Smartphone-Kameras: Warum gute Fotos zu schießen nicht mehr ausreicht [Kommentar]

Frank Ritter 51

Das Galaxy Note 3 ist unzweifelhaft eines der besten Smartphones zurzeit. Schwachpunkt des Gerätes ist allerdings die Kamera – und das, obwohl sie sehr gute Bilder zu schießen imstande ist. Am Note 3 zeigt sich exemplarisch, wie diverse Android-Geräte, trotz immer neuer Feature-Gimmicks, die Realitäten der Smartphone-Fotografie verkennen. Ein Rant.

Smartphone-Kameras: Warum gute Fotos zu schießen nicht mehr ausreicht [Kommentar]

Ich habe ein neues Smartphone: das Samsung Galaxy Note 3. Im Großen und Ganzen bin ich mit dem Gerät sehr zufrieden, es gibt nur zwei Aspekte, die mich daran stören. Zum einen sind das Probleme mit der WLAN-Verbindung, auf die ich hier aber nicht näher eingehe – das heben wir uns für den Testbericht auf. Zum anderen ist es die Kamera, mit der ich nicht komplett zufrieden bin.

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Manche Fotos, die mit dem Galaxy Note 3 geschossen wurden, sind durchaus gelungen

Versteht mich nicht falsch, das Note 3 macht beizeiten gute Bilder. Die 13 MP-Kamera bewegt sich auf demselben guten Niveau wie die im Samsung Galaxy S4 (Test). Unter Idealbedingungen schießt sie großartige Bilder. Bei stillen Szenerien mit guter Ausleuchtung, mit beiden Händen möglichst ruhig gehalten, kann das Galaxy Note 3 Ergebnisse produzieren, die beinahe mit den Fotos von DSLR-Kameras, mindestens jedoch mit den meisten Kompakt-Knipsen mithalten kann.

Die Kamera im Note 3: Gut, aber nicht gut genug

Blöd nur, dass der Alltag selten Idealbedingungen bereithält. Man zückt sein Smartphone eben doch meist nicht, um bei blauem Himmel und mit der Sonne im Rücken Landschaftsaufnahmen zu machen. Das Handy wird herausgeholt, wenn man seine Freunde bei Schummerlicht im Club fotografieren will, den herumwuselnden Hund beim Gassigehen oder die kleine Tochter, wenn sie zum ersten Mal ein Klettergerüst erklimmt. Denn das ist ja der große Vorteil von Smartphones: Man hat sie immer dabei, sie sind verfügbar, selbst wenn man eigentlich nicht plante, ein Foto zu schießen. Nur werden die meisten Kameras in Android-Smartphones dem nicht gerecht. Das Galaxy Note 3 ist ein Beispiel.

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Nachtfoto, geschossen mit dem Galaxy Note 3 (Ausschnitt, Klicken für volle Version)

Zurück zum Galaxy Note 3. Viele Bilder, die man damit „aus der Hüfte“ schießt, sind verwackelt. Bei Fotos, die in der Nacht entstanden sind, dominiert Pixelmatsch. In einigen aktuellen Android-Smartphones werden diese Probleme angegangen: Das HTC One (Test) und das LG G2 (Test) besitzen einen optischen Bildstabilisator, das HTC One kann dank seines Ultrapixel-Sensors zudem deutlich bessere Bilder bei ungünstigen Lichtverhältnissen schießen.

Gimmicks vor Geschwindigkeit

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Neben zahlreichen Aufnahmemodi besitzt das Note 3 auch einen für Golfschwünge

Ein weiteres Problem des Galaxy Note 3 ist die überfrachtete Kamera-App. Ich unterstelle, dass der Großteil der Leute die wenigsten Features von Samsungs Kamera-Anwendung nutzen. Vom gelegentlichen Herumblödeln mal abgesehen – wer erstellt mit seiner Kamera-App Animated GIFs? Wozu braucht man ein Aufnahme-Preset für Schwünge beim Golfspiel? Die wichtigste Anforderung erfüllt das Galaxy Note 3, genau wie sein kleineres Schwestermodell Galaxy S4, nicht: Geschwindigkeit.

Samsungs Kamera-App braucht zu lange, um zu starten. Nach einem Druck auf den Auslöser vergeht noch einmal eine gefühlte Sekunde, bis das Foto wirklich aufgenommen wird. Nach der Aufnahme erscheint häufig ein Ladebalken, der inhaltlich wenig aufschlussreich „Verarbeitung läuft“ verkündet. Was das Gerät dabei macht – unklar. Der Burst Shot-Modus, mit dem man in schneller Folge mehrere Fotos auf einmal schießen und sich dann das beste auswählen kann, versteckt sich hinter dem Bildaufnahme-Modus „Bestes Foto“, der erst umständlich aktiviert werden muss. Kurzum: Für Schnappschüsse, und damit einen der Haupteinsatzzwecke einer Handykamera, ist das Galaxy Note 3 selten brauchbar.

