A wie Affe: Planet der Unterdrückten (Kolumne)

Leo Schmidt 3

Je ähnlicher einer dem Menschen ist, desto mehr erscheint er uns als Monster, als Bösewicht, als zu bekämpfendes und abzulehnendes Ungetüm. Der immer noch allerorten überpräsente Untote mit einem Schlurffaktor von 12 zeugt ebenso davon wie die zahllosen entarteten, unmoralischen Schurken, bei denen der Wutbürger von Welt mit einem gewissen Recht fragt, ob es überhaupt noch menschlich ist.

ABC_Affe-Teaser

Den zweiten Teil der ABC-Kolumne zum Thema Affe findet ihr auf der Webseite von gamona!

Das „Uncanny Valley“ ist folgendes Konzept: Eine Kunstfigur, ob nun Wachsstatue, CGI-Charakter oder ähnliches, die versucht, realistisch auszusehen, aber ihr Ziel nur haarscharf verfehlt, sieht schlagartig monströs, gruselig und einfach falsch aus – die relative Nähe zum echten Menschen zusammen mit der nur leichten Verfremdung widerstrebt uns schlagartig.

Möglicherweise ist es ja auch die relative Nähe des Affen zu uns, die dafür sorgt, dass unsere ebenfalls primatischen Kollegen so oft als Schurken herhalten müssen. Sie wären nicht die einzigen Widersacher, die wegen ihrer relativen Nähe zu uns als Menschen allerorten auftauchen – die inhärente Fleischigkeit von Zombies trägt ja auch ihren Teil dazu bei, dass die ollen Schlurfer immer noch omnipräsent sind.

Und unsere nächsten Verwandten im Tierreich haben es nicht unbedingt besser erwischt. Werden sie nicht gerade als knuddelig-knuffige Maskottchen mit Knutschaura missbraucht, kann man sie in allen Arten von Genres kunstfertig zu felligem Bananenbrei zerstampfen. Als Mooks in Dschungelszenarien sind sie ohnehin längst Klischee, kaum ein Action- oder Rollenspiel, in dem es sich anbietet, darf vorübergehen, ohne dass eine Unzahl Äffchen über den Jordan geht. Auch das Klischee vom genetisch oder anderweitig modifizierten Affen, der im Laborszenario als ausgerasteter Berserker auf den Spieler losgeht, muss man sich immer noch oft gefallen lassen.

Doch noch viel eigenartiger ist, dass sie auch nicht gar so selten als Obermotze herhalten müssen. Es ist ein altes Spiel: Im Games-Bereich kann man diesem Trend bis zurück zu Donkey Kong folgen. In Film und Literatur: zu King Kong. Im Zeichentrick-Bereich: Mojo Jojo. In Comics: Gorilla Grodd und Ultra-Humanite. Die Liste würde sich fortführen lassen. Affen sind in ihrer Gestalt und Intelligenz dem Menschen ähnlich, in ihrer Wildheit aber unbändiger. Nicht einmal im Weltraum ist man vor ihnen sicher, wie Andross aus der Star-Fox-Reihe beweist.

Ich sage: Schluss damit! Unsere primatischen Freunde mögen an unseren Urängsten kitzeln, aber sie verdienen nicht das schäbige Bild, dass ihnen allerorten aufgedrückt wird! Niemand würdigt sie, stattdessen wird die gesamte Spezies entweder in die Maskottchen-Rolle gezwängt (Super Monkey Ball, Ape Escape, Samba de Amigo, Monkey Island usf.), was nicht viel besser als der beleidigende Leierkasten-Stereotyp ist, oder sie sind schurkisch, brutal, angsteinflößend. Selbst Donkey Kong, eines der wenigen positiven Beispiele, musste sich erst von seiner Bösewicht-Rolle emanzipieren und gilt seitdem wahrscheinlich als eine Art Volksverräter in simiaenischen Kreisen.

Es wird Zeit für einen Affenhelden. Einen, der nicht erst durch Reifen springen oder Klempnersfreundinnen entführen muss, der keinen ulkigen Hut und Krawatte tragen muss. Einen, der seine Kraft und Raffinesse ohne Bedingung für die Macht des Guten einsetzt! Wenn nötig, gründe ich eine Partei zur Förderung des äffischen Ansehens, die schon bald die Spieleindustrie dazu zwingen wird, Farbe zu bekennen (die Farbe: Pavianarsch-Rot) und uns endlich den Sub-Homo-Sapiens in der Titelrolle gibt, den wir schon so lange verdienen! Auf die Barrikaden! Die Menschenaffenrechtler sind auf dem Vormarsch!

Den zweiten Teil der ABC-Kolumne zum Thema Affe findet ihr auf der Webseite von gamona!

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In der ABC-Kolumne beschäftigen sich die Redaktionen von GIGA und gamona alle zwei Wochen mit einem auf den ersten Blick eher banalen Thema, das nach Reihenfolge des Alphabets festgelegt wird. Von Affe über Bier und China bis Ziegelstein schreiben wir in Kolumnen, Erfahrungsberichten oder Gedichten unsere Assoziationen zu Videospielen nieder. Dabei begeben wir uns mit euch auf eine fantastische Reise in die Vergangenheit, Gegenwart und Kultur der Titel, die uns auf eine ganz andere Art und Weise berührt haben.

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