sich in CD-Playern abspielen lassen, die kein DRM-System unterstützen.

Wenn also die Musikkonzerne über 90 Prozent ihrer Musik DRM-frei verkaufen, welche Vorteile haben sie dann, die übrigen wenigen Prozent ihrer Musik DRM-belastet zu verkaufen? Es scheint keine zu geben. Höchstens den, dass der technische Sachverstand und die Kosten, die das Erstellen, Anbieten und Aktualisieren eines DRM-Sytems verlangen, die Anzahl derer klein hält, die DRM-geschützte Musik verkaufen. Würde man solche Anforderungen nicht mehr stellen, könnte die Musikindustrie einen Zustrom neuer Anbieter erleben, die in innovative neue Stores und Musikspieler investieren. Das können die Musikkkonzerne doch nur als positiv empfinden.

Viele der Bedenken gegen DRM-Systeme haben ihren Ursprung in europäischen Ländern. Vielleicht sollten die, die mit der jetzigen Situation unzufrieden sind, ihre Kraft besser dafür verwenden, die Musikkonzerne vom Verkauf DRM-freier Musik zu überzeugen. Schließlich sitzen zweieinhalb der vier großen Musikkonzerne mitten unter ihnen: Der größte, Vivendi Universal, gehört zu 100 Prozent Vivendi, einer französischen Firma. EMI ist eine britische Firma und Sony BMG gehört zur Hälfte Bertelsmann, einer deutschen Firma. Wenn man sie davon überzeugt, ihre Musik an Apple und andere DRM-frei zu lizensieren, wird das zu einem wirklich offenen Marktplatz für Musik führen. Apple wird das von ganzem Herzen und mit Begeisterung begrüßen.

Thomas J. Weiss übersetzte frei nach Steve Jobs“ Thoughts on Music

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