Merkwürdigerweise war das bei Samsung auch schon einmal besser: Das Galaxy S3 mag beim Launch weder Live-Effekte im Instagram-Stil noch den obskuren Bild-im-Bild-Modus geboten haben, mit dem man Fotos mit Front- und Rückkamera gleichzeitig schießen konnte. Dafür löste sie bedeutend schneller aus und fühlte sich allgemein schlanker, ja – alltagstauglicher, an.

Ja, es sind Luxusprobleme, die ich hier schildere, denn in den vergangenen Jahren war ich mit Smartphone-Kameras zufrieden, die in Sachen Bildqualität deutlich schlechtere Ergebnisse als das Samsung Galaxy Note 3 produzierten. Das Problem ist allerdings: Ich bin angefixt. Denn in diesem Jahr, und teilweise auch schon 2012, sind einige Smartphones erschienen, die zeigen, wie es besser geht.

Das HTC One machte fast alles richtig: Deutlich bessere Qualität bei schlechten Lichtverhältnissen, optischer Bildstabilisator und vor allem eine Kamera-App, die sich auf das Wesentliche fokussiert. Ein Druck auf den Auslöser schießt sofort ein Foto, ein längerer Druck startet sofort den Burst Shoot, mit einer einfachen Wischgeste wechselt man zwischen der Rück- und der (hervorragenden) Frontkamera und Touch-to-Focus stellt auch die Belichtung des Motivs ein. Alles sehr praktisch.

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Aus der Nähe zu detailarm: Foto des HTC One (Ganzes Bild)

In Bezug auf das, was wir in unseren Testberichten gelegentlich etwas unbeholfen „Experience“ nennen, ist das HTC One nahezu perfekt. Allein, es fehlt den Fotos des One an der notwendigen Bildqualität, um als bestes Kamera-Handy zu gelten. Mit einer Auflösung von nur 4 MP, latent ausgewaschen wirkenden Farben und einem zu aggressiven Postprocessing fehlt es den Bildern, die das Gerät aus Taiwan lieferte, an Tiefe und Details – jenem Bereich, in dem wiederum Samsung brilliert. Perfekt sind leider auch die Top-Smartphones anderer Hersteller nicht, wie wir in den Tests zum LG G2 und dem Sony Xperia Z1 erläutern – von der bekanntermaßen alles andere als berauschenden Bildqualität im Nexus 4 (Test) ganz zu schweigen.

Wo bleibt der PureView-Androide?

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Das Nonplusultra an Foto-Qualität im Smartphone-Sektor liefert seit Jahr und Tag Nokia – ein Konzern, der sich leider gegen Android als Betriebssystem ausgesprochen hat. Ob wir nun vom Nokia PureView 808 von 2011 sprechen, dem Lumia 920 von 2012 oder den Lumias 925, 1020 und 1520 aus diesem Jahr – die Fotos, die die Geräte der Redmond-Finnen schießen, sind schlechterdings atemberaubend und denen der Android- wie iOS-Konkurrenz teils deutlich überlegen: Carl Zeiss-Optik, Bildstabilisatoren, Low-Light-Performance und die Kamera-App machen aus den Geräten die jeweiligen Vorreiter ihrer Generation in Sachen mobiler Fotografie.

Smartphones sind die wichtigsten Kameras unserer Zeit, Android ist das wichtigste Mobil-OS dieser Tage. Es wird höchste Zeit, dass sich diese beiden Fakten ergänzen. Die Zeiten von Feature-Bloat und Megapixel-Wahn sind vorbei – Hardware-Hersteller sollten sich für ihre Geräte 2014 auf das Wesentliche konzentrieren:

  • Ein Sensor, der gute Bilder auch bei schlechtem Licht einfängt
  • Optische Bildstabilisierung (ohne macht auch 4K-Videoaufnahme keinen Sinn)
  • Eine App, die schnell startet, responsiv ist und den Fokus auf wichtige Funktionen legt statt auf Features, die niemand braucht.

Mir ist bewusst, dass ich auf vergleichsweise hohem Niveau mosere, aber ich will endlich das perfekte Kamera-Handy mit Android. Der Ball liegt in eurem Spielfeld, liebe Hersteller. Wer ist der erste, der ihn annimmt und ein Android-Gerät herstellt, dessen Kamera fit ist für 2014? Ich würde es kaufen.

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