Verblöden wir durch die ganze Technik? Ein Pamphlet

Kamal Nicholas 9

Smartphones: Unsere täglichen Begleiter, die wir kaum noch aus der Hand legen wollen. Doch mir stellt sich immer häufiger die Frage: Ist diese ganze Technologie wirklich so gut für uns?

Verblöden wir durch die ganze Technik? Ein Pamphlet

Aufgrund meines Jobs setze ich mich täglich mit Smartphones und deren Ökosystemen auseinander. Doch immer öfter ertappe ich mich dabei, mir die Frage zu stellen, ob dieser ganze Medienkonsum und das vermeintlich soziale Interagieren wirklich so gut für uns ist.

Jeder hat die freie Wahl, oder?

Natürlich: Die Grundvoraussetzung ist, dass jeder zulassen kann, wie er mit Smartphones und den Medien umgeht. Doch wir alle kennen Neugier, Zugzwang und andere Faktoren, die einen nicht unerheblichen Einfluss auf uns haben. Technologie als solches ist generell erst einmal als neutral anzusehen. Erst wir als Menschen geben der Sache ihre Bedeutung und machen so schnell daraus, was „normal“ ist. Ein Wort, mit dem ich schon lange Probleme habe: „normal“. Was soll das sein?

Früher war es normal, sich mit Leuten mündlich zu verabreden und dann zu treffen, heute ist es normal, dazu WhatsApp, E-Mail und SMS zu nutzen und im letzten Moment dann doch wieder abzusagen. Welchen Wert eine Sache bekommt, bestimmen also wir. Und das fängt schon sehr früh an. Mädchen-Babys lieben Rosa, Jungen werden in Blau gesteckt. In der Schule bilden sich Cliquen, die sich über bestimmte Marken definieren, wer dazu gehören will, braucht diese Erkennungszeichen. Wer sie nicht hat, kann zum Außenseiter werden.

Tja, und plötzlich wachen wir eines Tages auf und realisieren, dass irgendwas eigentlich falsch läuft. Ein aktuelles Beispiel aus meinem Alltag:

Gestern war ich mit meinem Fahrrad in einem Stadtteil in Berlin unterwegs, in dem ich mich selten aufhalte. Dementsprechend schlecht kannte ich mich dort aus und wusste nicht wirklich, wie ich an mein Ziel kommen sollte.

Doch anstatt wie früher vorher mal zu einem Stadtplan zu greifen, um mir den Weg einzuprägen, entschied ich mich für einen Kopfhörer im Ohr und Google Maps als Navigator. Das Resultat: Die freundliche Stimme am anderen Ende hatte immer mal wieder Aussetzer, da ich mich aber voll und ganz auf sie verließ, fuhr ich einen Umweg, durch den ich fast doppelt so lang wie geplant brauchte. Dumm.

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Den Kopf ausmachen und auf die Technik verlassen

Dies ist nur eins von vielen Beispielen, bei denen ich mich selbst dabei ertappe, wie ich mein Hirn mehr oder weniger ausschalte und mich von der Technik lenken lasse. Doch während ich (und sicherlich viele andere) noch darüber reflektiere, was genau ich da eigentlich tue, läuft das bei einer ganzen Menge Leute ganz anders.

Egal ob es dabei um Interaktionen auf „sozialen“ Netzwerken geht (die alles andere als sozial sind, da man sich beim Nutzen dieser eigentlich immer nur isoliert), bei der Übermittlung unserer Daten an so ziemlich jede verdammte App, die uns auch nur ein paar Minuten Unterhaltung und Ablenkung verspricht, beim Merken von Dingen (ich wusste früher alle Telefonnummern meiner Freunde auswendig, heute kann ich gerade noch so meine) usw., wir konsumieren naiv das Angebot und wundern uns kaum noch, wenn etwas passiert.

