Die Sehnsucht nach der Mega-Show

Vielleicht wäre es eine gute Chance für die Gamescom gewesen, das Zepter zu übernehmen, aber in Deutschland dürfte das Interesse gering gewesen sein, in die Fußstapfen der E3 zu treten – das Event in Köln war schon teuer genug. Noch dazu müssen, in den mir bekannten Fällen, die lokalen Niederlassungen der Publisher die meisten Kosten tragen, obwohl auch die Gamescom auf die ganze Welt einen Einfluss hat. Kosten, welche für die Niederlassungen oft über dem Budget lägen. Wie schon bei der Games Convention geht es daher nicht um eine protzige Show, sondern darum, Kosten und Nutzen in einem angemessenen Rahmen zu halten.

© Glenn Francis, www.PacificProDigital.com
© Glenn Francis, www.PacificProDigital.com

Auch wenn natürlich eine gewisse internationale Ausrichtung gewollt ist, wird die Messe ihren lokalen Fokus nicht verlieren wollen. Deutsche Publisher zeigen hier ihre Spiele dem Publikum, dem Handel und der Presse. Das ist ein Punkt, der immer gern übersehen wird. Dass sich vor allem auch europäische Medien für die Gamescom interessieren, ist ein netter Nebeneffekt.

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Davon abgesehen war man in den USA nach zwei mageren Jahren auch wieder bereit für ein Mega-Event. Obwohl die laute Messe nicht immer die beste Atmosphäre bot, wünschten sich die meisten Teilnehmer die alte E3 zurück. Ab 2009 fand die Messe im Juni statt und folgte wieder dem bekannten Konzept. In den letzten Jahren waren es dann immer knapp 50.000 Besucher, die über das Gelände streiften. Im letzten Jahr konnte diese Marke sogar erstmals wieder übersprungen werden. Doch natürlich bleiben die alten Probleme: Die E3 ist richtig teuer. Für viele Publisher geht es daher nicht nur um Kosten und Nutzen, sondern auch um Prestige. Die E3 ist eine Leistungsschau für das eigene Angebot, aber auch für die gesamte Branche.

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Exklusive Events und die neuen kleinen Stars

Aufgrund der Kosten und anderer Faktoren steigen dennoch immer wieder Hersteller aus dem Konzept der E3 aus. Nintendo etwa veranstaltet bereits seit 2013 keine große Pressekonferenz mehr, sondern setzt auf das eigene Stream-Format „Nintendo Direct“. Der Hersteller stellt zwar weiterhin seine Spiele aus, aber streut deren Ankündigung nun über das ganze Jahr. Ganz konkret fehlen in diesem Jahr unter anderem Konami, Activision Blizzard und Electronic Arts komplett auf dem Showfloor. EA veranstaltet ein eigenes Event abseits der Messe, und Activision zeigt Call of Duty: Infinite Warfare exklusiv am Stand von Sony.

Für Hersteller wie Wargaming oder Riot Games, die ihre Spiele vor allem digital anbieten, ist die E3 eher wie ein Dinosaurier. Mit Youtube und Twitch erreichen Hersteller ihre Zielgruppe viel gezielter. Selbst eine eigene Veranstaltung kann für manche großen Namen deswegen sinnvoller sein. Sony ist zwar auf der E3 weiterhin am Start, hat aber begonnen, mit der Playstation Experience ein Event auf die Beine zu stellen, bei dem man selbst die Regeln bestimmt. Seit langem gibt es außerdem große Community-Events wie das Eve-Fanfest, die QuakeCon oder die BlizzCon, die zumindest in der Fachpresse entsprechende Aufmerksamkeit genießen.

