Android: Google musste nach dem iPhone nicht von vorn anfangen

Andreas Floemer 10

Seit einigen Tagen kursiert ein Artikel des Magazins „The Atlantic“ im Web, in dem es heißt, dass Google Android nach der Vorstellung des iPhones komplett neu entwerfen musste. Das scheint allerdings nur die halbe Wahrheit zu sein, denn die Entwickler aus Mountain View hatten einer weiteren Quelle zufolge mehr als ein Eisen Smartphone im Feuer.

Android: Google musste nach dem iPhone nicht von vorn anfangen

Beim Artikel des Magazins „The Atlantic“ handelt es sich um einen für das Web angepassten Auszug aus „Dogfight: How Apple and Google Went to War and Started a Revolution“, das im November dieses Jahres erschienen ist. In diesem Werk beschreibt der Autor, dass ein Team von Google-Entwicklern seit 2005 heimlich, still und leise an dem Prototyp eines revolutionären Devices arbeitete – teilweise bis zu 80 Stunden pro Woche. Man programmierte, verhandelte Lizenzbedingungen aus und reiste durch die Weltgeschichte, um Materialien, Hersteller und Zulieferer für das erste Android-Device zu finden.

Anfang 2007 – genauer gesagt am 9. Januar – wurde laut Vogelstein alles zunichte gemacht, woran das Entwickler-Team monatelang gearbeitet hatte, denn an diesem Tag stellte Apple das erste iPhone vor. Eine Gerät, mit dessen Qualität niemand gerechnet hatte, denn zu der Zeit wurden in erster Linie Microsoft, Blackberry und Nokia von Google als die größte Konkurrenz betrachtet. Dies verwundert kaum, schließlich waren diese die größten Player im Smartphone- und PDA-Business, während Apple auf dem Sektor keine Rolle spielte – dies änderte sich jedoch schlagartig.

Ein historischer Moment, auch für Android-Enthusiasten – die Vorstellung des ersten iPhones:

Mit der Präsentation des ersten iPhones, das aufgrund seines riesigen kapazitiven Touch-Displays, dem Fehlen nahezu jeglicher Hardware-Buttons und dem simplen touch-optimierten iPhone OS (später iOS) ohne Zweifel eine Revolution darstellte, soll das erste Android-Phone, das als den Codenamen „Sooner“ trug, wie aus den 90ern gewirkt haben, so Chris DeSalvo, einer mit dem Projekt betrauten Google-Entwickler. Ferner gab er Vogelstein zu Protokoll, dass ihn das iPhone aus der Warte eines Konsumenten förmlich von den Socken gehauen habe und sofort eines besitzen wollte. Als Google-Entwickler hingegen, dachte er, dass man nun von vorn beginnen müsse.

As a consumer I was blown away. I wanted one immediately. But as a Google engineer, I thought „We’re going to have to start over.“

Einen ähnlichen, allerdings etwas weniger emotionsgeladenen O-Ton konnte der Dogfight-Autor auch von Andy Rubin einfangen. Rubin sagte sinngemäß: „Heiliger Bimbam, ich denke nicht, dass wir dieses Smartphone in den Handel bringen werden.“ Das Einstampfen des Sooner-Protoypen war letztlich nur konsequent. Apple hatte mit dem iPhone ordentlich vorgelegt – Google konnte sich letztlich nicht mehr an den Blackberries und Nokias der damaligen Zeit orientieren, das iPhone musste nun als Referenz herhalten. Dies war aber wohl weniger fatal, als es den Anschein hatte.

T-Mobile G1 launch event

Dass Google parallel bereits ein weiteres Smartphone in der Mache hatte, wurde in Vogelsteins Exzerpt im Atlantic nur beiläufig erwähnt, beziehungsweise so dargestellt, als hätte Google erst nach Vorstellung des iPhones mit dessen Entwicklung begonnen. Glaubt man indes den Aussagen von Diane Hackborn, einer weiteren Google-Entwicklerin, die an Android und der Hardware mitwirkte, hatte sich das ganze etwas anders zugetragen. Denn parallel zum Sooner hatte man das Dream in der Mache, das später – auch hierzulande – also vor circa fünf Jahren als HTC Dream, beziehungsweise T-Mobile G1 auf den Markt kam.

Laut Hackborn war die Softwarebasis auf beiden Geräten identisch – es handelte sich letzten Endes nur um verschiedene Formfarktoren und unterschiedliche Bedienkonzepte – interessante Screenshots aus dem Jahr 2006 zeigen übrigens auf, das schon viel von dem vorhanden war, was Android heute ausmacht: Dem Sooner fehlte ein Touchscreen, sodass man man mit Hardwaretasten navigieren und Eingaben tätigen musste, wie bei einem Blackberry; das Dream besaß hingegen einen Touchscreen und alle erdenklichen Sensoren, die in ein modernes Smartphone gehören. Hackborns Aussagen aus dem Jahr 2012 zufolge war man 2007 jedoch noch nicht so weit, um das Dream auf den Markt zu bringen – die Hardware war zwar fertig, die Software indes noch nicht. Aus diesem Grund stellte man das erste SDK im Jahre 2008 noch auf der Hardware des Sooner vor. Die Software für das Dream und folgende Smartphones mit Touch-Display musste noch in vielen Belangen verfeinert werden, so Hackborn. Bis zum Release des HTC Dream wurde viele Monate an der Stabilisierung, Optimierung und Fertigstellung der ersten finalen Android-Plattform gearbeitet.

Android 2008 – Sergey Brin und Steve Horowitz stellen das erste SDK vor:

Wenn man Hackborns Aussagen richtig interpretiert und Andy Rubins Zitat mit einbringt, so hat die Vorstellung des iPhones die Entwicklung von Android-Phones vielleicht ein wenig ausgebremst, aber auf keinen Fall dazu geführt, dass Googles Entwickler mit der Entwicklung ganz von vorn beginnen mussten. Sooner galt als die sichere Variante, die so gut wie fertig war, da es auf einem existierenden HTC-Device basierte, während das Dream sich hingegen noch in der Entwicklung befand und ein Blick in die Zukunft sein sollte. Letztlich entschied man sich dafür, das Sooner aus verständlichen Gründe ad acta zu legen und etwas mehr Zeit in die Finalisierung des Dream zu investieren – der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte. Ob Hackborns oder DeSalvas Perspektive nun mehr Wahrheitsgehalt birgt, ist letztlich schwer zusagen – eines ist mit Sicherheit nicht von der Hand zu weisen – Apple hat, so ungern man es als Android-Fan hören mag, mit dem iPhone Technikgeschichte geschrieben, wenngleich Android mittlerweile die Oberhand gewonnen hat – und ich denke, wir können froh sein, dass Google sich das Sooner gespart hat.

Quelle: OS News; The Atlantic;  Bild: Steve Troughton-Smith [via 9to5Mac]

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