C wie Clown: August, oder: Der moderne Frankenstein (Kolumne)

Leo Schmidt 1

Clowns sind nicht gruselig. Da, ich habs gesagt. Ich rede nicht davon, dass niemand Clowns gruselig findet. Viele finden sie gruselig und es gibt denkbare, wenn auch völlig unbewiesene Begründungen dafür. Dass ihre Fassade, ihre Schminke, ihr andersartiges Gebaren usf. befremdet und abschreckt. Das mag alles sein.

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Den zweiten Teil der ABC-Kolumne zum Thema Clowns findet ihr auf der Webseite von gamona!

Don’t you love farce?
My fault I fear.
I thought that you’d want what I want.
Sorry, my dear.
But where are the clowns?
Quick, send in the clowns.
Don’t bother, they’re here.

– Send in the Clowns, A Little Night Music

Worauf ich aber hinauswill: Clowns sind nicht inhärent gruselig. Waren sie nie und sind sie auch heute nicht. Genausowenig wie z.B. Spinnen. Ich habe fürchterliche Angst vor Spinnen, wenn sich eine in meine Berliner Wohnung verirrt, liefere ich mir epische und mehrstündige Schlachten mit ihr, bevor ich aufgebe, die Wohnung verlasse, für ein paar Monate zu Freunden ziehe und hoffe, dass der große böse Weberknecht in der Zwischenzeit an Hunger oder Einsamkeit gestorben ist. Aber ich weiß, dass das meine Macke ist, mein Problem. Spinnen sind nicht eklig. Clowns sind nicht gruselig.

Es ist so offensichtlich, dass man es eigentlich nicht einmal beweisen müsste, wenn sich nur mal jemand die Mühe machen würde, darüber nachzudenken. Wären Clowns gruselig, gäbe es keine. Es ist ein Beruf, ein verdammt alter zudem, und wenn nicht mittlerweile jedes Mal das große Gekreische losginge, wäre es auch einer, dem nach wie vor großer Respekt gezollt würde. Noch vor 40 oder 50 Jahren wäre keine Sau jemals auf die Idee gekommen, Clowns breitflächig abzulehnen oder als gruselig zu bezeichnen. Dann kamen Leute wie Stephen King und John Wayne Gacy und haben ein Horror-, Monster- und Gruselklischee begründet, das seitdem nicht mehr aus der Welt zu kriegen ist.

Es versucht auch niemand. Im Gegenteil bemühte sich alle Kultur und die ganze Welt nun darum, diesem Klischee hinterherzurennen, und heutzutage ist die omnipräsente Hysterie so weit fortgeschritten, dass einem echte Coulrophobiker, also Clown-ängstliche, wirklich leid tun müssen – denn jedermann und sein heroinsüchtiges Zirkusäffchen behauptet mittlerweile, ach-so-große und panische Angst vor Clowns zu haben, ohne jemals darüber nachzudenken, ob das vielleicht ein oberflächlicher, von außen hineingetragener Reflex ist, der sich ganz leicht abschütteln ließe, wenn man es nur mal versuchte.

Zum Teil sind die clownischen Traditionen selbst Schuld. Clowns entfremden sich vom Rest der Welt, sie spielen Emotionen, malen sich Lachen auf. Manche von ihnen tragen Tränen, um zu symbolisieren, dass ihre Heiterkeit nicht zwangsläufig echt ist und eine Kehrseite hat. Hinzu kommt ein Umstand, der im oben zitierten Song erwähnt wird: ging früher im Zirkus etwas schief, verunglückte jemand oder eine ähnliche schlimme Sache, dann wurden als Ablenkung und Erhellung die Clowns in die Manege gescheucht. Dass sie bald mit Unglück und Trauer assoziiert werden würden, war klar.

Es war ein logischer Weg von hier zum Bild des tragischen und traurigen Clowns, zu Leoncavallos  Pagliacci, zu Rodeoclowns und irgendwann zu Monstern und Mördern. Es ist eine Schande. Noch das Scheusal Gacy nutzte die positive (!) Wirkung der Clownerie für seine Taten aus. Selbst der Joker, die jüngeren Leser werden es kaum glauben, war ursprünglich ein witziges Gimmick, das im scharfen Kontrast zum eher ernsten Batman stand und insgesamt recht harmlos. Nichts ist mehr davon übrig. In der Popkultur steht kaum noch ein aufrechter Clown. Der bekannteste unironische Clown dreht uns fettige Burger und Fritten an, und auch Ronald ist immer seltener gesehen.

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