Browser-Engines: Chrome zukünftig mit „Blink“ statt WebKit, Mozilla und Samsung entwickeln „Servo“

Frank Ritter 5

Wer dachte, dass es seit Operas Ankündigung, die eigene Presto-Engine zugunsten von WebKit zu kippen, langweilig auf dem Markt für Browser-Engines werden würde, hat sich getäuscht. Gestern Abend machten gleich zwei Meldungen die Runde, die ordentlich Schwung in die Branche bringen dürften: Mozilla wird mit Samsung kooperieren, um mit Servo eine neue, hochperformante Rendering-Engine zu bauen. Google kündigte nahezu gleichzeitig an, Chrome zukünftig nicht mehr auf WebKit basieren zu lassen, sondern den WebKit-Codestamm zu forken und auf deren Basis die neue Engine „Blink“ zu entwickeln.

Browser-Engines: Chrome zukünftig mit „Blink“ statt WebKit, Mozilla und Samsung entwickeln „Servo“

Chrome: Adieu WebKit, hallo Blink!

Adam Barth, Software-Entwickler bei Google und Teil des Chromium-Teams, hat in einem Posting im Chromium-Blog bekannt gegeben, dass man den Open Source-Code von WebKit kopieren und als neue Rendering-Engine Blink eigenständig weiterentwickeln („forken“) werde. Chromium ist das Open Source-Projekt, auf dem dem Googles Chrome-Browser beruht. WebKit ist ursprünglich ein KHTML-Fork von Apple, dessen Code mittlerweile in zahlreichen Browsern eingesetzt wird.

Grund von Googles Entscheidung für Blink sei, dass die Codebasis von WebKit schwer zu pflegen sei, insbesondere in Hinblick auf die unterschiedlichen Plattformen, auf denen Chrome mittlerweile läuft. Neue Features, etwa verbesserte Multicore-Unterstützung, könnten nur mit hohem Aufwand implementiert werden; die Komplexität behindere das Innovationstempo. Barth betont, dass diese Entscheidung keine leichte gewesen sei, aber dass auch WebKit von diesem Übergang profitieren werde, weil man zukünftig bei dessen Weiterentwicklung weniger Rücksicht auf die komplexen Anforderungen des Chromium-Projekts nehmen müsse.

In einem ersten Schritt werde man in Blink die WebKit-Codebasis bereinigen, um Komplexität herauszunehmen und die Anfälligkeit für Bugs zu vermindern. Zukünftig habe man aber auch vor, experimentellere Features auszuprobieren, was vorher nicht möglich war. Unter Umständen entwickle sich Blink mittelfristig in eine gänzlich andere Richtung als WebKit. Der norwegische Browser-Hersteller Opera, der sich erst kürzlich WebKit, genauer gesagt Chromium, für die meisten eigenen Browser-Projekte zugewandt hatten, kündigte an, Googles Bemühungen bei Blink zu unterstützen.

Der Name Blink geht zurück auf den geliebt-verhassten Blink-Tag, der in alten Netscape-Tagen Text auf Webseiten zum Blinken brachte. Sicherlich ist aber auch die Metapher „Blinzeln“ (englisch: to blink) gemeint, die impliziert, dass Webseiten in einem extrem kurzen Moment dargestellt werden.

Servo: Mozilla und Samsung mit eigener Engine

Eine von Grund auf neue Engine will Mozilla entwickeln, interessanterweise in Zusammenarbeit mit Samsung. Den Koreanern wird schon seit dem vergangenen Herbst nachgesagt, einen eigenen Browser in Entwicklung zu haben — dieser sollte allerdings noch auf WebKit basieren. In der neuen Kollaboration, so Mozilla in einem Blogpost, wolle man eine Browser-Engine entwickeln, die besser angepasst ist an die Erfordernisse von heutigen und zukünftigen Multicore-Prozessoren auf ARM-Basis. Dabei setzt man auf die von Mozilla entwickelte Programmiersprache Rust, die die Vorteile von C++ mit deutlich höherer Sicherheit beim Speichermanagement verbindet.

Was die neuen Engines bedeuten

Die Gegenwart vieler verschiedener Rendering-Engines gleichzeitig war früher ein Garant für Kopfschmerzen bei Webentwicklern. Servo und Blinken dürften nicht in diesen Trend einzahlen, denn es sind offene Projekte, die sich schnell und weitgehend standardkonform entwickeln werden. Google wird durch die Abkehr vom (auch vorher schon heterogenen) WebKit-Umfeld seinen technischen Vorsprung im Browser-Markt ausbauen und das Web-Erlebnis für den Nutzer am Rechner und Android-Gerät noch besser gestalten. Leidtragend sind lediglich die Besitzer von iOS-Geräten, die qua Apple-Nutzungsbedingungen selbst bei Alternativ-Browsern auf die WebKit-Rendering-Engine von Mobile Safari festgelegt sind. Fraglich ist, inwieweit Google diese „Parallelwelt“ mittelfristig noch zu unterstützen bereit ist. Apple gerät somit immer stärker in Zugzwang.

Servo verspricht interessante Ansätze — zur Beurteilung der Leistungsfähigekteit müssten wir allerdings zunächst einen Prototypen begutachten. Dass ein eigener Browser von Samsung ein Politikum darstellt, muss freilich nicht bezweifelt werden: Dies ist eine weitere der (bislang aber bestenfalls symbolischen) Machtgesten von Samsung als stärkstem Android-Gerätehersteller. Google tut gut daran, in den Bereichen Soft- und Hardware weiter Innovationen hervorzubringen, um eine Samsung-Monokultur im Android-Ökosystem zu unterbinden. Auf Nutzerseite gibt es gegen das anziehende Innovationstempo wenig einzuwenden. Um in Browsern zu sprechen: Die Zeiten des IE6 sind endlich und endgültig vorbei.

Quellen: Chromium Blog, Mozilla Blog

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