Android-Chef Sundar Pichai: Smartphones stören mehr als sie sollten

Tuan Le 3

Sundar Pichai, seines Zeichens Chef vieler Produktzweige Googles, unter anderem auch der Android-Abteilung, hat in einem ausführlichen Interview mit der New York Times seine Ansichten über das Nutzungsverhalten der Smartphone-Besitzer geäußert und sich insbesondere der Frage gestellt, ob viele Menschen nicht abhängig von der Technologie sind. Seiner Meinung nach obliegt es den Nutzern selbst mit der Technik verantwortungsvoll umzugehen, wenngleich er einsieht, dass diese auch im negativen Sinne einen Einfluss auf den Alltag der Menschen ausüben kann.

Android-Chef Sundar Pichai: Smartphones stören mehr als sie sollten

Die Kritik an der Verrohung der Menschheit im Zuge des technologischen Fortschritts ist sicherlich nicht neu: Immer wieder wird, sowohl in Form von alltäglichen Gesprächen wie auch professionell aufgezogenen Werbekampagnen, proklamiert, wie abhängig die Menschen von ihrem Smartphone seien und infolge dessen gar nichts mehr von ihrer Umwelt mitbekommen. Selbst bei vermeintlichen sozialen Events wie zum Beispiel Kinoabenden oder Verabredungen im Restaurant kann es durchaus passieren, dass die Gesprächspartner den Blick auf das Smartphone für spannender halten als alles was gerade „offline“ passiert. Sundar Pichai als Chef der Android-Abteilung – und seit vergangenem Jahr auch Maps, Google+ und weiterer Ressorts – bei Google hat sich im Interview mit der New York Times unter anderem über die aufdringliche Smartphone-Nutzung unterhalten – und wägt ab.

Pichai: Die Smartphone-Nutzung steckt noch in ihren Kinderschuhen

Was sagt also der Mann, der in der Android-Entwicklung derzeit eine der bedeutendsten Positionen innehat und somit vielleicht auch ein Stück weit verantwortlich für die aktuellen Tendenzen gemacht werden kann? Zunächst einmal betont Pichai, dass Smartphones noch ein recht junge Technologie sei. Gerade mal 8 Jahre ist es her, dass mit dem ersten iPhone von Apple der Stein ins Rollen gebracht worden ist und gewissermaßen sucht die Menschheit noch nach dem richtigen Maß, in dem das Smartphone im Alltag Verwendung finden darf. Pichai betrachtet dies als einen evolutionären Prozess: Sowohl die exzessiven Smartphone-Nutzer als auch absolute Gegner werden im Laufe der Zeit dafür sorgen, dass sich ein gesellschaftlich akzeptables Maß bei der Smartphone-Verwendung einpendeln wird.

Wenn gegenwärtig bereits Kinder beim Abendessen am Smartphone hängen, so sei dies eine reine Frage der Erziehung. Auch bei erwachsenen Smartphone-Nutzern liegt die Verantwortung letzten Endes bei den Personen selbst: Nur weil die moderne Technik den ständigen Abruf von E-Mails erlaubt, heißt dies noch lange nicht, dass man das auch tun muss, zudem soll mit Android Wear-Geräten hier zum Teil Abhilfe geschaffen werden. Pichai zieht zudem den Vergleich zum Fernsehen beim Abendessen – ebenfalls eine fragwürdige Angewohnheit, für die aber nicht die Technologie selbst verantwortlich ist.

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Nutzer soll nach wie vor im Vordergrund stehen

Laut Pichai geht es aber auch gar nicht unbedingt darum, welche Rolle die Technologie im Leben der Nutzer spielen darf und soll. Vielmehr stellt sich Google stets die Frage, wie das Leben der Nutzer durch die Technologie bereichert werden kann. In vielen Fällen geschehe dies durch eine Reduzierung der Informationsflut und nicht dadurch, dass die Technologie omnipräsent ist: Während sich das Smartphone nach Ansicht Pichais natürlich lautstark melden solle, wenn wichtige Termine anstehen, sollten unwichtige Benachrichtigungen nicht im Alltag stören. Das klingt im ersten Moment trivial, erfordert jedoch softwareseitig eine intelligente Erkennung der Relevanz der jeweiligen Benachrichtigungen.

Google Now soll ein solches Filtern von Benachrichtigungen bereits in Ansätzen realisieren, doch auch hier sieht Pichai die Nutzer in der Verantwortung: Diese müssen nämlich anfangen, sich auf das Smartphone tatsächlich zu verlassen. Vielfach schaut man schließlich auf das Smartphone weil man befürchtet, wichtige Informationen oder Nachrichten zu verpassen, obwohl das Gerät einen diesbezüglich ohnehin informieren würde.

Nicht zu nerven: Ein neues Feature?

In diesem Kontext wird Pichai auch die interessante Frage gestellt, ob den Nutzer schlichtweg nicht zu nerven möglicherweise ein wichtiges Merkmal für Software ist. Der Android-Chef entgegnet, dass jeder Dienst seine Einschränkungen benötigt und mit Benachrichtigungen bedachtsam umgehen sollte, um den Nutzer nicht völlig zu überfordern. Andererseits seien die Nutzer auch auf Benachrichtigungen angewiesen: Erinnerungen daran, Sport zu treiben oder anstehende Geburtstagstermine seien von derartiger Wichtigkeit, dass das Smartphone einen dann auch im übertragenen Sinne „anschreien“ dürfe, wie Pichai meint.

In vielen Fällen ist die beste Nutzerfahrung paradoxerweise keine Nutzererfahrung: Pichai verdeutlicht dies am Beispiel von Google Chrome, wo die Inhalte der Webseiten und nicht der Browser selbst im Vordergrund stehen. Während wichtige Funktionen und Informationen stets für den Nutzer greifbar sein müssen, soll die Software andernfalls schlichtweg funktionieren, ohne dass der Nutzer diese aktiv wahrnimmt. Der Fortschritt der Technologie wird demnach im besten Falle dazu führen, dass die Menschen sie immer von ihr bewusst wahrnehmen.

Quelle: The New York Times via XDA-Developers

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