Und wenn wir uns doch mal wundern sollten oder uns sogar aufregen, dann muss diese Sache wirklich furchtbar sein, um uns dann ein paar Tage lang wachzurütteln zu beschäftigen, bevor wir uns wieder der dümmlichen Unterhaltung auf Bild- und RTL 2-Niveau hinzugeben und in einen mentalen Dämmerschlaf abdriften.

First World Problems

Ja, das sind First World Problems, und das macht die ganze Sache eigentlich noch viel schlimmer. Wir haben ja ganz offensichtlich keine echten Probleme mehr, sondern setzen uns damit auseinander, ob wir bei Primark, H&M oder Kik unser nächstes überindivuelles Outfit finden, mit dem wir andere für ein paar Minuten und Euro beeindrucken können. Wir wollen Fleisch für 3 Euro das Kilo, suchen in Online-Menschenbörsen nach dem perfekten Partner und ärgern uns wie kleine Kinder über alles, was nicht so ist, wie wir uns das wünschen. Ja, wir werden zu Egomanen, die alle immer von jedem Aufmerksamkeit haben wollen. Dass das auf Dauer nicht so richtig funktionieren kann, erklärt sich ja eigentlich von selbst.

Wir posten jeden Scheiß auf Facebook und streiten uns öffentlich mit Wildfremden über unsere Meinungen (die aber eigentlich auch keine wirklichen mehr sind, da sie auf Halbwissen aus dem Internet basieren), lesen nur noch extrem emotionale Überschriften, da uns nichts mehr wirklich bewegt, und haben nur noch eins im Sinn: Cool, lässig, jung und frei von Verantwortung und Sorgen zu sein. Ich bin mir sicher: Auf Dauer macht das krank.

Wir brauchen unser Hirn nicht mehr wirklich, weil wir die Technik dafür haben. Wie viele Schritte bin ich heute gelaufen, wann hat meine Schwiegermutter Geburtstag, wie viele Chips kann ich essen, bevor ich fett werde, wie viel ist 3 + 8…

Die Technik kann alles Berechenbare besser als wir, weil Fehler eigentlich ausgeschlossen sind. Außer wir machen diese Fehler. Im Grunde suchen wir also nach der Perfektion. Aber hier ist meines Erachtens ein fundamentales Problem: Das Perfekte gibt es eigentlich nicht, demnach ist die Suche danach endlos. Es gibt das Passende, das glücklich Machende, das Funktionierende, das Schöne. Doch Fehler kann man immer finden, wenn man nur genau genug hinsieht. Und das ist auch gut so.

Ein Dilemma

Natürlich bin ich nicht gegen die Technologie, ganz im Gegenteil bin ich einer großer Fan und sehr neugierig. Doch ich habe das Gefühl, dass wir endlich lernen müssen, ein gesundes Maß zu halten, damit es uns allen auch In Zukunft noch enigermaßen gut geht. Mit „uns“ meine ich übrigens alle. Eigentlich sollte das ja möglich sein, oder irre ich mich da?

Es ist ein Dilemma, denn der Mensch sucht schon immer nach der Weiterentwicklung. Egal ob wir zum Mond oder zum Mars fliegen, ob wir Weltrekorde im Sport aufstellen oder ob wir die meisten Follower bei Twitter und Instagram haben. Es ist einerseits eine gute Sache, dass der Mensch hungrig ist, es ist allerdings sehr schwierig, wenn das Sättigungsgefühl immer schneller nachlässt.

Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir auch mal wieder unsere Köpfe vom Smartphone abwenden, unserem Nacken eine Pause geben und uns mit der echten Welt auseinandersetzen, die auch mal ganz gut ohne viel Technik auskommt. Wer macht mit? In diesem Sinne noch ein Video, das meines Erachtens ganz gut zu der Thematik passt:

Und falls ihr jetzt noch nach ein wenig Unterhaltung sucht: Hier ist eine Bilderstrecke mit ein paar Beispielen, was für dumme Sachen wir mit dem Smartphone machen.

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Artikelbild: StadtkindFFM

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