Packing bei der Fußball-EM 2016 - Was ist das? Leicht erklärt

Selim Baykara 3

Packing nennt sich das neue Zauberwort, das bei der EM 2016 seit Kurzem in aller Munde ist. Dabei handelt es sich um ein neues Analyse-Tool, um die Qualität von Pässen in Fußball-Spielen messbar zu machen. Aber wie funktioniert das Packing genau? Und brauchen wird wirklich noch eine weitere Statistik? Die Antworten findet ihr in diesem Artikel.

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Kein Fußballspiel ohne die ausführliche Nachbetrachtung der Experten. Auch bei der EM 2016 sind die eigentlichen Spiele nur die halbe Miete - für echte Fußball-Fans mindestens genauso interessant: Die Statistiken und Analysen der TV-Experten nach der Partie. Wie viele Torschüsse gab es? Wie effizient wurden Standardsituationen, z.B. Ecken, umgesetzt und welches Team hatte einen höheren Ballbesitz? Zur EM 2016 ist jetzt einmal eine weitere Statistik hinzugekommen - das sogenannte Packing. Nicht nur im Netz wird kräftig gerätselt: Was bedeutet das eigentlich genau?

Packing: Neues Fußball-Analyse-Tool zur EM 2016 - Leicht erklärt

Packing ist eine neue Methode um die Qualität des Passspiels einer Mannschaft statistisch erfassbar zu machen. Beim Packing wird angezeigt, wie viele gegnerische Spieler mit einer einzelnen Aktion überspielt werden. Dabei verringert sich die Anzahl der Gegenspieler, die sich zwischen dem Tor des Kontrahenten und dem eigenen ballführenden Spieler befinden.

Beispiel: Jérôme Boateng spielte bei der Partie Deutschland - Ukraine in Lille von der Mittellinie aus einen Pass auf Mesut Özil. Zum Zeitpunkt des Abspiels befanden sich zwischen ihm und dem ukrainischen Tor elf Gegenspieler. Als der Pass bei Özil landete, hatte Boateng sechs ukrainische Gegner überspielt. Sprich: Zwischen dem neuen ballführenden Spieler Özil und dem gegnerischen Tor standen dann nur noch fünf Gegner.

Bislang sprachen Fußball-Experten in diesem Zusammenhang einfach von „Pässen in die Tiefe des Raums“. Mit dem Packing will man das jetzt auch konkret messbar machen: Ein Pass ist dann nicht mehr nur vom Gefühl her exzellent, sondern kann aufgrund seiner Packing-Rate statistisch mit anderen Aktionen auf dem Spielfeld verglichen werden. Außerdem lässt sich dadurch auch die Gesamtqualität eines Spiels noch genauer beschreiben: Ein Team kann z.B. siegen obwohl es eine schlechtere Ballbesitzquote und weniger Torschüsse hatte. In diesem Fall könnte die höhere Packing Rate den Ausschlag gegeben haben. Laut Packing-Rate ist übrigens der Champions-League-Sieger Toni Kroos der effektivste deutsche Spieler - der Profi von Real Madrid überspielt im Schnitt in einem Spiel 85 Gegner.

Wer hat sich die Packing-Rate ausgedacht?

  • Das Packing wurde erstmal nach dem Turnierauftakt der deutschen Nationalmannschaft gegen die Ukraine von den ARD-Experten Mehmet Scholl und Mathias Opdenhövel präsentiert.
  • Die Messtechnik selbst wurde aber von dem Ex-Bundesliga-Profi Stefan Reinartz zusammen mit seinem früheren Mannschaftskollegen Jens Hegeler entwickelt.
  • Die beiden haben dazu das Start-up-Unternehmen Impect gegründet, das Fußballdaten neu erfasst und entsprechend aufbereiteten soll.
  • „Packing bestätigt Gefühle, die ich nicht statistisch erklären konnte bislang“, so Scholl zu dem neuen Analyse-Tool.
  • In der Bundesliga nutzen bereits die Vereine Bayer Leverkusen, Borussia Dortmund sowie der Aufsteiger RB Leipzig die neue Analyse-Methode.

Die Idee zum Packing kam Reinhartz, weil ihm die bisherigen Statistiken eines Fußball-Spiels seiner Meinung nach keine Auskunft über die Effizienz der Mannschaft gaben. Als Beispiel führte Reinhartz das WM-Halbfinale 2014 Deutschland gegen Brasilien an. Bei diesem Match sprachen eigentlich alle Statistiken für die Selecao.  Brasilien lag damals sowohl bei Ecken, Torschüssen oder beim Ballbesitz klar vorne - dennoch verloren die Südamerikaner mit einem schmachvollen 1:7. Grund: Die höhere Packing-Rate. „Deutschland hat gewonnen, weil sie einfach mehr Spieler überspielt haben“, erklärt Reinhartz.

Wird Packing die Fußball-Analyse revolutionieren?

Packing ist sicherlich eine nützliche Ergänzung zum bisherigen statistischen Repertoire - eine Revolution wird es aber wohl nicht einleiten. Die Fans sind beim Packing derzeit noch gespalten: Für die einen ist es nur eine Zahlenspielerei, andere sehen durchaus den möglichen Nutzen. Experten gehen aber davon aus, dass es in einem Fußball-Spiel zu viele Unabwägbarkeiten gibt, als dass man jede einzelne Aktion mathematisch erfassen kann. Wenn Boateng beispielsweise zunächst fast ein Eigentor schießt, den Ball dann aber noch in letzter Sekunde mit einer akrobatischen Meisterleistung klärt, lässt sich das nicht mit irgendwelchen Statistiken erklären - und genau darin liegt vermutlich ja auch die anhaltende Faszination des Fußballs.

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