Freihand in Illustrator

Karl Bihlmeier

Das papierlose Büro rückt näher. Skizzen, Entwürfe und komplette Cartoons lassen sich jetzt auch vollständig am Computer erstellen. Und das mit allen Vorteilen einer Vektorgrafik

Der Name Illustrator legt die Messlatte sehr hoch. Die Menge an Werkzeugen und Funktionen in diesem Grafikprogramm überrascht selbst gestandene Profis immer wieder. Dennoch kommt es eher für konstruk­tive Techniken mit dem Zeichenstift – der eigentlich keiner ist – und geometrische Formen zum Einsatz. Die Freihandillustration wird lieber in pixelorientierten Programmen wie Photoshop und Painter realisiert. Denn besonders in Ver⁠bindung mit einem drucksensitiven Grafiktablett lassen sich die Ergebnisse von traditionellen Illustrationstechniken dann nicht mehr unterscheiden.

Dabei bieten gerade die Freihand-Werkzeuge in Illustrator Möglichkeiten, die so in pixelbasierten Programmen nicht zu finden sind: Das Ergebnis ist, wie bei Vektorgrafiken üblich, ohne Qualitätsverlust frei skalierbar, also vom A0-Print bis zur Briefmarke immer absolut konturscharf. Jeder einzelne Strich der Zeichnung bleibt jederzeit im Detail voll editierbar. Die Ausrede, man könne nicht zeichnen, darf also hier nicht mehr gelten. Schlimmstenfalls dauert es etwas länger, um ein attraktives Ergebnis zu erreichen.

In diesem Workshop zeigen wir, wie Sie freihändig eine Comic-Illus­tration erstellen. Die Vorgehens­weise eignet sich natürlich auch für viele andere künstlerische Illustrationen. Das Besondere in diesem Fall: Sie benötigen keine Vorzeichnung auf Papier mehr. Das Einscannen können Sie sich getrost sparen. Mit dem Buntstift-Werkzeug kann die Vorzeichnung auch direkt in Illustrator erstellt werden.

Der Buntstift muss sich dazu wie sein analoges Gegenstück verhalten. Öffnen Sie mit einem Doppelklick auf das Buntstift-Symbol in der Werkzeugleiste des­sen Voreinstellungen. Als geübter Zeichner arbeiten Sie mit eher kleinen Werten, also einer Genauigkeit von 2 bis 3 Pixel, in denen der Pfad der Maus- be⁠ziehungsweise Stiftbewegung folgt. Eine Glättung von 10 bis 15 Prozent kom⁠pensiert kleine Zitterer in der Hand⁠bewegung. Stehen Sie dagegen mit Zeichenstiften eher auf Kriegsfuß, lassen Sie sich die Konturen vom Programm mit et⁠was höheren Werten glätten (4 bis 6 Pixel und 25 bis 30 Prozent).

Damit sich der Buntstift wirklich wie sein analoges Gegenstück verhält, sollten alle Optionen abgeschaltet sein. Neue Buntstiftkonturen füllen sich so auch dann nicht, wenn eine Füllfarbe a⁠⁠n⁠gegeben ist, und die Pfadauswahl bleibt deaktiviert. Damit erübrigt sich auch der letzte Checkbutton, der es an⁠sonsten erlaubt, ausgewählte Pfade durch erneutes Überzeichnen mit dem Buntstift innerhalb einer angegebenen Toleranz manuell zu korrigieren.

Bestätigen Sie die Eingabe und wählen dann eine hell- bis mittelgraue Konturfarbe. Hellere Konturen entsprechen optisch einem höheren Härtegrad bei einem Bleistift, dunklere einem weicheren Stift. In der Kontur-Palette wählen Sie eine Konturstärke zwischen 0,5 und 1 Punkt und für Linienecken und -enden jeweils die abgerundete Form.

Das Ergebnis dürfte jeden Zweifler überzeugen: konturscharfe, glatte Linien und Flächen, die komplett editierbar bleiben. Versuchen Sie das einmal mit ei⁠ner Tuschezeichnung. Bleistift und ein Skizzenbuch werden damit auch bei mir nicht überflüssig – schließlich ist nicht immer ein Computer zur Hand. Doch am Arbeitsplatz kommt hierfür zunehmend Illustrator zum Einsatz.

