Paranoid Android: Custom ROM zwischen Tablet und Smartphone

Lukas Funk 10

Seit geraumer Zeit schon erreichen uns Anfragen, dass wir die Paranoid Android-ROMs genauer unter die Lupe nehmen sollen. Diese ROM, die in einschlägigen Foren schon für Furore sorgte und sich mittlerweile als dritte Größe neben CyanogenMod und AOKP positionieren kaonnte, erlaubt dem Benutzer das nahtlose Wechseln zwischen Smartphone- und Tablet-Ansicht, individuell einstellbar für jede App. Hier folgt nun die Zusammenfassung eines paranoiden Wochenendes.

Paranoid Android: Custom ROM zwischen Tablet und Smartphone

Als mit Version 4.0 „Ice Cream Sandwich“ Androids Tablet- und Smartphone-Ableger vereinigt wurden, war die Neugier groß: Was sind die Unterschiede zwischen den Ansichten? Und kann ein auf dem Smartphone installiertes Android auch die Tablet-Darstellungsart anzeigen? Dem Ethos der Android-Entwicklergemeinde folgend wurde nicht lange überlegt, sondern kurzerhand eine Möglichkeit gesucht – und gefunden. Hierzu müssen lediglich wenige Zeilen in der Systemdatei Build.prop abgeändert werden, was bei Geräten mit Root-Zugriff ohne Probleme möglich ist. Dies suggeriert beispielsweise einem Smartphone, es hätte zur Darstellung einen größeren Bildschirm zur Verfügung – prompt stellt es die Tablet-Oberfläche dar. Die Folge dieser Entdeckung war eine Flut an Tablet-UI ROMs, die für verschiedene Smartphones entwickelt wurden. Auf Geräten mit größeren Bildschirmen, allen voran dem Samsung Galaxy Note, fand diese Art das Smartphone zu benutzen schnell eine große Anhängerschaft.

So war es dann auch das Galaxy Note Nexus, auf dem die Entwicklung von Paranoid Android ihren Anfang nahm. Diese Custom ROM, die ihren Namen von Marvin, dem paranoiden Androiden aus Douglas Adams‘ Romanreihe „Per Anhalter durch die Galaxis“ erhielt (und gewiss auch den gleichnamigen Radiohead-Song referenziert), versucht sich nicht zwischen beiden Darstellungsformen zu entscheiden, sondern diese Wahl dem Nutzer zu überlassen. Individuell, App für App.

Installation von Paranoid Android – unerwartet gewöhnlich

Doch von vorn. Paranoid Android, verfügbar über die Website der Entwickler, liegt wie die meisten übrigen Custom ROMs als ZIP-Datei vor und kann über die gängigen Recovery-Systeme auf das Smartphone geflasht werden. Da ihre Grundlage die CyanogenMod 10, also eine AOSP-basierte ROM bildet, müssen Googles Apps durch ein separates Paket nachinstalliert werden.

Nachdem man beim Neustart von einem niedlichen (oder panischen? Paranoiden!) Maskottchen begrüßt wird, erscheint der Homescreen zunächst ernüchternd – er sieht aus wie immer. Doch schon ein Blick in die Systemeinstellungen offenbart das Potenzial dieser ROM: Sie erscheinen im Tablet-artigen Zweispaltenlayout. Die linke Spalte – im Entwicklerjargon „Fragment“ genannt – zeigt die Einstellungskategorien während auf der rechten Seite die Einstellungen selbst vorgenommen werden können. Neben den vielen komfortablen Optionen der CyanogenMod 10 übersieht man fast den Entscheidenden Eintrag „Paranoid Settings“, praktisch das Kontrollzentrum der Paranoia.

Die Systemoberfläche von Paranoid Android

Die Einstellungen, die man dort vorfindet, setzen an zweierlei Stellen an. Die erste Option – „Configuration“ – legt das Aussehen und Grundverhalten der Benutzeroberfläche („System UI“) fest. Zur Auswahl stehen hier, durch Vorschaubilder veranschaulicht, drei Grundeinstellungen, teilweise mit Variationen im Detail. Um eine Änderung wirksam zu machen, muss das Smartphone neu gestartet werden. Die Option, „Stock UI Hybrid mode off“, deaktiviert alle namensgebenden Eigenschaften der ROM, sowohl Oberfläche als auch Apps werden dann wie gewohnt dargestellt. Die darunterliegende Variation „Stock UI Hybrid mode on“ stellt die System UI wie gewohnt dar, erlaubt es aber, Apps im Tablet-Layout darzustellen – dazu später mehr.

In der neuesten Version unterstützt Paranoid Android die sogenannte „Phablet UI“, die mit Googles Nexus 7 eingeführt wurde. Diese unterscheidet sich von der gewohnten Oberfläche vor allem durch die Darstellung der Benachrichtigungen, die nicht den kompletten Bildschirm für sich beanspruchen, sondern zentriert dargestellt werden. Da diese Darstellungsform für 7 Zoll-Tablets optimiert ist, erscheint der Text auf kleineren Bildschirmen auch entsprechend kleiner.

Die dritte Möglichkeit stellt das System auf Tablet-Betrieb um. Dies ist in drei Variationen möglich, die sich lediglich in der Größe der Darstellung der Systemelemente unterscheiden. Abhängig von der gewählten Größe ist auch die Zahl der sichtbaren Benachrichtigungselemente und die Einblendung der Uhr. Letztere fällt bei großen Symbolen komplett weg.

