Vor wenigen Minuten habe ich Cibele beendet. Ein Spiel, das so aufrichtig, so mutig ist, wie ich es noch nie erlebt habe. Ein Spiel, das mich im tiefsten Inneren meines Herzens getroffen und zu Boden gerissen hat. Ein Spiel, das kein Spiel ist – und eine Review, die keine ist.

 

Steam

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Cibele Trailer

Die folgenden Zeilen zu schreiben fällt mir schwer. Sehr schwer. Immer noch laufen mir Tränen über die Wangen. Unendlich viele, alte Gefühle rasen durch meinen Körper, verklären meine Gedanken und wollen mich runterziehen. Ich fühle mich wieder wie 19. Von der Welt unverstanden, das Dasein eines Nerds lebend und das Herz von Männern immer wieder gebrochen. Es war keine schöne Zeit. Keine leichte Zeit. Ich dachte, ich hätte die Gefühle, die ich zu dieser Zeit einst hatte, lange vergessen. Doch nun branden sie wieder auf und rütteln mein heute 26-jähriges Ich ganz schön durcheinander. Und das nur durch ein Videospiel.

Dabei handelt es sich um Cibele. Cibele basiert auf dem Leben von Nina Freeman, die nicht nur das Spiel selbst entwickelt hat, sondern ebenso ihr eigenes, jüngeres Ich im Videospiel darstellt. Sie ist ein Otaku und ein Nerd und hatte bislang keine Beziehung – doch in einem Online-Spiel namens Valtameri (in Wahrheit offenbar Final Fantasy Online) trifft sie einen netten, jungen Mann, der an der Westküste wohnt, während sie in einem Studentenwohnheim in New York lebt. Sie chatten und zocken gemeinsam, immer mehr und immer länger. Beide bemerken, wie viel sie gemeinsam haben. Sie besitzen beide kein großes Selbstbewusstsein und hatten noch nie eine Beziehung. Im Laufe von Cibele erfährt der „Spieler“ immer mehr von Ninas Zuneigung zu Ichi, seinem Nickname, und nimmt dabei die Rolle eines Zuschauers ein, der zwar hin und wieder interagieren kann, aber sie davon abzuhalten, in ihr Verderben zu laufen, geht nicht. Oftmals habe ich vergessen, dass ich ein Spiel spiele. Deswegen auch die Anführungszeichen um das Wort Spieler. Ich spiele nicht. Ich bin eine Art Voyeur, der Zugang zu Ninas Desktop und ihren ganz privaten Gedanken und Fotos hat. Ich sehe sie, wie sie Fotos von sich gemacht hat, die sie Ichi schicken möchte, lese wunderschöne Gedichte, die sie ihm gewidmet hat – und lese Nachrichten, die immer deutlicher machen, dass sich ihre ganze Welt nur noch um ihn zu drehen scheint.

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Nina Freeman Cibele
Das ist Nina

Während ich Ichi und Nina dabei zuhöre, wie sie immer intimer miteinander werden, möchte ich sie am liebsten schütteln und sie anschreien. Ihr sagen, dass er mit ihr spielt. Dass das alles nicht ernst gemeint ist. Dass es, für ihn, ein Spiel ist. Denn all diese wunderschönen Worte. All diese wunderschönen Gesten. Ich kenne sie alle – und ich wusste, wie es ausgeht. Ich fühlte mich hilflos. Mit jeder einzelnen Sekunde des Spiels wurde es schwerer für mich, zu sehen und vor allem zu hören, was sie erlebte. Wie sie das Spiel mit ihm genoss und ich gedankenverloren versuchte, ihre Figur in Valtameri zu den richtigen Gegnern zu lenken, um die Konversation mit den beiden voranzutreiben, nur, damit ich dem Ende näher kam – weil ich dennoch einen kleinen Funken Hoffnung hatte, dass es anders endet, als ich es glaubte.

Wie genau es endet, erzähle ich natürlich nicht.

Doch ich fühle mich momentan wie eine Verliererin – und das dürfte schon einiges aussagen. Ich musste mitansehen, wie diese talentierte, wunderschöne, junge Frau sich unheimlich in einen Mann verliebt hat und ihren eigenen Wert noch gar nicht selbst erkennt. Wie sie die herannahenden Sturmwolken nicht sieht. Wie sie gefallen ist - ohne, dass ich etwas dagegen tun konnte, obwohl ich doch genau wusste, in was sie hineingerät.

Ninas intimste Gedanken, frei zugänglich.
Ninas intimste Gedanken, frei zugänglich.

Cibele ist kein Spiel. Cibele ist die Wahrheit.

Es tut weh. Cibele tut unheimlich weh. Weil es so ehrlich, so realitätsnah ist. So wahr. Und das macht es so wunderbar. Es ist das aufrichtigste und mutigste Videospiel, das ich je erleben durfte. Aber genau darin liegt auch der Knackpunkt. Jemand, der nicht auch nur ein wenig in eine solche Situation geraten ist oder so empfunden hat, wird es nicht mögen. Diese Person wird sich nur fragen, was das Ganze soll. Jeder, der „Bock auf Action“ hat, wird es nicht verstehen und es verteufeln und sein Geld zurückverlangen. Jeder Typ, der keine Ahnung davon hat, was er sagt oder macht, wird es als „Mädchenkram“ betiteln und mich und Nina hinter den Herd schicken wollen.

Aber das ist mir egal. Wenn auch nur eine andere Person da draußen so ergriffen ist wie ich, dann hat sich Cibele gelohnt. Es hat mich meine Vergangenheit erneut erleben lassen und mich auf den Boden der heutigen Tatsachen zurückgeholt. Es hat mich bewegt, dass ich nicht die einzige Person bin, die so blind und dumm war. Und die es überlebt und weitergemacht hat.

Denn, auch wenn ich niemals gedacht hätte, dass ausgerechnet ich einen solchen Satz jemals sagen würde: Es wird eines Tages besser.

Danke, Nina. Mögest du und jeder andere, einsame Nerd da draußen gesegnet sein. Ihr seid nicht allein.

Cibele

Cibele

Entwickler: Star Maid Games

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