Karl Bihlmeier/ok

01. Skizzieren

Beginnen Sie in einem neuen leeren Dokument ihre Skizze zu zeichnen. Eine langsame Zeichenweise wird dabei exakter in einen Pfad umgesetzt als schnelle Bewe­gungen, die deutlich stärker geglättet werden. Ob Sie hier schwungvolle Konturen anlegen oder eher vorsichtig stricheln, ist egal. Auch Ungenauigkeiten in den Details stören nicht, schließlich ist es nur die Vorlage für die eigentliche Zeichnung. Sie werden schnell merken, dass die Arbeitsweise dem Skizzieren mit einem Bleistift auf Papier weitgehend entspricht – insbesondere mit einem Grafikstift anstatt einer Maus. Sollten Sie sich einmal verzeichnen – kein Problem. Radiergummi-Werkzeug oder Auswahl-Werkzeug und die Rückschritttaste sowie Entfernen-Taste helfen, Fehlstriche zu korrigieren.

02. „Tuschen“

Sperren Sie die Ebene, um nicht versehentlich darin weiterzuzeichnen. Legen Sie darüber eine neue Ebene für die Reinzeichnung an. Wählen Sie das Pinsel-Werkzeug und eine geeignete Werkzeugspitze. Mit der Maus kann das etwa der Pinsel Verjüngt-Rund aus der Bibliothek Künstlerisch · Künstlerisch_Tinte sein. Damit simulieren Sie überzeugend eine Tuschefeder oder einen Tuschepinsel, wie er auch beim „Inking“ von Comics und Cartoons zum Einsatz kommt. Mit einem Grafikstift nehmen Sie besser einen der Kalligrafiepinsel mit beispielsweise 5 Punkt Durchmesser, wobei Sie die Strichstärke druckbasiert mit 4 Punkt variieren können. Wenn Sie mit dem Konturieren fertig sind, können Sie anschließend die Darstellung der Skizzenebene ausblenden.

03. Kolorieren

Koloriert wird mit dem Interaktiv-Malen-Werk-zeug . Weil dabei die Pinselkonturen verloren gehen, muss die komplette Reinzeichnung angewählt und per Objekt · Aussehen umwandeln in Flächen konvertiert werden. Wählen Sie erneut alles an und klicken einmal mit dem Interaktiv-Malen-Werkzeug auf das Objekt. Eine Interaktive Malgruppe wird gebildet. Geschlos-sene Flächen lassen sich nun per Klick einfärben. Lücken erkennt das Werkzeug je nach Einstellung in Objekt · Interaktiv Malen · Lückenoptionen … von selbst und ignoriert sie. Große Lücken schließen Sie mit einem Pfad ohne Kontur- oder Füllfarbe. Wählen Sie den Pfad gemeinsam mit der Malgruppe und rufen nun Objekt · Interaktiv Malen · Zusammenfügen auf. Die Kontur wird unsichtbar hinzugefügt, das Werkzeug erkennt die Fläche als geschlossen.

04. Feintuning

Zuletzt werden Details wie Licht und Schatten ausgeführt. Lichter oder Glanzpunkte sind hier weiße, Schatten schwarze Flächen. Beide Flächentypen werden ohne Konturen gezeichnet. Hierbei kommt wieder der Buntstift zum Einsatz, diesmal aktivieren Sie aber in dessen Voreinstellungen die Option Neue Bunstift­kon­turen füllen. Am besten legen Sie eine neue Ebene über der Illustration an und benennen Sie entsprechend, etwa Lichter & Schatten. Zeichnen Sie nun Flächen für alle Glanzpunkte und Schatten. Wählen Sie alle Schatten an und fügen Sie sie mit der Path­finder-Palette zu einer Form zusammen. Reduzieren Sie nun in der Transparenzpalette die Deckkraft auf etwa 30 bis 40 Prozent. Verfahren Sie ebenso mit den Lichtern, nur dass Sie hier eine Deckkraft von etwa 60 Prozent einstellen.

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