E3 2016: Warum wir die Spielemesse nicht mehr brauchen

Martin Eiser 11

Die E3 2016 steht vor der Tür und natürlich fiebern schon viele von euch den Ankündigungen und Überraschungen entgegen. Doch brauchen wir die Messe dafür eigentlich? Hat sich das Konzept der Fachbesucher-Messe nicht längst schon überholt, ist die E3 gar auf dem Weg in eine Sackgasse? Eine Bestandsaufnahme.

E3 2016: Warum wir die Spielemesse nicht mehr brauchen

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Einst war London der Nabel der Welt

Videospiele gibt es schon ziemlich lange, aber eigene Messen und Konferenzen zum Thema wurden erst relativ spät ins Leben gerufen. Der Grund dafür war, dass es bereits bestehende Messen für Technik, Unterhaltungselektronik und Spielzeug gab, auf denen Hersteller ihre Produkte zeigen konnten. Für eine eigene größere Veranstaltung war der Markt offensichtlich zu klein. Doch die Bedeutung der Branche wuchs bereits in den 80er-Jahren und damit war die Zeit auch reif für große Shows.

Heute erinnern sich vermutlich nicht mehr viele an die European Computer Trade Show, kurz ECTS. Die bereits 1989 ins Leben gerufene britische Messe gehörte lange zu den wichtigsten Messen für PC- und Videospiele. Sie war damals das, was heute die E3 (Electronic Entertainment Expo) ist und war auf der ganzen Welt bekannt. Die ECTS fand jedes Jahr im September in London statt und richtete sich wie die E3 ausschließlich an ein Fachpublikum, bestehend aus Entwicklern, Herstellern, Publishern, Händlern und natürlich der Presse.

Dass die ECTS 2003 das letzte Mal stattfinden sollte, konnte sich vermutlich noch wenige Jahre zuvor niemand vorstellen. Das abrupte Ende der traditionsreichen Messe kam überraschend. Unterm Strich haben daran aber wahrscheinlich ebenso viele mitgewirkt, wie an der Ermordung Cäsars. Da war einerseits die E3 in den USA, die es seit 1995 gab und die zunehmend an Bedeutung gewann. Und 2002 startete dann auch die Games Convention als Konkurrenz in Leipzig. Außerdem kochten in Großbritannien viele Vertreter ihr eigenes Süppchen. Unter anderem gab es ein Event namens European Games Network vom Branchenverband ELSPA. Die ECTS ist daran gescheitert, sich nicht dem Markt anpassen zu wollen. Sie war nicht mehr zeitgemäß und noch dazu zu teuer.

Die Games Convention traf den richtigen Nerv

Tatsächlich hatte die Messe Leipzig mit der Games Convention den richtigen Nerv getroffen. Dass Konzept erinnerte stark an das der Tokyo Game Show, die 1996 ins Leben gerufen wurde, verknüpfte aber die Messe noch stärker mit ihrem Publikum. Während die Veranstaltung in Japan für Fachbesucher und Konsumenten nacheinander stattfindet, hatte sich das Event in Leipzig für beide Seiten überschnitten. Entwickler, Publisher und Presse konnten direkt auf Tuchfühlung mit der begeisterten Masse gehen. Im Vorfeld veranstalte man außerdem eine Entwicklerkonferenz, es gab ein klassisches Konzert mit Spielemusik und parallel zur Messe feierte die ganze Stadt unter anderem beim Musik-Festival Honky Tonk. Die Games Convention war ein Event für alle.

Die Messe steigerte sich von Jahr zu Jahr. 2008 gab es schließlich fast 550 Aussteller und es waren mehr als 200.000 Besucher vor Ort. Doch dem deutschen Branchenverband BIU (Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware), dem alle großen Spielepublisher angehören, reichte das nicht. Zudem war die Messe Leipzig für die Kapazitäten der Games Convention an ihre Grenzen gekommen. Das betraf das Messegelände, das aus allen Nähten platzte, aber auch ganz grundsätzliche Probleme mit der Infrastruktur. In Deutschland funktionierte die Games Convention wirklich gut; Leipzig hat einen großen Bahnhof. Um aber attraktiver für den Rest von Europa und der Welt zu sein, waren mehr Kapazitäten für Übernachtungen und ein größerer Flughafen nötig.

