B wie Bier: Ode an Bert (Kolumne)

Leo Schmidt 1

Bert. Das hätte ich mir gewünscht. B wie Bert. Nicht wie „Bier“. Was ist schon Bier? Mein Lieblingsgetränk, sicherlich. Ein wirtschaftlich unends wichtiges Erzeugnis, ja, hier in Deutschland auch quasi nicht wegzudenken. Doch Bier, wie alle Getränke, wie aller Alkohol, wie alle Rauschmittel – Spiele übrigens mit eingeschlossen – war mir nie wichtig. Wichtig sind mir ganz andere Dinge. Tritt Bier mit ihnen zusammen auf, dann kann das etwas sehr erfreuliches sein. Ohne sie ist es nur hopfig und bitter und macht mich leicht duselig.

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Den zweiten Teil der ABC-Kolumne zum Thema Bier findet ihr auf der Webseite von gamona!

Bert war mir wichtig. Bert, eigentlich hieß er Albert, war vieles. Er war Hip-Hop-Fan und Writer, er war starker Kiffer und sporadischer Konsument härterer Drogen, er war Bassist, er war kein besonders guter Schüler. Er war zumindest gelegentlich dem Gaming nicht abgeneigt, wenngleich ich immer den Eindruck hatte, er fände meine Besessenheit mit dem Thema etwas eigenartig. Er war Biertrinker. Allerdings war er auch Wodkatrinker und wenn es drauf ankam auch Trinker von allem anderen. Er war ein feiner Kerl. Er war mein Freund.

Mir fällt just auf, dass der Text wie eine Eulogie oder ein Nachruf zu klingen beginnt, also lasst es mich klarstellen: Bert ist nicht tot, bzw. vielleicht ist er es doch, ich weiß es nicht. Das ist der Punkt, wir haben einfach seit zehn Jahren keinen Kontakt mehr. Das letzte, was ich von Bert gehört habe, war, dass er nach zweimaligem Sitzenbleiben immer noch an meiner ehemaligen Schule so tat, als würde er da Unterricht nehmen.

Ich finde es eigenartig, wie unterschiedlich Menschen sich entwickeln. Bert und ich, ich habe kaum eine Erinnerung, an uns beide, in der wir beide nicht ein Bier in der Hand haben und rumgammeln, oft vor der PlayStation. Andere Details variieren. Mal ist er fett, mal ändert sich der Ort, mal steht auch eine Flasche Wodka in der Nähe. Mal hat er schlechte Laune, weil er mit einer Anzeige wegen Graffiti zu kämpfen hat, mal bin ich schlecht drauf, weil ich Liebeskummer habe. Rückblickend betrachtet haben wir eigentlich wenig gemeinsam gehabt. Games, Bier und…

… und, dass wir einander mochten. Es klingt platt, kitschig, rührselig, aber wir mochten einander. Ich hab meine ganze Jugend mit verschiedenen Leuten und „Gruppen“ rumgehangen, ohne je wirklich dazuzugehören, und ich schätze, dass es mit Bert auch so war. Bert. Bier. Ich. Unzertrennlich. Eine meiner liebsten Erinnerungen aus der Schulzeit ist, wie ich nicht zur Schule gegangen bin. Stattdessen blieben wir zuhause. Nur wir vier: Bert, ich, Bier und Tony Hawk.

Ich möchte an der Stelle kurz klarstellen, dass ich weder Bier noch sinnloses Besaufen noch Schwänzen oder sonstwas in die Richtung glorifizieren möchte. All diese Sachen sind im Grunde saudämlich. Ja, auch Bier. Manchmal gerade Bier. Ich möchte feiern. Ich möchte Bert feiern, und Bier feiern, und Games feiern. Man kann mit ihnen ja besser oder schlechter, gesünder oder weniger gesund umgehen. Wo die Grenzen zwischen diesen Spektren verlaufen, muss jeder für sich entscheiden. Ich jedenfalls hatte immer den Eindruck, dass Bert mit seinem selbstverschuldeten Schicksal nicht haderte.

Es wäre für mich nichts gewesen. Ich war immer eher der brave, nicht unbeschrieben oder unschuldig, aber doch darum bemüht, mich weitgehend aus Ärger rauszuhalten. Bert hat nie versucht, mich zu verbiegen oder in seine Lebensrichtung zu lenken, und ich habe Bert nie dafür verurteilt, dass er Entscheidungen traf, die für mich einfach unvernünftig gewesen wären. Deswegen konnten wir Freunde sein. Zwar Knallkopp-Freunde, die tatsächlich in der großen Pause zwischen zwei Stunden immer noch mit einem kühlen Pils in der Hand im nahegelegenen Park zu finden waren, aber eben doch Freunde.

Ich weiß noch, wie Bert einmal bei mir war, wir tranken, was sonst, ein Bier und ich spielte Onimusha, vielleicht sogar den ersten Teil. Bert genoss die Action, aber das Spiel klickte bei ihm nicht. Er wusste, dass ich in Sachen Games hart an der Suchtgrenze war, und fragte mich so etwas wie „Cooles Spiel – wirst Du’s Dir kaufen?“ (Es war aus der Videothek geliehen.) Ich musste lachen. Er hatte wirklich keine Ahnung, wie ich drauf war, wie viel ein Spiel kostet, wenn man es kauft, anstatt es zu raubkopieren, oder was mir wichtig war. Ich lächelte ihn an und sagte ganz selbstverständlich „Nein, wie kommst Du darauf?“. Das Spiel war mir nicht wichtig. Es war weder mein bester Freund noch konnte ich es mit meinem besten Freund spielen. Onimusha ist ja nunmal ein Singleplayer-Titel.

Bert war mir wichtig. Sobald ich mit Bert gespielt habe, war mir das Spielen wichtig. Sobald ich mit Bert ein Bier getrunken habe, war mir das Bier wichtig. An diesem Tag kaufte ich mir nicht Onimusha. Schon bald jedoch waren wir auf dem Weg zum nächsten Spätverkauf, um einen weiteren Teil unserer Jugend zu verpfänden. Dafür gab ich mein Geld sehr gerne aus. Ich kann nicht sagen, ob es für jeden einzelnen von uns der richtige Weg war, aber für uns gemeinsam war es der einzige Weg. Der Weg von Bert, mir und zwei Flaschen kühlem Hellen. Er fehlt mir.

 

Den zweiten Teil der ABC-Kolumne zum Thema Bier findet ihr auf der Webseite von gamona!

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