Deutlich am Erfolg der E3 kratzen dürften die zahlreichen anderen lokalen Messen. Seit 2004 gibt es in den USA die PAX (Penny Arcade Expo), die inzwischen über das Jahr verteilt vier Veranstaltungen stellt. Außerdem gibt die Comic Con und das SXSW-Festival. Auch diese Veranstaltungen sichern sich exklusive Enthüllungen im Videospiel-Bereich. Es wurden bislang zwar noch keine Blockbuster angekündigt, doch gab es auch dort bereits große Nachrichten. Square Enix nutzte etwa die PAX West für die erste Gameplay-Präsentation vom neuen Hitman. Auf der PAX East folgte das erste Gameplay der zweiten Episode.

In anderen Teilen der Welt gibt es ebenfalls große Shows für Konsumenten. Dazu gehören unter anderem die Tokyo Game Show, die G-Star in Korea, die Paris Games Week, die Eurogamer Expo in Großbritannien und in Brasilien seit 2009 sehr erfolgreich die Brasil Game Show. Daneben ist die Gamescom, wie erwähnt, die publikumsstärkste Messe, für die sich einige Hersteller inzwischen besondere Premieren aufheben.

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Die E3 braucht eigentlich niemand

Die Frage ist, für wen dieser ganze Rummel in Los Angeles eigentlich veranstaltet wird. Für uns in Europa ist es eigentlich egal, wie die Messe heißt oder ob es nur ein Event eines Herstellers ist. Per Livestream schauen wir weltweit zu. Genau den Punkt, dass das Publikum vor Ort im Grunde überflüssig ist, hat Nintendo ganz richtig erkannt. Es müssen einfach nicht mehr alle an einem Ort zusammenkommen, um sich über Neuheiten zu informieren. Zwar dürfen ein paar ausgewählte „Prosumer“, besonders treue Konsumenten, auf Einladung der Hersteller auf die Messe. Dennoch ist die E3 damit längst keine Gamescom, die über die Eintrittspreise der Messe einen guten Teil der Kosten decken kann. Diesen Aufwand allein für amerikanische Handelspartner zu betreiben, lohnt sich auch nicht.

Ich habe nicht umsonst einleitend die ECTS erwähnt. Diese Messe hatte sich irgendwann einfach überlebt, während das Ende durch lokale Interessenkonflikte begünstigt wurde. Die E3 hat das Glück, dass die Mehrheit der Publisher noch hinter der Veranstaltung steht. Selbst die schwere Krise vor knapp einem Jahrzehnt wurde überstanden. Mit der Abwesenheit von Activision-Blizzard und Electronic Arts in diesem Jahr fehlen allerdings zwei echte Schwergewichte der Branche, die für sich effektivere Lösungen gefunden haben, ihre Spiele zu zeigen. Und auch in diesem Jahr werden viele Highlights bereits im Vorfeld auf eigenen Events enthüllt – abseits der Messe.

Ist eine solche Messe für ein reines Fachpublikum überhaupt noch sinnvoll? Wir sprechen hier von Games, die dank des Internets jeden Zipfel der Welt erreichen. Wir leben in einer Zeit, in der Hersteller ihre Community dank Beta-Programmen und Early Access bereits früh am Entwicklungsprozess beteiligen. Da scheint es rückschrittlich, dass eine Messe so viele Menschen an einen Ort bringt, um in einem viel zu knappen Zeitplan ein völliges Überangebot an Spielen zu präsentieren. Natürlich wird versucht, die E3 durch Demos und Videos auch zu jedem nach Hause zu bringen. Aber genau damit bin ich trotzdem wieder bei der Frage, wofür der ganze Rummel eigentlich veranstaltet wird, wenn er eigentlich niemandem so recht dient.

Wenn die E3 relevant bleiben will, muss sie sich öffnen und vielleicht auch von lieb gewonnenen Traditionen verabschieden. Entwickler, Publisher und Spieler können sich auf einer Messe ganz nah sein, das sind die Erfolgsrezepte der letzten Jahre gewesen. Und vielleicht benötigen wir in Zukunft auch einfach nur ein digitales Event. Einen sündhaft teuren und exklusiven Club, um sich gegenseitig auf die Schulter zu klopfen, braucht jedoch niemand.

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