Also suchte der BIU nach einem neuen Standort, die Wahl fiel auf Köln. Dort findet inzwischen seit 2009 Europas wichtigste Spielemesse, die Gamescom, statt. Das Konzept der Games Convention wurde kaum verändert, und Ziel ist es noch immer, ein breites Publikum einzubinden – etwa auch durch spezielle Bereiche für Ausbildung und für Familien. Wie schon seinerzeit in Leipzig, feiert in Köln parallel die ganze Stadt beim Gamescom City Festival mit. Im letzten Jahr gab es über 800 Aussteller auf der Gamescom und es wurden 345.000 Besucher gezählt. Damit bleibt sie die derzeit besucherstärkste Messe für PC- und Videospiele auf der Welt.

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Die E3 in der Krise

Trotzdem gibt international die E3 in Los Angeles weiter den Ton an. Die Messe ist nur für Fachbesucher zugänglich und findet seit 1995 statt. Zuvor haben Publisher und Entwickler in den USA ihre Spiele meist auf der CES in Las Vegas ausgestellt. Dort wurden sie jedoch nur sehr stiefmütterlich behandelt. Als Reaktion darauf entstand die E3 überhaupt erst. Sie wurde schnell sehr bedeutend und gilt bis heute als wichtigste Messe für die Branche. Die Mehrheit der großen Ankündigungen erfolgt Jahr für Jahr aus dem sonnigen Kalifornien.

Doch auch die E3 hat Probleme, und das sind vor allem die hohen Kosten, die bei einem solchen Event anfallen. Allein ein guter Stand frisst viel Geld. Dazu kommen noch die Anreisekosten von Entwicklern und anderen Mitarbeiten. Die weiteren Kosten, die für Publisher und Gäste während der Messe anfallen – wie Hotels, Verpflegung und Taxifahrten, sollten ebenfalls nicht unterschätzt werden. Selbst wenn eine Messe wie die E3 natürlich eine große Werbewirkung hat, so war irgendwann der Punkt erreicht, dass Kosten und Nutzen nicht mehr zu stimmen schienen.

E3 2016: Alle bestätigten Spiele in der Übersicht

Richtig heftig wurde die Diskussion nach der E3 2006, weshalb für 2007 und 2008 große Änderungen angekündigt wurden. Nachdem Publisher und Entwickler sich über die hohen Kosten beschwert hatten, sollte die Mega-Show kleiner und intimer werden. Es durfte nur noch zur E3, wer eine Einladung hatte. Um näher am Weihnachtsgeschäft dran zu sein, wurde die Veranstaltung in den Juli gelegt. Und statt teurem Messegelände, fand das Event in den beiden Jahren in den Tagungsräumen mehrerer Hotels statt.

Nach 60.000 Besuchern im Jahr 2006 waren es 2007 nur noch 10.000. Im Folgejahr zählte die E3 sogar nur noch 5.000 Besucher. Und obwohl die Wünsche ja eigentlich von den Publishern selbst kamen, war am Ende trotzdem niemand zufrieden mit dem Event. Auch für Journalisten war es mühselig, sich zwischen den unterschiedlichen Orten zu bewegen. Denn es ist wirklich stark untertrieben, im Fall von Los Angeles von Verkehrsproblemen zu sprechen. Nirgendwo in den USA verbringt man mehr Zeit im Stau.

Auf der nächsten Seite erfahrt ihr mehr zur Sehnsucht nach der Mega-Show, exklusiven Events und warum wir die E3 vielleicht nicht mehr brauchen.

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