Da sie am weitesten von der nativen Oberfläche eines Smartphones entfernt ist, bringt diese Option erwartungsgemäß auch die meisten Probleme mit sich. Nutzt man das Smartphone im Landscape-Modus, so ist der Bildschirm nicht groß genug, um die komplett ausgeklappten Benachrichtigung anzuzeigen. Sie ragen über den oberen Rand hinaus. Im Portrait-Modus dagegen muss man sich darüber ärgern, dass bei neuen Benachrichtigungen wie eingehenden E-Mails die Fußleiste fast komplett bedeckt wird, sodass nicht mehr alle Navigationsbuttons erreichbar sind. Sehr gut gelöst dagegen ist das öffnen der Benachrichtigungsleiste. Dieses erfolgt durch eine Wischbewegung vom rechten unteren Bildschirmrand. Durch einen Aufwärtswisch von links unten öffnet man dagegen Google Now.

Individuelle Konfiguration der Anwendungen

Gestaltet sich die Konfiguration des Systems durch die vorgegebenen Einstellungen relativ einfach, benötigt man für das Einrichten einzelner Apps ob der Fülle an Optionen und Kombinationsmöglichkeiten mehr Zeit und Geduld.

Das Aussehen einer App kann im entsprechenden Reiter der Paranoid Settings durch zwei Parameter bestimmt werden. „Layout/UI“ legt zunächst, wie in den Einstellungen der SystemUI oben, durch Vorgaukeln verschiedener Bildschirmgrößen das Grundaussehen einer Anwendung fest, also Tablet- oder Smartphone-Modus. Hierfür stehen bis zu sechs verschiedene Größen zur Verfügung. Unabhängig davon kann man unter „Size“ die Größe von App-Elementen wie Kopf-oder Fußzeilen durch ändern der DPI anpassen, um beispielsweise Schriftzüge besser lesbar zu machen oder, im umgekehrten Fall, die von Navigationselementen eingenommene Fläche zu verringern und mehr von der App zu sehen.

Nach vorgenommenen Änderungen muss eine Anwendung nur geschlossen und neu gestartet werden, um das Resultat zu betrachten. Da das Kalibrieren der Darstellung nach eigenen Wünschen schon aufwändig genug ist, automatisieren die Paranoid Settings diesen Vorgang mit einem Klick auf den Vorschau-Button.

Persönlicher Eindruck von Paranoid Android: Google knows what’s best

Wie unsere Leser war auch ich sehr gespannt auf dieses ROM. Die Fähigkeit, flexibel und nach Geschmack zwischen verschiedenen Layouts wechseln zu können, klingt zunächst sehr verlockend. Von den vielfältigen Einstellungsmöglichkeiten gewarnt, habe ich mir deshalb auch ein komplettes Wochenende Zeit genommen, mich mit Paranoid Android auf meinem Galaxy Nexus auseinanderzusetzen, um jetzt zu Beginn der Woche möglichst nüchtern darüber berichten zu können.

Zunächst die positiven Eindrücke: Flexibilität! Wer, wie ich, gerne an technischem Gerät hantiert und Rechner sowie Smartphone bis ins Detail seinem Geschmack anpassen möchte, wird an diesem ROM viel Spaß haben. Möchte man dagegen möglichst schnell ein gut funktionierendes System, sollte man Paranoid Android gar nicht erst herunterlanden. Besonders auf dem Galaxy Nexus (oder jedem anderen Smartphone mit Software-Tasten) hat die Tablet-Oberfläche den entscheidenden Vorteil, dass weniger Fläche für Navigationselemente genutzt wird und so mehr für die Darstellung von Anwendungen bleibt. Ich fühlte mich dann auch direkt an die großen Bildschirme der Galaxy S3 meiner Nebensitzer erinnert, auf die ich im Büro des Öfteren neidisch blicke.

Doch was wäre ein paranoides Custom ROM mit einseitigem Testurteil?

Paranoid Android ist inhärent inkonsistent. Mir fehlt die Homogenität, mit der Android-Benutzer spätestens seit Ice Cream Sandwich verwöhnt werden und die sie seither sehr zu schätzen wissen. Die Tablet-Ansicht ist für Tablets optimiert, nicht für Smartphones. Was nützt es mir, wenn der Kalender in der Übersicht statt eines farbigen Streifens einen farbigen Streifen mit den ersten drei Buchstaben des Termins anzeigt? Das ist nicht nur nutzlos, sondern vor allem hässlich. Warum sollte ich in Chrome wertvolle Bildschirmfläche für die Anzeige von Tabs verschwenden, wenn ich sowieso per Wisch zwischen ihnen Wechseln kann?

Meiner Meinung nach hat Google beim Anpassen der Oberfläche auf die verschiedenen Bildschirmgrößen einen guten Mittelweg zwischen Übersichtlichkeit und Inhalt gefunden. Solche Vorgaben zu umgehen liegt, wenn man so möchte, in der Natur der Android-Entwicklergemeinde, und genau dies macht den Reiz eines offenen Betriebssystems aus. Doch manchmal ist die Vorgabe schon so gut, dass eine Veränderung nicht nötig ist.

tl;dr: Paranoid Android ist eine tolle Entwicklung, die das Potential sowohl des Betriebssystems als auch der Dev-Community veranschaulicht und deshalb definitiv einen Blick wert. Um es im Alltag zu benutzen ist es (mir) jedoch zu inkonsistent.

Habt ihr auf eurem Gerät schon einmal ein Paranoid Android-ROM getestet? Nutzt ihr PA gar im Alltag? Falls ja, wie waren bzw. sind eure Erfahrungen damit? Eindrücke bitte in die Kommentare!

Website der Entwickler

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