OS X 10.9 Mavericks, iLife und iWork kostenlos: Warum verschenkt Apple seine Software? (Kommentar)

Sven Kaulfuss

Findet bei Apple dieser Tage ein Paradigmenwechsel statt? Der Hersteller ist in Geberlaune und verschenkt freimütig OSX 10.9 Mavericks, sowie die neuesten Versionen des iLife- und iWork-Bundles an seine Kunden. Purer Altruismus oder kühle Berechnung?

OS X 10.9 Mavericks, iLife und iWork kostenlos: Warum verschenkt Apple seine Software? (Kommentar)

Überraschung: OS X 10.9 Mavericks und Co kostenfrei

Die größte Überraschung bei der finalen Vorstellung von OS X 10.9 Mavericks hatte niemand in petto. Musste man bisher für fast jedes größere System-Update (abgesehen von Mac OS X 10.1 Puma) einen Obolus an Apple entrichten, so verzichten die Mannen in Cupertino zukünftig auf diese Einnahmen. Mavericks ist und bleibt ein kostenfreies Update. Nicht genug der Geschenke: Auch die neuen Versionen von Pages, Keynote und Numbers (iWork) gibt es für Neukunden eines Macs und eines iOS-Gerätes (iPhone, iPad und iPod touch) ohne Aufpreis. Selbst Besitzer von älteren Vorversionen (Mac) profitieren hiervon. Wenngleich das kostenlose Update nicht immer problemlos zu bekommen ist.

Die iLife-Anwendungen (iPhoto, iMovie und GarageBand) gab es bisher nur für Käufer eines Macs kostenfrei. Im September erweiterte man dieses Angebot auf die iOS-Gefolgschaft. Auch sie erhalten die iLife-Apps bei Neukauf eines Gerätes unentgeltlich.

Unterm Strich: Apple „verschenkt“ großzügig seine Softwareschätze an die geneigte Kundschaft. Der skeptische Anwender fragt sich: Handelt es sich dabei nur um eine einmalige Aktion, ein Lockangebot?

Bilderstrecke starten
20 Bilder
Die 18 besten Easter Eggs auf Mac und iPhone.

Strategie: Auch zukünftige Versionen von OS X gratis

Dem widerspricht Apple-Chef Tim Cook höchstpersönlich. Innerhalb der Telefonkonferenz zur Bekanntgabe der Werte des zurückliegenden Geschäftsquartals verkündet er: Auch zukünftige Versionen von OS X werden kostenfrei sein und es bleiben. Im Umkehrschluss gilt dieser Grundsatz bis auf Weiteres gleichfalls für die erwähnten iLife- und iWork-Programme. Dies bedeutet: Apple verteilt nun in Gänze alle seine Betriebssysteme (OS X 10.9 Mavericks und iOS 7) und größtenteils auch sämtliche Versionen der Produktivitätssoftware für Endverbraucher (iWork und iLife) kostenfrei. Kostenpflichtig bleiben allein Profi-Programme wie Final Cut Pro X, Logic Studio, Aperture und die Server-Erweiterung für OS X. Wie Apple gestern bekanntgab, verzichtet man durch diese neue Strategie zunächst auf Einnahmen in Höhe von 900 Millionen Dollar. Ein schlechter Deal für den Hersteller?

Begründete Geschenkvergabe: Ausbau der Kundenbindung

Nicht wirklich. Tim Cook legitimiert die einschneidende Entscheidung zunächst mit einfachen Worten: „Ein weiterer Grund, warum ein jeder einen Mac kaufen solle.“ Die Zielsetzung: Ein jeder Kunde solle unkompliziert Zugang zur neuesten Software von Apple erhalten. So könne man alle neuen Funktionen auch tatsächlich nutzen. Dem Bezahlmodell der Konkurrenz erteilt Cook derweil eine Absage, dieses passe nicht zur Erlebniswelt von Apple. Zusammengefasst: Gewinnung von Neukunden und die Bindung dieser an das Ökosystem von Apple gaben den Ausschlag für die neuerliche „Beschenkung“. Gewinne möchte man zukünftig hauptsächlich über den Geräteverkauf erwirtschaften – ein Konzept, welches schon heute Gültigkeit besitzt.

Apple versteht sich sowohl als Hard- als auch als Software-Firma – nur wenn beide Bestandteile optimal aufeinander abgestimmt sind, kommt es zum gewünschten Synergie-Effekt. Das eigentliche „Apple-Erlebnis“ ist größer als die mathematische Summe von Betriebssystem, App-Vielfalt und wohlgestalteter Hardware. Fürwahr: Kein anderer Hersteller versteht dieses Konzept so gut wie der kalifornische Hersteller – ein bisher (noch) unerreichtes Paradebeispiel. Ergo: Die Software ist demnach integraler Bestandteil des Erlebnisses und wird durch den Hardware-Verkauf refinanziert.

Positiver Nebeneffekt: Entwickler können sich zukünftig auch beim Desktopsystem OS X hauptsächlich auf die Unterstützung der jeweils aktuellsten Version konzentrieren. Der Grund: Anwender aktualisieren ihre Systeme bei kostenlosen Updates nachgewiesen in wesentlich kürzerer Zeit. Vorgemacht hat dies das Ökosystem von iOS. Apple überträgt die gesammelten Erfahrungswerte nun auch auf den Mac.

Rückbesinnung: Mac OS schon früher kostenlos

Wirklich neu ist der Ansatz im Mac-Bereich übrigens nicht. Das klassische Mac OS gab es bis zur Version 7.0 kostenfrei – Kopieren war erlaubt und erwünscht. Erst mit Mac OS 7.1 verkaufte Apple das System auch regulär. Dieser Tage besinnt man sich auf alte Zeiten. Schon zuvor rückte man vom klassischen, teuren Software-Verkauf ab. Ab Mac OS X 10.6 Snow Leopard gab es nur noch kostengünstige Updates zu erwerben. Musste man vorher circa 130 Euro für eine Vollversion auf den Tisch legen, so genügte die Entrichtung eines kleinen Obolus – zuletzt in Höhe von 17,99 Euro. Auch Anwendersoftware wurde in der Vergangenheit oftmals mit dem Mac „kostenfrei“ zusammenverkauft – früher MacPaint und MacDraw, später Claris- bzw. AppleWorks (Vorläufer von iWork).

Für Kunden: „Vorkassenzahlung“

Für den Kunden ist die wiederentdeckte Geberlaune von Apple gegenwärtig ein Segen – abgesehen von kleinen Verstimmungen hinsichtlich des Funktionsumfangs (iWork). Apple „verschenkt“ bereitwillig die Kronjuwelen an die wohlgestimmte Kundschaft. Diese sollten allerdings nicht vergessen: Die Eintrittskarte in Form eines Macs, eines iPhones oder eines iPads hat man schon zuvor entrichtet. Die Software ist also im Vorfeld bezahlt. Apropos: Die Erfahrung lehrt uns, möchte man auch zukünftig die Vorzüge der „Software-Flatrate“ genießen, so wird der gelegentliche Neukauf eines der zuvor genannten Produkte vorausgesetzt – ein perfekter Kreislauf und eine nicht endende Wertschöpfungskette. Beständiger als so manche Ehe.

Bildquelle (Titel): Bearded man with gift box… von shutterbox

Zu den Kommentaren

Kommentare zu diesem Artikel

Weitere Themen

* Werbung